# taz.de -- Ungarisch-russische Beziehungen: Eine Hand wäscht die andere
> Ungarns Außenminister kabelt EU-Interna an seinen russischen Amtskollegen
> Lawrow. Moskau schickt „Wahlkampfhelfer“ für Premier Orbán nach Budapest.
(IMG) Bild: Bekommt Wahlkampfhilfe aus Russland: Ungarns Premierminister Orbán
Ein Abhörskandal erschüttert Ungarn kurz vor der Parlamentswahl am 12.
April. Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó soll sein russisches
Pendant Sergei Lawrow jahrelang über vertrauliche Ministerratssitzungen in
Brüssel „in Echtzeit“ informiert haben. Die entsprechenden Telefonate
fanden demnach in den Sitzungspausen statt, wie zuerst [1][die Washington
Post berichtete].
Die ungarische Regierung bezeichnete das zunächst als „Fake News“. Am
Dienstag schließlich räumte Szijjártó die Kontakte öffentlich ein. „Ich
spreche nicht nur mit dem russischen Außenminister, sondern auch mit
unseren amerikanischen, türkischen, israelischen, serbischen und anderen
Partnern vor und nach den EU-Ratssitzungen“, sagte er am Rande einer
Wahlkampfveranstaltung.
Scharfe Kritik kam unter anderem vom polnischen Premier Donald Tusk:
„Orbáns Außenminister hat bestätigt, dass er Moskau systematisch darüber
informiert hat, worüber die EU-Staats- und Regierungschefs hinter
verschlossenen Türen gesprochen haben. Welch eine Schande!“ Die Beratungen
der EU-Außenminister seien vertraulich, hieß es auch vom Auswärtigen Amt in
Berlin. Dies sei nicht verhandelbar, eine Verletzung werde man nicht
hinnehmen.
Die Europäische Kommission forderte Budapest zur Klarstellung auf und
bezeichnete die Berichte als „sehr besorgniserregend“. Details dazu nannte
sie auf Anfrage aber nicht. Auch der Rat der Europäischen Union prüft die
Angelegenheit.
## Schwere Anschuldigungen
Auch Oppositionsführer Péter Magyar von der Tisza-Partei erhob schwere
Anschuldigungen gegen den Außenminister. Szijjártó scheine „mit Russland zu
kollaborieren und damit ungarische und europäische Interessen zu verraten“,
schrieb Magyar. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, käme dies Hochverrat
gleich. Eine künftige Tisza-Regierung werde die Angelegenheit sofort
untersuchen.
Zoltán Kovács, Sprecher der ungarischen Regierung, wies die Vorwürfe
zurück. Er [2][sieht darin] „eine koordinierte Kampagne“ von Brüssel,
Orbán-Herausforderer Péter Magyar und dem ukrainischen Präsidenten
Wolodymyr Selenskyj. Ziel sei es, „Ungarns Souveränität zu untergraben und
die Parlamentswahl zu beeinflussen“. Belege dafür nannte er nicht.
Darüber hinaus belastet ein abgehörtes Telefonat zwischen Szijjártó und
Lawrow aus dem Februar 2020 die ungarische Regierung schwer. Darin bittet
Szijjártó, dem slowakischen Premier Peter Pellegrini einen Besuch beim
russischen Premier Michail Mischustin zu ermöglichen, als Hilfe im
damaligen slowakischen Wahlkampf.
Lawrow zeigte sich dafür offen, und Pellegrini reiste tatsächlich drei Tage
vor der slowakischen Parlamentswahl nach Moskau. Das Gespräch soll ein
EU-Geheimdienst aufgezeichnet haben, [3][veröffentlicht wurde das
Protokoll] nun vom ungarischen Journalisten Szabolcs Panyi.
## Keine Antwort auf Fragen
Budapest reagierte nicht mit Aufklärung der Angelegenheit, sondern mit
Diffamierung: Kovács bezeichnete Panyi als [4][Werkzeug westlicher
Netzwerke]. Schon in früheren Fällen hatte die ungarische Regierung zur
Diskreditierung unliebsamer Journalisten gegriffen. Anfragen der taz an das
Regierungsbüro und das Außenministerium in Budapest blieben unbeantwortet.
Die Enthüllungen fallen in eine heikle Wahlkampfphase. Orbáns Fidesz liegt
seit Monaten hinter Magyars Tisza-Partei. Anfang März wurde zudem bekannt,
dass der Kreml Experten für Social-Media-Manipulation nach Budapest
geschickt hat, um die Parlamentswahl zu beeinflussen. Tatsächlich werden
die sozialen Medien in letzter Zeit von antieuropäischen und
antiukrainischen Desinformations-Postings geflutet.
Zuletzt [5][soll Russland gar erwogen haben], einen Anschlagsversuch auf
Orbán zu fingieren, um dessen Umfragewerte zu verbessern. Ziel sei es
gewesen, die Kampagne von sachpolitischen Debatten wegzuverlagern. Das
interne Dokument wurde von einem europäischen Geheimdienst authentifiziert
und der Washington Post zugespielt.
Die Wahlkampfhilfe beschränkt sich nicht auf Moskau. Am Montag sprach
US-Präsident Donald Trump [6][in einem Posting] seine „vollständige
Unterstützung“ für Orbán aus. Anfang April soll zudem Vizepräsident J. D.
Vance nach Budapest reisen. Dort gaben sich Anfang dieser Woche führende
europäische Rechtsaußenpolitiker die Klinke in die Hand, darunter
Frankreichs Marine Le Pen und Italiens Vizepremier Matteo Salvini.
Zwei Tage zuvor hatte eine ähnliche Riege, unter anderem AfD-Chefin Alice
Weidel, beim CPAC-Jahrestreffen ihre Solidarität mit Orbán bekundet. Das
Treffen fand bereits zum fünften Mal in Ungarn statt, das der
internationalen Rechten längst als Blaupause für den illiberalen Umbau
eines Staates gilt.
26 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.washingtonpost.com/world/2026/03/23/orban-opponent-calls-alleged-russian-backchannel-treason/9187fd1e-26ca-11f1-a0f2-3ba4c9fe08ac_story.html
(DIR) [2] https://x.com/zoltanspox/status/2036092105487994893
(DIR) [3] https://24.hu/belfold/2026/03/23/panyi-szabolcs-lavrov-szijjarto-lehallgatas-orosz-szivarogtatas-orban-anita-tisza-part/
(DIR) [4] https://x.com/zoltanspox/status/2036124375238295564
(DIR) [5] https://www.washingtonpost.com/world/2026/03/21/hungary-election-interference-russia-orban/
(DIR) [6] https://truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/116286710096907230
## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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