# taz.de -- Teuerungen aufgrund des Iran-Kriegs: Was kommt da auf uns zu?
       
       > Der Irankrieg treibt die Spritpreise nach oben. Im Gegensatz zu anderen
       > Staaten unternimmt Deutschland kaum etwas zur Entlastung der
       > Bürger:innen.
       
 (IMG) Bild: Fünf vor Reservefüllung: Unwahrschein- lich, dass sich die Lage an den Tankstellen demnächst entspannt
       
       Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht in der aktuellen
       Spritpreiskrise offenbar die Chance, ihr ramponiertes Image zu verbessern.
       Angesichts der angespannten [1][Situation im Nahen Osten] will sie die
       Presse künftig regelmäßig über die Lage der Energiemärkte und Maßnahmen der
       Bundesregierung informieren. „Insofern ist das heute ein Auftakt“, sagte
       sie Mitte der Woche bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, auf
       der sie ihre Initiative gegen hohe Preise an den Tankstellen vorstellte.
       
       Umfragen zufolge gehört Reiche, CDU, zu den unbeliebtesten
       Kabinettsmitgliedern. Kontakt zu Journalist:innen vermied sie bislang
       eher, jetzt will sie die Medien nutzen. Dass sie aus der derzeitigen Lage
       gestärkt hervorgeht, ist aber zweifelhaft. Die hohen Spritpreise führen zu
       einer enormen Unruhe. Doch Bürger:innen, Unternehmer:innen und
       Politiker:innen fürchten nicht nur die Rechnung an der Tankstelle,
       sondern auch, dass die Inflation insgesamt galoppiert. Die ganze Wirtschaft
       könnte in Mitleidenschaft gezogen werden.
       
       Dabei ist die seit der Coronapandemie kaum gewachsen und die US-Zölle
       setzen insbesondere der exportorientierten Industrie zu. Das bisschen
       Wachstum, auf das Regierung und Ökonom:innen vor dem Irankrieg hofften,
       scheint schon wieder gefährdet.
       
       Doch anders als in der europäischen Nachbarschaft sind die Maßnahmen der
       deutschen Wirtschaftsministerin sehr überschaubar. Dabei haben die
       Ölkonzerne die Preise hierzulande weitaus stärker angehoben als in anderen
       EU-Staaten – und als es die gestiegenen Ölpreise rechtfertigen. Das zeigt
       eine Auswertung der Monopolkommission. Die ist ein unabhängiges
       Beratungsgremium der Bundesregierung.
       
       ## Eine neue Eskalationsstufe
       
       Die weit weniger belasteten Länder Ungarn und Kroatien haben Preisdeckel
       für Sprit eingeführt. In Österreich will die Regierung aus konservativer
       ÖVP, Sozialdemokrat:innen und liberalen Neos ab April die Steuern
       auf Benzin und Diesel senken und die Gewinne von Energiekonzernen deckeln.
       So sollen die Preise pro Liter Kraftstoff um 10 Cent sinken. Italien will
       mit Steuernachlässen eine Senkung des Preises um 25 Cent je Liter
       erreichen.
       
       Dass sich die Lage an den Tankstellen von alleine kurzfristig entspannt,
       ist eher unwahrscheinlich. Seit Beginn des Krieges gegen den Iran Ende
       Februar ist die [2][Straße von Hormus] im Persischen Golf weitgehend
       gesperrt. Der Iran lässt nur wenige Schiffe passieren. Durch diese Meerenge
       wird ein Fünftel des globalen Ölbedarfs transportiert. Solange sie
       blockiert ist, wird der Ölpreis auf dem Weltmarkt weit über dem
       Vorkriegsniveau bleiben, erwarten Expert:innen. Das trifft auch
       Deutschland, obwohl es kaum Öl aus der Region bezieht. Nachdem Israel eine
       iranische Anlage im Gasfeld South Pars angegriffen hat, ist eine neue
       Eskalationsstufe erreicht.
       
       Selbst wenn es schnell eine Friedenslösung gibt, wird es Monate dauern, bis
       sich der Markt normalisiert. Zu Ostern droht der nächste Preissprung an den
       Zapfsäulen. Dann steigen die Preise traditionell stark – weil besonders
       viele mit dem Auto unterwegs sind.
       
       Für gute Stimmung wird das nicht sorgen. In der deutschen Debatte
       überschlagen sich deshalb Vorschläge, wie die Preise gedrückt werden
       können. In der Diskussion sind Senkungen der Abgaben oder Steuern auf
       Sprit, also ein „Tankrabatt“ wie 2022, und staatlich verordnete
       Preisdeckel. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil prüfe rasche Maßnahmen,
       heißt es. Ins Auge gefasst hat der SPD-Politiker etwa die Einführung einer
       Übergewinnsteuer, mit der übermäßige Profite für Mineralölkonzerne
       abgeschöpft werden. Damit könnte etwa eine Anhebung der
       Pendler:innenpauschale finanziert werden. Allerdings stellt sich
       Klingbeil eine [3][Übergewinnsteuer] auf europäischer Ebene vor – sie wäre
       also keine Sofortmaßnahme.
       
       ## Steigerungen „nicht dramatisch“
       
       Dabei erhöhen nicht mehr nur Energieunternehmen wegen des Irankriegs ihre
       Preise. Der Chemieriese BASF kündigte bereits an, für etliche seiner
       Produkte Preisaufschläge von bis zu 30 Prozent zu verlangen. Kosmetik,
       Reinigungs- oder Waschmittel könnten also teurer werden.
       
