# taz.de -- Parlamentswahl in Ungarn: „Es könnte ein Wendepunkt sein“
> Viktor Orbán habe einen Mafiastaat errichtet, sagt der grüne
> EU-Abgeordnete Daniel Freund. Die EU solle sich gut auf dessen mögliche
> Abwahl vorbereiten.
(IMG) Bild: Das ganze System Orbán ist auf zwei Dinge ausgelegt: Machterhalt und Selbstbereicherung
taz: Herr Freund, am 12. April wird in Ungarn gewählt, und Viktor Orbán und
die Fidesz-Partei liegen in den Umfragen klar hinten. Wie optimistisch
blicken Sie auf diese Wahl?
Daniel Freund: Es stimmt, zum ersten Mal seit 16 Jahren liegt Orbán hinten,
und es könnte sein, dass er diese Wahl verliert. Die große Frage ist aber,
ob er das geschehen lässt. Oder ob er seine Niederlage nicht anerkennt oder
vorher noch etwas macht – zum Beispiel die Wahl einfach aussetzt. Es gibt
viele Leute, die sich deshalb große Sorgen machen.
taz: Und Sie?
Freund: Ich hoffe natürlich, dass es eine möglichst vernünftige Wahl gibt.
Schon bei den letzten Wahlen wurden ja bereits Wahlkreise so zugeschnitten,
wie es für Orbán am besten ist, das Wahlrecht wurde verändert, die Medien
werden kontrolliert. Das ist alles schon eingepreist, das erwarten wir. Die
Frage ist aber, ob es dieses Mal noch autoritärer wird.
taz: Wie versucht Orbán derzeit, die Stimmung noch zu drehen?
Freund: Mit einer Kombination aus Angst einjagen und Geld verteilen. Orbán
sagt, es gebe die Wahl zwischen ihm auf der einen Seite und der Achse
Selenskyj–Brüssel–Berlin auf der anderen. Wenn er verliere, sei Ungarn im
Krieg. Das ist die Propagandalinie. Das geht so weit, dass gerade
[1][Mitarbeiter einer ukrainischen Bank bei einem Geldtransport in Ungarn
festgenommen wurden].
Gleichzeitig verteilt Orbán Milliardengeschenke. Es gibt Extrazahlungen
fürs Militär, für die Polizei, für Lehrerinnen und Lehrer, für Rentnerinnen
und Rentner. Er probiert, die Wahl so zu kaufen. Die Frage ist, ob das noch
funktioniert. Orbán hat Ungarns Wirtschaft in den letzten 16 Jahren
ziemlich ruiniert. Und seine Familie und sein Freundeskreis haben sich um
Milliarden bereichert.
taz: Der ungarische Soziologe und ehemalige liberale Politiker Bálint
Magyar spricht von einem „postkommunistischen Mafiastaat“. Teilen Sie das?
Freund: Auf jeden Fall. Es ist ein Mafiastaat. Das ganze System Orbán ist
auf zwei Dinge ausgelegt: Machterhalt und Selbstbereicherung.
taz: In den letzten Wochen sind zahlreiche prominente Rechtsradikale aus
der EU wie Geert Wilders und Marine Le Pen in Budapest angerückt, kurz vor
der Wahl soll US-Vizepräsident J. D. Vance anreisen. Hilft das Orbán
wirklich?
Freund: In der Vergangenheit hat es geholfen. Aber inzwischen sind zum
Beispiel die guten Beziehungen zwischen Orbán und Donald Trump bekannt. Und
die Popularität von Trump und seinem Vize ist mit dem Irankrieg nicht
unbedingt gestiegen. Aber wichtig ist natürlich: Orbán ist eine
Persönlichkeit in dieser Bewegung.
Die AfD, die Leute von Le Pen und eben auch aus der MAGA-Bewegung sind
jahrelang nach Ungarn gefahren und haben sich angeguckt, wie Orbán
Demokratie und Gewaltenteilung zerlegt. Das Project 2025 zum Beispiel ist
stark von Orbán inspiriert. Für die ganze Bewegung wäre es ein herber
Rückschlag, wenn er verliert.
taz: Welche Bedeutung hat diese Wahl für die EU?
Freund: Sie ist wahnsinnig bedeutend, nicht nur, weil Orbán die
Führungsfigur der europäischen Rechtsextremen ist. Er hat wie kein Zweiter
die EU an der Nase herumgeführt, viele Milliarden von den EU-Geldern
abgezweigt und Entscheidungen mit seinem Veto immer wieder blockiert. Orbán
hat mehr Vetos eingelegt als alle anderen Staats- und Regierungschefs
zusammen seit Beginn der EU, zuletzt hat er den Krediten für die Ukraine
seine Zustimmung verweigert, die er vorher bereits gegeben hatte.
taz: Sehen Sie in einer Abwahl Orbáns eine Art Befreiungsschlag? Es gibt ja
auch andere: Fico in der Slowakei oder Babiš in Tschechien etwa.
Freund: Ja, es gibt andere, aber niemand hat sich so destruktiv verhalten
wie Ungarn. Orbáns Abwahl wäre ein enormer Gewinn. Und es wäre wahnsinnig
wichtig, nicht abzuwarten, was am 12. April passiert, sondern
sicherzustellen, dass sich das nicht wiederholen kann. Wir müssen zum
Beispiel das Einstimmigkeitsprinzip, das für viele Themen bei Abstimmungen
im Rat gilt, einschränken oder gleich ganz abschaffen.
taz: Ist die EU gewappnet, wenn Orbán eine Niederlage nicht hinnehmen
sollte?
