# taz.de -- Streit um Israel in der Linkspartei: „Großes Problem mit Einseitigkeit“
> Der Konflikt in der Linken über Israel eskaliert. Jetzt geht der
> Bundesgeschäftsführer der Partei auf Distanz zu den „Antizionist:innen“.
(IMG) Bild: „Murks“: Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linken
Der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, [1][Janis Ehling], hat den
„Antizionismus“-Beschluss seiner niedersächsischen Genoss:innen scharf
kritisiert. „Der Beschluss ist Murks. Der ist auch inhaltlich falsch“,
sagte Ehling am Donnerstag im „Berlin Playbook Podcast“ des
Nachrichtenportals „Politico“. Zwar sei es richtig, sich von einem „rechten
Zionismus“ abzugrenzen, etwa mit Blick auf die aktuelle israelische
Regierung. Eine pauschale Ablehnung des Zionismus gehe jedoch zu weit.
Zugleich wies er den Vorwurf zurück, die Linke habe ein grundsätzliches
Antisemitismus-Problem. Er räumte aber eine „Einseitigkeit“ in Teilen der
Partei ein. „An dem Beispiel sieht man sehr gut, dass wir ein großes
Problem gerade mit einer Einseitigkeit haben“, sagte Ehling dem zum
Springer-Verlag gehörenden Portal. Viele neue, vor allem junge Mitglieder
hätten sich über den Gazakrieg politisiert und nähmen diesen vor allem über
soziale Medien wahr.
Der Landesverband der Linken in Niedersachsen hatte am Wochenende bei einem
Parteitag in Hannover einen Beschluss gefasst, [2][der den „heute real
existierenden Zionismus“ ablehnt.] Gleich fünfmal wird Israel darin des
„Genozids“ in Palästina und zweimal der „Apartheid“ sowohl in den besetzten
Gebieten als auch innerhalb des israelischen Staates bezichtigt. Über den
Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 findet sich kein Wort.
Der israelfeindliche Beschluss war – jenseits der in der Hinsicht ganz
offen so gestrickten Teile der Linkspartei – [3][auf heftige Kritik
gestoßen]. So erklärte unter anderem der Präsident des Zentralrats der
Juden in Deutschland, Josef Schuster, die „demonstrative Ablehnung“ des
jüdischen Staates durch die Linke sei „ein Angriff auf das
Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes“.
## Scharfe Kritik von etlichen Seiten
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sagte, die Landes-Linkspartei
habe nicht nur beschlossen, den Zionismus abzulehnen, sondern habe „den
jüdischen Staat und seine Regierung mit der Hamas gleichgesetzt“. Dieser
Vorwurf bezieht sich auf eine Passage in dem beschlossenen Antrag, in dem
es heißt: „Sowohl die israelische Regierung als auch die Hamas hegen offen
Vernichtungsfantasien gegen die jeweils vom anderen vertretenen
Volksgruppen.“ Das ist das einzige Mal, dass die Hamas in dem Antrag
Erwähnung findet.
Der Beschluss und die Kommunikation der Linken dazu empöre sie, erklärte
Prien in einem vorab verbreiteten Redetext zu einer Preisverleihung. „Denn
es geht nicht um die israelische Politik im Heute, es geht um die Existenz
des Volkes Israel, es geht um die Zukunft jüdischen Lebens weltweit.“ Unter
Hinweis auf Äußerungen einiger Linker aus Niedersachsen sprach Prien von
„wohlstandsverwahrlosten Kommentaren voller Ignoranz und Antisemitismus“.
Jene Teile der niedersächsischen Linken, auf die der am Wochenende mit
Mehrheit angenommene Beschluss zurückgeht, hatten Niedersachsen im
Anschluss als ersten offiziellen „antizionistischen Landesverband“
abgefeiert.
Das sorgt auch innerhalb des Landesverbandes für heftige Kritik. „Wer den
Zionismus als verbrecherisch denunziert, stellt das Existenzrecht Israels
infrage“, sagte die niedersächsische Linken-Bundestagsabgeordnete Maren
Kaminski der taz. Das sei „nicht unsere Beschlusslage und das darf sie
niemals sein“. Die Existenz Israels sei „historisch begründet und für eine
antifaschistische Partei nicht verhandelbar“. Sie fände den Beschluss
„falsch“ und werde sich „dafür einsetzen, dass er korrigiert wird“.
## Reichinnek eiert herum, Eifler wittert Kampagne
Am Mittwoch war auch Heidi Reichinnek, die wie Kaminski auf dem
niedersächsischen Landesparteitag anwesend war, auf Distanz gegangen –
wenngleich auf herumeiernde Weise. „Aus meiner Sicht wird der Beschluss der
komplexen Lage in Israel und Palästina nicht gerecht“, erklärte die
Linksfraktionschefin im Bundestag, früher selbst Landesvorsitzende der
niedersächsischen Linken. Der Beschluss hätte anders formuliert und ergänzt
werden müssen, sagte sie.
Reichinnek betonte, die Darstellung sei falsch, dass die
Niedersachsen-Linke nun ein „antizionistischer Landesverband“ sei: „Denn es
geht im Beschluss um die aktuelle Politik der rechten israelischen
Regierung und nicht den Zionismus mit seinen zahlreichen historischen
Implikationen und seiner Bedeutung als Schutzraum für Jüdinnen und Juden
vor Antisemitismus.“ Das Existenzrecht Israels stehe außer Frage. Ähnlich
hatte sich bereits [4][Parteichef Jan van Aken am Montag] geäußert.
