# taz.de -- Europäischer Emissionshandel: EU will Energiepreise gegen Klimaschutz ausspielen
> Angesichts steigender Energiepreise überlegt die EU-Kommission, den
> Handel mit CO₂-Zertifikaten zu schwächen. Wie viel das bringt, ist
> strittig.
(IMG) Bild: Das Steinkohlekraftwerk Reuter in Berlin
Als Antwort auf rasant steigende Energiepreise will die EU den
Emissionshandel (ETS) aufweichen und der Industrie neue Hilfen gewähren.
Dies kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen [1][nach dem
EU-Gipfel in der Nacht zu Freitag in Brüssel an]. Zuvor hatten Italien,
Polen und einige andere EU-Länder radikale Reformen bis hin zur Aussetzung
des ETS-Systems gefordert.
Der Emissionshandel setzt auf steigende Preise, um die klimaschädlichen
Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren. Unternehmen müssen CO2-Zertifikate
für den Ausstoß klimaschädlicher Gase erwerben. Dabei erhalten besonders
energieintensive Industrien kostenlose Verschmutzungsrechte. Dieses
kostenlose Kontingent soll nun ausgeweitet werden und auch nach 2035 weiter
bestehen.
Erste Vorschläge würden bereits in den nächsten Tagen auf den Tisch kommen,
[2][kündigte von der Leyen an]. Das System solle auf einen „realistischeren
Pfad“ der Emissionssenkung gebracht werden, so die CDU-Politikerin.
Außerdem will sie einen neuen „Investment-Booster“ schaffen, der der
Industrie mit 30 Milliarden Euro unter die Arme greift. Das Geld soll aus
den Einnahmen des ETS kommen.
Die Maßnahmen sollen helfen, die angeblich existenzgefährdenden
Preissteigerungen bei der Energie zu dämpfen. Allerdings sind die
explodierenden Preise bei Öl und Gas keine Folge des ETS, [3][sondern des
Irankriegs]. Die Gaspreise legten nach Angriffen auf Gasfelder um 25
Prozent zu. Sie liegen nun mehr als 60 Prozent über dem Vorkriegsniveau.
## Einige Länder haben Emissionshandel schon länger im Visier
Die meisten EU-Länder setzen denn auch auf nationale Maßnahmen wie eine
Ölpreisbremse oder Gaspreisdeckel. Der Emissionshandel ist Italien und
Polen aber schon länger ein Dorn im Auge. Beim EU-Gipfel bekamen Rom und
Warschau Unterstützung von mehreren Ländern, darunter Österreich und
Ungarn. Sie sprachen von einem „existenziellen Risiko“ für ihre
energieintensive Industrie.
Dagegen haben sich die skandinavischen Länder und Spanien gegen eine
Abschwächung des ETS ausgesprochen. Deutschland wünscht sich vorsichtige
Anpassungen – etwa bei der Frage, wie viele kostenlose Zertifikate
bestimmte Industriebranchen bekommen. Auch darauf will von der Leyen
eingehen – sie kündigte Reformvorschläge für den Emissionshandel noch vor
der Sommerpause an.
Außerdem will die EU-Kommission eine „Toolbox“ mit möglichen Maßnahmen
gegen den Energiepreisschock vorlegen. Ähnlich war sie bereits bei der
letzten großen Energiekrise in den Jahren 2022/23 vorgegangen – mit mäßigem
Erfolg. Alle Preissenkungsmaßnahmen sollen zielgerichtet und befristet
sein, heißt es in den Schlussfolgerungen des EU-Gipfels.
## Scharfe Kritik aus dem EU-Parlament
Scharfe Kritik am geplanten Eingriff in das ETS kommt aus dem
Europaparlament. „Den Emissionshandel zu schleifen, ist ökonomischer
Unsinn“, sagte Michael Bloss, der klimapolitische Sprecher der Grünen. Wer
das Preissignal kaputt mache, zerstöre die Investitionssicherheit für
nachhaltige Energieträger. „Man kann nicht das Fundament abreißen und
behaupten, das Haus stehe sicher“, so Bloss.
Ähnlich äußerte sich der Umweltverband WWF Deutschland. Den ETS zu
verwenden, um die Stromrechnung zu senken, sei, „wie eine Wasserpistole
gegen einen Großbrand einzusetzen“. Eine dauerhafte Senkung der
Energiekosten werde nur durch einen konsequenten Ausbau der erneuerbaren
Energien möglich. Dafür brauche es auch einen „starken“ CO2-Preis im
Emissionshandel.
20 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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