# taz.de -- Niedersachsens Linke und Antisemitismus: Mullah-Anhänger will Bürgermeister werden
       
       > Yunus Cakar demonstriert für Irans Revolutionsgardisten und nennt
       > Huthi-Anführer "Beispiel". Die Linke stellt ihn in Osterholz-Scharmbeck
       > trotzdem auf.
       
 (IMG) Bild: Demo zum Al-Quds-Tag gegen Israel: Yunus Cakar, Bürgermeisterkandidat der Linken, scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen
       
       Es ist ein besonders sonniger Frühlingstag, als Yunus Cakar an einem
       Samstag im April vor knapp zwei Jahren mit Mikrofon auf der Pritsche eines
       Lautsprecherwagens steht. Er spricht zu rund 750 Menschen, die mit
       Palästina-Flaggen und Kufiyas in Frankfurt am Main demonstrieren. Ein
       halbes Jahr zuvor hatte die Hamas am 7. Oktober in Israel das große
       Massaker verübt und Israel seitdem im Gaza-Streifen mit großflächigen
       harten Angriffen reagiert.
       
       Doch den Demonstrant*innen in Frankfurt geht es an jenem Samstag
       offenkundig nicht nur um die Menschen in Palästina. Gleich mehrere Plakate
       zeigen an der Demo-Spitze die Ajatollahs Chomeini und Chamenei, neben dem
       Lautsprecherwagen schwenkt ein Mann eine große Fahne der Islamischen
       Republik Iran.
       
       Die Demo, die unter dem unverfänglichen Motto „Stoppt den Krieg“
       angekündigt war, ist die jährliche Demo zum Al-Quds-Tag gegen Israel, den
       1979 vom iranischen Regime erfunden wurde. Yunus Cakar scheint dabei eine
       wichtige Rolle zu haben. Er liest die Auflagen vor, moderiert und heizt die
       Menge an. So zeigen es Fotos und Videos, die der taz vorliegen, und so
       berichten es Zeugen.
       
       Die Demo in Frankfurt ist nicht die einzige Gelegenheit, bei der sich Cakar
       gegen Israel und für Vertreter des islamistischen Regimes in Iran
       ausspricht. Er macht das seit Jahren. Eben jener Yunus Cakar ist im
       niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck nun für die Kommunalwahl im
       September der [1][Bürgermeisterkandidat für die Partei Die Linke].
       
       ## Kritik an Antisemitismus in der Linkspartei
       
       In der SPD-Hochburg vor den Toren Bremens hat er wenig Chancen auf das Amt,
       umso mehr sagt seine Auswahl über den Zustand der Partei. Nach dem Skandal
       um die Annahme eines [2][Antrags gegen den „real existierenden Zionismus“]
       auf dem Landesparteitag der Linken in Niedersachsen Mitte März regt sich
       Kritik nun auch in den eigenen Reihen.
       
       Cakars Kandidatur wird dabei als Ausdruck eines Problems gesehen, bei dem
       zu vielen Genoss*innen das politische Koordinatensystem in der Frage fehlt,
       wo legitime Kritik an Israels Regierung und Kriegsführung aufhört und wo
       israelbezogener Antisemitismus anfängt – ebenso wie in der Entscheidung, ob
       man sich in seinem Antiimperialismus mit dem islamistischen Terror-Regime
       in Teheran gemein machen will.
       
       Wegen der Demo in Frankfurt hatte der hessische Verfassungsschutz
       [3][bereits vorab vor antisemitischen Äußerungen gewarnt], er erwähnte den
       Protestzug später in seinem [4][Verfassungsschutzbericht für das Jahr
       2024]. Zum Krieg in Gaza sagte Cakar an jenem Tag ins Mikrofon des
       Lautsprecherwagens: „Das ist der erste Genozid der Geschichte der
       Menschheit, der sich so klar abspielt.“ Belegt ist diese Aussage durch
       Videomaterial eines Journalisten des [5][Medienkollektivs Recherche-Nord],
       das der taz vorliegt.
       
       Eine Holocaustrelativierung? Cakar weist solche Vorwürfe zurück. Es handele
       es sich „offenkundig um ein Zitat von Amnesty International ‚Israel
       carrying out ‚live-streamed genocide’ in Gaza‘“, was bei BBC, Al Jazeera
       und anderen internationalen Berichterstattern nachzulesen sei. Auf
       Nachfrage der taz erklärte er: „Der Holocaust ist das größte Verbrechen in
       der Geschichte Deutschlands.“ Bei der genannten Demo sei er weder
       Organisator noch Anmelder gewesen.
       