Unterdessen wiesen die niedersächsischen Linken-Landesvorsitzenden Thorben
Peters und Hilke Hochheiden den Vorwurf des Antisemitismus zurück. „Für uns
ist klar: Antisemitismus hat in unserer Partei keinen Platz“, erklärten sie
auf Anfrage. „Jüdisches Leben muss geschützt werden – überall und
jederzeit.“ Die beiden Landeschef:innen verteidigten den Kern des
Beschlusses. „Gleichzeitig sehen wir auch, dass einzelne Formulierungen
missverständlich sein können“, so Peters und Hochheiden. „Es ist
unglücklich, wenn ein Beschluss den Eindruck erweckt, eine Schlagseite zu
haben.“
Das Linken-Bundesvorstandsmitglied Ulrike Eifler sprach hingegen von einer
„Kampagne“ gegen die Linkspartei. „Die Linke hat KEIN
Antisemitismusproblem!“, schrieb Eifler auf „X“. Der niedersächsische
Landesverband habe „sich hier klar und auf dem Boden des Parteiprogramms
positioniert“. Sie könne „den Schaden nicht erkennen“.
## Gysi unter Beschuss
Dass die Linke [5][eine entsprechende Schlagseite] hat – und das nicht erst
seit diesem Wochenende –, wird von anderen in der Partei gleichwohl gar
nicht mehr in Abrede gestellt. Insbesondere altgedienten
Parteifunktionär:innen geht der Ton der Palästinabewegten deutlich zu
weit.
Linken-Urgestein Gregor Gysi sagte jüngst in einem Focus-Podcast mit Blick
auf den Antisemitismus in den eigenen Reihen: „Also das ist jetzt deshalb
gefährlicher geworden, weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund,
auch mit spezifischem Migrationshintergrund in unsere Partei gekommen sind,
was ich eigentlich sehr begrüße. Aber sie bringen eben Sichten auf Israel
mit, die falsch sind.“
Die Empörung der Angesprochenen ist groß. Die Bundesarbeitsgemeinschaft
Migrantische Linke wirft dem 78-Jährigen wegen des Interviews „rassistische
Narrative“ vor. Außerdem diffamiere er öffentlichkeitswirksam „eine
legitime politische Positionierung“. In einem Brandbrief fordert die
Arbeitsgemeinschaft von Gysi eine „öffentliche Entschuldigung bei den
migrantischen und jungen Mitgliedern unserer Partei“, die zeitnahe
Teilnahme an einer antirassistischen Weiterbildung und „ein klares
Bekenntnis zur Beschlusslage der Partei“.
Kritische Töne zu dem niedersächsischen Beschluss, der im Widerspruch zum
Grundsatzprogramm der Linken steht, fehlen in dem Brandbrief der
Bundesarbeitsgemeinschaft. Dabei heißt es im 2011 beschlossenen Erfurter
Programm unzweideutig: Insbesondere die aus den beispiellosen Verbrechen an
den Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus resultierende
besondere Verantwortung Deutschlands „verpflichtet auch uns, für das
Existenzrecht Israels einzutreten“. Zugleich stehe die Partei „für eine
friedliche Beilegung des Nahost-Konflikts im Rahmen einer
Zwei-Staaten-Lösung“. Genau das bestreiten die „Antizionist:innen“ in der
Partei.
## „Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut“
Der frühere Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im
Bundestag, Jan Korte, verteidigte denn auch Gysi, der „absoluten Rückhalt
verdient“ habe. „Es werden in atemberaubendem Tempo Standards abgeräumt,
die für eine undogmatische Linke essenziell sind, ohne dass die
Parteiführung dagegen etwas tut“, sagte Korte dem Spiegel. Es gehe
innerparteilich nur noch „um Geländegewinne sektiererischer Gruppen, wie
jetzt bei den selbst ernannten Antizionisten in Niedersachsen“. Ähnlich
hatte sich zuvor Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow geäußert.
Auch der frühere Thüringer Linken-Minister Benjamin Hoff reagierte empört
auf die gegenwärtige Debatte in seiner Partei. Sie hinterließe bei ihm eine
„Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut“, schreibt Hoff [6][in einer
ausführlichen Stellungnahme]. „Wer im Sinne einer Glaubensgemeinschaft eine
fetischhafte Fixierung auf die Verurteilung Israels richtet, braucht keine
Mühe darauf zu verwenden, einen realistischen Blick auf das zu richten, was
tatsächlich ist“, kritisiert Hoff, der inzwischen Ressortleiter der
Abteilung Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik der IG Metall ist.
Solche Beschlüsse wie in Niedersachsen seien objektiv falsch und
gefährlich. „Niemand braucht über einen Gehaltsdeckel für Abgeordnete der
Linken zu debattieren, wenn politische Verantwortung nicht mal für 5 Cent
zu haben ist“, konstatiert Hoff.
19 Mar 2026
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(DIR) [6] https://benjaminhoff.substack.com/p/die-linke-ist-eine-partei-keine-glaubensgemeinsc
## AUTOREN
(DIR) Rainer Rutz
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