Freund: Ich fürchte, sie ist es nicht. Die EU und die deutsche
Bundesregierung müssten sich auf die verschiedenen Szenarien gut
vorbereiten. Es kann sein, dass Orbán sich am Wahlabend einfach zum
Gewinner erklärt, obwohl er die Wahl nicht gewonnen hat, und dass Donald
Trump zum Wahlsieg gratuliert. Dann kommt es elementar auf das Verhalten
der Europäer an. Darauf sollte sich die EU gut vorbereiten. Darf Orbán am
nächsten EU-Gipfel teilnehmen, dürfen seine Minister im Rat weiter mit
abstimmen, wenn das gar keine demokratisch legitimierte Regierung ist?
taz: Was erwarten Sie von Bundeskanzler Friedrich Merz?
Freund: Dass er zusammen mit der Kommission und den europäischen Partnern
die Szenarien durchspielt und vorbereitet, wie man dann gemeinsam reagiert.
Und dass man auch schon im Vorfeld sehr, sehr klarmacht, dass es nicht
akzeptabel ist, dass mitten in der Europäischen Union eine Wahl gestohlen
oder massiv manipuliert wird.
taz: Nehmen wir mal an, die Opposition gewinnt und Orbán erkennt seine
Wahlniederlage an. Lässt sich sein fundamentaler Rückbau von Demokratie und
Rechtsstaat überhaupt wieder zurückdrehen?
Freund: Orbán hatte 16 Jahre lang eine verfassungsändernde Mehrheit. Er hat
sein System tief in der Verfassung verankert. Auf allen staatlichen Stellen
sitzen Getreue: Staatsanwälte, Richterinnen und Richter, Vorsitzende etwa
beim öffentlichen Rundfunk oder staatlichen Agenturen. Teilweise sind Leute
auf Lebenszeit ernannt.
Demokratie, Rechtsstaat und Pressefreiheit wiederherzustellen, wird extrem
schwierig. Wir haben das bereits in Polen gesehen, und die PiS hatte nur
acht Jahre Zeit. Das wird eine Riesenaufgabe für eine zukünftige ungarische
Regierung, aber natürlich auch für die EU-Institutionen, die diesen Prozess
unterstützen müssen.
taz: Wie?
Freund: Péter Magyar verspricht, sehr schnell der Europäischen
Staatsanwaltschaft beizutreten. Das wäre ein guter Schritt, um anzufangen,
dieses korrupte Orbán-System zu bearbeiten. Die EU könnte mit Expertise
helfen, die Unabhängigkeit der Justiz wiederherzustellen. Und dann gibt es
noch die EU-Gelder, die derzeit zu einem signifikanten Teil eingefroren
sind oder zurückgehalten werden.
taz: Sie meinen die 18 Milliarden Euro, die wegen Mängeln bei der
Rechtsstaatlichkeit eingefroren wurden?
Freund: 18 Milliarden Euro wurden eingefroren. Weitere 16 Milliarden für
Verteidigungsunterstützung wurden bisher auch nicht freigegeben. Über diese
Mittel werden wir sehr schnell eine Debatte bekommen. Ungarn steht im
Grunde kurz vor der Pleite. Aber man kann die Gelder nur auszahlen, wenn
Rechtsstaat und Korruptionsbekämpfung funktionieren. Wahrscheinlich
brauchen wir dann einen Stufenplan.
taz: Was sollte die EU aus der Causa Orbán lernen?
Freund: Die Hauptlektion muss sein, dass man das Problem nicht ignoriert.
Bei Orbán wurde viel zu lange gewartet, bei Polen haben wir das schon etwas
besser gemacht, da gab es früher entsprechende Sanktionsverfahren und das
Einfrieren von Geldern. Im Europäischen Parlament waren wir bislang bei
solchen Sachen sehr klar, aber da haben sich die Mehrheitsverhältnisse
inzwischen verändert.
Das Problem liegt aber vor allem im Rat. Da herrscht immer noch diese
Logik, dass man sich in die internen Angelegenheiten anderer Länder nicht
einmischt. Das funktioniert nicht mehr bei einem gemeinsamen Markt und
gemeinsamen Werten und wenn jeden Tag gemeinsam Gesetze beschlossen werden.
taz: Könnte die Abwahl von Orbán ein Wendepunkt sein für den Rechtsruck,
den wir im Augenblick überall sehen? Oder ist nicht viel entscheidender,
dass nach Italien nicht im kommenden Jahr mit Frankreich ein weiteres
wichtiges EU-Kernland kippt?
Freund: Ich glaube schon, dass diese Wahl in Ungarn ein Wendepunkt sein
kann: wenn wir sehen, dass Orbán selbst unter all diesen schwierigen
Voraussetzungen zu schlagen ist. Malen wir mal ein positives Szenario:
Orbán verliert am 12. April die Wahl. Bei den Midterms Ende des Jahres
bekommen die Republikaner und Donald Trump eine Riesenklatsche.
Dann haben wir im nächsten Jahr, in dem es außer in Frankreich auch in
Polen extrem wichtige Wahlen gibt, eine ganz andere Stimmung. Es ist ja
nicht ausgemacht, dass überall die Rechtsextremen immer stärker werden und
an die Macht kommen. Von dieser Wahl in Ungarn kann eine große
Signalwirkung ausgehen.
4 Apr 2026
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