       ## Linken-Kandidat demonstrierte für Revolutionsgardisten
       
       Bereits 2022 hatte Cakar bei einer Al-Quds-Demo in Frankfurt eine Rede
       gegen Israel gehalten, von einem „Apartheidsregime“ und der
       „Antisemitismuskeule“ gesprochen, wie das pro-israelische [6][„Mideast
       Freedom Forum Berlin“ bereits vor Jahren umfangreich dokumentierte]. Ein
       Video, das der taz vorliegt, zeigt ihn dabei vor großformatigen Porträts
       unter anderem von Chomeini, Chamenei und dem Gründer der Huthi-Rebellen,
       Abdul-Malik al-Huthi.
       
       Auch aus dem Jahr 2021 liegen der taz Fotos aus Berlin vor: [7][Cakar
       demonstrierte mit vier Mitstreitern anlässlich des ersten Todestages des
       Generals der islamischen Revolutionsgarden, Qassem Soleimani, vor der
       US-Botschaft nahe dem Brandenburger Tor].
       
       Soleimani war 2020 von den USA getötet worden. Als Kommandeur der
       Quds-Eliteeinheit organisierte er unter anderem die Unterstützung der
       Terrormiliz Hisbollah im Libanon und des brutalen Machthabers Baschar
       al-Assad in Syrien. 1999 und 2009 [8][soll Soleimani an der Niederschlagung
       der Proteste in Iran beteiligt gewesen sein]. Die Gruppe um Cakar zeigte
       ein Foto Soleimanis auf einem Plakat mit dem Spruch: „Wir bedanken uns bei
       dem Helden, der sein Leben für unsere Sicherheit gegeben hat.“
       
       ## In der Stadtgesellschaft gut vernetzt
       
       In Osterholz-Scharmbeck scheint Cakar wiederum gut vernetzt. [9][Seine
       Partei bewirbt ihren Bürgermeisterkandidaten als „Brückenbauer und
       Vermittler“], „Fußballschiedsrichter“ und „Jugendarbeiter“, als „aktives
       Mitglied in der kurdischen und muslimischen Community“ sowie im lokalen
       Friedensbündnis.
       
       Seit 2016 ist Cakar Vorsitzender des Islamischen Zentrums Osterholz, eines
       Vereins, der ein gleichnamiges schiitisches Religionszentrum betreibt.
       Dessen [10][eigene Facebook-Seite] wirbt mit einem interkulturellen
       Fastenbrechen, zu dem Vertreter*innen von Stadt und Polizei vorbeischauten,
       berichtet von einem Jugendgrillfest und einem interreligiösen Austausch.
       Der letzte Eintrag ist von 2020. Hört man sich in Osterholz-Scharmbeck um,
       dann scheint das Zentrum in den letzten Jahren tatsächlich öffentlich
       deutlich weniger in Erscheinung getreten zu sein.
       
       Auf einem türkischsprachigen Propagandaportal des iranischen Regimes
       hingegen finden sich jüngere Beiträge über den Verein. [11][Etwa eine
       Fotogalerie vom 8. Januar 2023: An jenem Tag gedachten rund 30 Menschen in
       dem Zentrum in Osterholz erneut des getöteten iranischen
       Revolutionsgardisten Soleimani] – auch das Plakat von der Demo in Berlin
       hing dabei an der Wand. Bei der Veranstaltung saßen die Männer vorn und die
       Frauen hinten. So ist es auch [12][ein Jahr später bei einer erneuten
       Gedenkveranstaltung] auf Fotos zu sehen.
       
       Auch über Yunus Cakar wird auf dem Onlineportal mehrfach berichtet, so etwa
       aus dem August 2019, als er sich im Osterholzer Zentrum mit einem Vortrag
       an einer religiösen Konferenz beteiligte. [13][Laut dem Text sprach er über
       die Rolle junger Menschen in der Gemeinschaft und nannte „den jungen Führer
       von Ensarullah als Beispiel“, also den Anführer der Huthi-Rebellen im
       Jemen]. Fotos zeigen Cakar dabei vor einem Porträt von Ajatollah Chamenei.
       
