# taz.de -- Meredith Monk und MaerzMusik: Der Tod bekommt nur ein Gackern zurück
       
       > Beim Festival Maerz Musik spielt Meredith Monk mit elementaren
       > Stimmgesten. Den Großen Berliner Kunstpreis, den sie erhält, hat der
       > Senat zuvor halbiert.
       
 (IMG) Bild: Jede Geste sitzt: Meredith Monk bei der MaerzMusik
       
       Wie klingt Kultur, wenn sie Kritik übt? Wie ein subtiles, feines Rülpsen.
       Solch ein Geräusch zumindest holte der Präsident der Akademie der Künste
       Berlin, der Komponist Manos Tsangaris, am Samstagabend bei der Eröffnung
       des Festivals [1][Maerz Musik] auf der Bühne aus einer kleinen Reibtrommel
       heraus. Tsangaris zuppelt an einer durch eine Trommeldose gezogenen Schnur
       und schon schallt etwas über die 999 Sitzplätze im großen Saal der Berliner
       Festspiele hinweg, das sich von einem hohen, scheinbar versehentlich
       herausgeschlüpften Hickser zu einem kehligen, satten Knattern geriert.
       
       Man könnte dies auch als einen feinklanglichen Kommentar zur Berliner
       Kulturpolitik lesen, denn Tsangaris will die New Yorker Vokal- und
       Performancekünstlerin Meredith Monk ankündigen, die nicht nur ähnliche
       Sounds aus der menschlichen Stimme herausarbeiten kann, sondern [2][soeben
       von der Akademie der Künste mit dem Großen Berliner Kunstpreis
       ausgezeichnet] wurde. Und dem Preis wiederum hat der Berliner Senat [3][die
       Hälfte des Preisgelds gestrichen].
       
       Die Akademie der Künste hat bereits öffentlich protestiert gegen die
       Einsparung von insgesamt 22.500 Euro. Auf der Bühne sagt Tsangaris dazu
       nichts mehr, bleibt lieber bei der kritischen Anspielung: Der Große
       Kunstpreis, 100 Jahre nach der Märzrevolution gegründet, sei der Demokratie
       gewidmet. Und die Kunst, deren Wert sich ja schwerlich monetär messen
       lässt, solle, so Tsangaris, [4][im Sinne Meredith Monks] nunmal Unruhe
       stiften und die Fantasie anregen, das sei bedrohlich für die Mächtigen und
       gut für die Demokratie.
       
       ## Verhandelt werden die großen Themen
       
       Es geht also durchaus um die ganz großen, gesellschaftlichen Themen auf der
       diesjährigen Ausgabe des Festivals für Neue Musik. Verhandelt werden sie in
       dieser Woche vielmehr anhand feiner klanglicher Nuancen. Wie beim
       Auftaktkonzert „11.000 Saiten“ am Freitag in einer alten AEG-Fabrikhalle,
       wo der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas 50 Klaviere über
       einem je minimal anders gestimmten Grundton anspielen ließ, mikrotonale
       Abweichungen in einer bombastischen Rauminstallation.
       
       Am anderen Teil der Stadt, im Kunstraum Spore Initiative, tänzeln die Räder
       von Anvid Navabs und Garnet Willis' kinetischer Skulptur nach einem
       zufallsbedingten Rhythmus an einem gut drei Meter hohen Pfahl. Elektrisch
       verbunden sind die Räder mit den Pfeifen einer Casavant-Orgel, je nach
       Bewegung verdichten sich die Orgeltöne zu einem Beat oder sprenkeln weit
       auseinander. Und bei der finalen Sound-Performance-Installation „I Am All
       Ears“ am kommenden Sonntag soll das Gebäude der Berliner Festspiele, das
       Architekt Fritz Bornemann vom gläsernen Foyer bis zur Türklinke gänzlich im
       Zeichen einer leichten Nachkriegsmoderne durchgestaltete, „zu einem
       hörenden Körper“ werden.
       
       Auch Meredith Monk hat in ihrer nunmehr über 60 Jahre langen
       Künstlerinnenkarriere bedeutende Architekturen der Moderne bespielt. Sie
       war gerade in ihren Zwanzigern, als sie 1969 „Juice“ aufführte und 85
       Performer:innen durch die berühmte Rotunde von Frank Lloyd Wrights Bau
       für das Salomon R. Guggenheim Museum in New York wandern ließ. Die
       Performance-Reihe „Juice“ war site-specific, lang bevor dies zum gängigen
       Genre in der Kunst wurde.
       
       Die Vokalkünstlern Meredith Monk, 1942 im New Yorker Stadtteil Queens in
       eine jüdische Familie hineingeboren, kann aus der menschlichen Stimme
       elementare klangliche Gesten herausholen. Auf der Berliner Bühne gurgelt
       sie, hechelt sie, zwitschert sie, dehnt und beugt sie die Klänge wie
       Plasma. Sie summt eine tragende Melodie, während sie gleichzeitig mit der
       Zunge schnalzt und zischt, als hätte sie mehrere Münder. Eigentlich kommt
       Monk vom Tanz. Das merkt man auf der Bühne nicht nur daran, dass sie ihre
       Stimme so flexibel wenden kann wie eine Wirbelsäule.
       
       ## Jedes Details sitzt
       
       Jede Bewegung der 83-jährigen Frau mit ihren charakteristischen, fast bis
       zu den Hüften reichenden Flechtzöpfen in ihrem knallroten Seidenkostüm ist
       bewusst. Welch konzentrierte, minimale Moves sie sich selbst und ihren
       beiden Mitperformerinnen Katie Geissinger und Allison Sniffin in den
       Auftritt hineinchoreografiert hat – einmal die Handfläche zum Publikum
       drehen, einmal das Gesicht zueinanderwenden, dann wieder abwenden. Meredith
       Monk ist da ganz New Yorker Kunstszene, befreundet mit
       [5][Minimal-Music-Größe] [6][Philip Glass], wie man spätestens seit dem
       kürzlich erschienenen [7][Doku-Film „Monk in Pieces“] weiß. Trotzdem ist
       ihre abstrakte Kunst eine ganz eigene, theatrale.
       
       Eines der letzten Stücke am Samstagabend ist eine komödiantische
       Zwiesprache mit dem Tod, eines der wenigen Stücke überhaupt mit Text,
       performt von Monk alleine. „I still have my hands“, „I still have my
       allergies“ singt die Sterbende, worauf der Tod nur mit einem zynischen
       Gackern antwortet.
       
       Ihre Stimme ist beachtlich stark und sicher. Trotzdem rutscht sie mal aus
       oder sackt ab. „Life is messy“ zitiert Meredith Monk den Mitbegründer des
       legendären Münchener Musiklabels ECM, Manfred Eichinger. Monk hat selbst
       bei ECM viele Alben veröffentlicht. Und weiter: „I always go for life“. Und
       darum geht es auch an diesem wunderbaren Konzertabend, um den feinen Dreck,
       der das Leben ist und ein bisschen Unruhe stiftet.
       
       23 Mar 2026
       
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 (DIR) Sophie Jung
       
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