       Zweitrunden-Effekt nennen Ökonom:innen dieses Phänomen. Dazu kam es auch
       nach der russischen Vollinvasion der Ukraine vor vier Jahren. Damals
       stiegen nicht nur die Kosten für Energie, mit der Zeit wurde alles teurer.
       2022 betrug die Inflationsrate 7,9 Prozent. Neben Haushaltsenergie, die
       sich um fast 40 Prozent verteuerte, stiegen vor allem die
       Lebensmittelpreise. Aber auch die Preise von anderen Waren wie Kleidung
       (5,1 Prozent) wurden schneller als üblich angehoben.
       
       Dass Lebensmittel sich stark verteuern könnten, wird auch jetzt wieder
       befürchtet. Doch die Sorge ist zumindest im Moment offenbar unbegründet.
       Die Kunstdüngerpreise sind zwar sprunghaft gestiegen. Denn wegen des
       Irankriegs kostet auch Erdgas mehr, das sowohl der wichtigste Rohstoff als
       auch die primäre Energiequelle für die Herstellung dieser Düngemittel ist.
       Aber der Aufschlag ist bisher lange nicht so groß wie nach Russlands
       Überfall auf die Ukraine 2022. Es gebe in der aktuellen Düngesaison auch
       „keine Probleme bei der Versorgung der deutschen Landwirtschaft“, schreibt
       der Industrieverband Industrieverbands Agrar, der die heimischen
       Mineraldünger-Produzenten vertritt.
       
       Weil Dünger jetzt mehr kostet, rechnet Martin Banse, Marktexperte des
       bundeseigenen Thünen-Agrarforschungsinstituts, „mittelfristig mit eher
       steigenden als fallenden Lebensmittelpreisen“. Aber die Erhöhungen würden
       „nicht dramatisch“ sein. Denn bei Weizen zum Beispiel machten Düngemittel
       nur 10 bis 15 Prozent der Erzeugungskosten aus. Im fertigen Lebensmittel,
       also zum Beispiel Brot, ist der Anteil noch viel geringer. Auch die
       kurzfristigen Folgen für die Bauern sind bisher überschaubar. „Die meisten
       haben den Dünger für dieses Jahr bereits gekauft“, so Banse.
       
       ## Was ist mit armen Familien?
       
       Wenig überraschend traf die letzte Inflationswelle arme Haushalte stärker
       als reiche. Erstere müssen einen weitaus größeren Teil ihres Einkommens für
       Energie und Lebensmittel ausgeben, also für die beiden Warengruppen, die
       sich im Zuge der letzten Inflationswelle stark verteuerten.
       
       So rechnete das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)
       aus, dass damals die Inflationsrate für einkommensschwache Familien mit
       zwei Kindern am höchsten war – sie war auf dem Höhepunkt der Krise um 3,5
       Prozentpunkte höher als die Teuerungsrate von reichen Singles.
       
       Auch die jetzigen Preisanstiege dürften wieder arme Familien besonders
       stark treffen, warnt das IMK. Allerdings geht es davon aus, dass sich die
       Anstiege noch in Grenzen halten werden. „Zwar wird die Inflation
       kurzfristig deutlich über zwei Prozent steigen, im kommenden Jahr aufgrund
       von Basiseffekten jedoch deutlich darunter liegen“, schreibt IMK-Expertin
       Silke Tober in ihrem aktuellen Inflationsmonitor. Dabei geht sie davon aus,
       dass die Blockade der Straße von Hormus im Sommer wieder endet und die Öl-
       und Gasinfrastruktur der Golfstaaten intakt bleibt.
       
       Hinzu kommt: Anders als beim Beginn des Ukrainekrieges ist Deutschland
       nicht so abhängig von Öl aus Nahost wie von Erdgas aus Russland.
       
       ## Stärkung des Kartellamts
       
       Gleichzeitig verspricht die Europäische Zentralbank (EZB), im Kampf gegen
       steigende Preise die Zinsen wieder anzuheben. Zwar entschied der EZB-Rat am
       Donnerstag, die Leitzinsen unverändert zu lassen. Doch stellten die
       Notenbanker klar, diesmal schneller eingreifen zu wollen als bei der
       letzten Inflationswelle. „Wir werden alles Notwendige tun, um die Inflation
       unter Kontrolle zu halten und sicherzustellen, dass die Franzosen und
       Europäer keine Inflationsanstiege wie 2022 und 2023 erleben“, sagte
       EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
       
       IMK-Geldexpertin Tober warnt hingegen vor möglichen Zinserhöhungen. Denn
       höhere Zinsen würden die Wirtschaft zusätzlich belasten, die bereits unter
       den US-Zöllen und der Euro-Aufwertung leidet. Und dies kostet insbesondere
       auch in Deutschland bereits Jobs.
       
       Unterdessen könnte der Versuch von Wirtschaftsministerin Reiche, sich als
       Krisenmanagerin zu profilieren, scheitern. Vielmehr könnte sie zum Gesicht
       der heraufziehenden Krise werden. Sie sieht sich als Hüterin des freien
       Marktes. Entsprechend schwach sind die Vorhaben aus ihrem Haus, die zu
       einer Stabilisierung der Spritpreise führen und die bis Anfang April vom
       Bundestag verabschiedet werden sollen.
       
       „Wir tun das, was wehtut: das Kartellamt stärken“, sagt Reiche. Das
       Kartellamt soll mehr Rechte bekommen. Die sind allerdings gar nicht nötig,
       denn die Preise sind aufgrund der wenigen Ölkonzerne jederzeit einsehbar.
       Und: Schnell gehen Eingriffe des Kartellamts nicht. Damit die Konzerne
       nicht sofort bei Anhebungen der Konkurrenz nachziehen können, sollen
       Tankstellen künftig nur einmal täglich die Preise erhöhen dürfen. Um 12 Uhr
       mittags, High Noon.
       
       20 Mar 2026
       
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