       Cakar weist Vorwurf der Regime-Nähe zurück 
       
       Yunus Cakar selbst bestreitet eine Nähe zum iranischen Regime. „Die einzige
       Nähe, die ich habe, ist zur Bundesrepublik Deutschland und meiner
       Heimatstadt Osterholz-Scharmbeck“, erklärte er der taz. „Ich habe mich
       stets für Frieden im Nahen Osten und gegen eine deutsche Beteiligung an
       Kriegen eingesetzt, was eine Haltung ist, der alle demokratischen Parteien
       nachgehen sollten.“ Andere Vorwürfe, etwa zu seiner Position zur iranischen
       Revolutionsgarde und den Huthi-Rebellen, kommentierte er nicht.
       
       Für die Linken-Politikerin Selin Gören ist die Kandidatur von Cakar indes
       politisch hoch problematisch. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für die
       mutigen Menschen im Iran, die ihr Leben für Freiheiten riskieren“, sagte
       sie der taz. Gören ist Co-Sprecherin der israelsolidarischen
       „Bundesarbeitsgemeinschaft Shalom“ innerhalb der Partei Die Linke. Für sie
       macht die Kandidatur von Cakar sichtbar, dass antisemitische
       Anschlussfähigkeit in der Partei nicht als Problem erkannt werde, sondern
       politisch integrierbar. „Wer Antisemitismus ernsthaft bekämpfen will, kann
       solche Kandidaturen nicht einfach durchwinken“, sagte sie der taz.
       
       Der Sprecher*innenrat des Linken-Kreisverbands in Osterholz erklärte auf
       Anfrage der taz, die Behauptung, im Islamischen Zentrum in
       Osterholz-Scharmbeck fänden regelmäßig Veranstaltungen mit einer
       inhaltlichen Nähe zum iranischen Regime statt, sei unzutreffend. "Nach
       Auskunft von Herrn Cakar wurde der Verein vor geraumer Zeit aufgelöst und
       befindet sich in der Phase der Liquidation." Weiter hieß es: "Angesichts
       der sich zuspitzenden Situation im US-amerikanisch-israelisch-iranischen
       Krieg bekennt sich Die Linke im Landkreis Osterholz zu den
       antimilitaristischen Grundsätzen unserer Partei." Der Sprecher*innenrat des
       Kreisverbands forderte einen sofortigen Stopp der gegenseitigen Angriffe,
       die im Iran, in Israel und den Nachbarstaaten zu einer lebensbedrohenden
       Situation insbesondere für die Zivilbevölkerung führten. "Die Linke auch im
       Kreisverband Osterholz steht gegen Antisemitismus, antimuslimischen
       Rassismus und jede Form von Unterdrückung."
       
       Hinweis: Nach Veröffentlichung wurde der Text um ein Statement des
       Kreisverbands der Linken in Osterholz-Scharmbeck aktualisiert.
       
       25 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.linksfraktion-ohz.de/kvosterholz/inhalt/presse/details/news/unser-buergermeisterkandidat-fuer-osterholz-scharmbeck-yunus-cakar/
 (DIR) [2] https://www.dielinke-nds.de/start/aktuell/detail/news/richtigstellung-zum-antrag-a01-auf-dem-landesparteitag-der-linken-niedersachsen/
 (DIR) [3] https://lfv.hessen.de/publikationen/aktuelles-und-analysen/antisemitische-al-quds-demonstration-in-frankfurt-angekuendigt
 (DIR) [4] https://lfv.hessen.de/sites/lfv.hessen.de/files/2025-09/lfv_jahresbericht_2024_barr_030925_0.pdf
 (DIR) [5] https://www.recherche-nord.com/gallery/2024.04.06.F.html
 (DIR) [6] https://www.mideastfreedomforum.org/veroeffentlichungen/broschueren/quds-tag-in-frankfurt
 (DIR) [7] https://web.archive.org/web/20210124111423/https://www.welayetnews.com/content/17147
 (DIR) [8] https://en.radiofarda.com/a/soleimani-was-involved-in-protest-crackdowns-former-guard-commander-says/30426580.html
 (DIR) [9] https://www.linksfraktion-ohz.de/kvosterholz/inhalt/presse/details/news/unser-buergermeisterkandidat-fuer-osterholz-scharmbeck-yunus-cakar/
 (DIR) [10] https://www.facebook.com/profile.php?id=100078861136742&locale=de_DE#
 (DIR) [11] https://web.archive.org/web/20250714183916/https://www.welayetnews.com/photo/27346
 (DIR) [12] https://web.archive.org/web/20260325131630/https://www.welayetnews.com/photo/32056
 (DIR) [13] https://web.archive.org/web/20190921141803/https://www.welayetnews.com/photo/9302
       
       ## AUTOREN
       
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