# taz.de -- Krieg und Treibstoffpreise: Wenn Öl und Gas zur Waffe werden
       
       > Fossile Brennstoffe sind unverzichtbar. Daran ändert auch die
       > Energiewende nichts. Das macht schwache Länder stark – und Donald Trump
       > jetzt machtlos.
       
 (IMG) Bild: Öl und Gas sind immer noch unersetzlich, was sie zu potenten Waffen macht
       
       Öl ist immer ziemlich knapp – auch zu Friedenszeiten. Nachfrage und Angebot
       gleichen sich fast aus. Sobald auch nur ein bisschen Öl fehlt, steigen
       sofort die Preise. Dieser Mechanismus zeigte sich etwa im März 2021, als
       das Containerschiff „Ever Given“ im Suezkanal havarierte und für sechs Tage
       diese wichtige Seeroute versperrte. Schon am ersten Tag stieg der globale
       Ölpreis um 6,4 Prozent, weil nun Knappheiten befürchtet wurden.
       
       Öl und Gas sind immer noch unersetzlich, was sie zu potenten Waffen macht.
       Der Iran ist ein armes Land, aber die Chancen stehen gut, dass die Mullahs
       die Supermacht USA schlagen und ihr strategisches Ziel erreichen, in
       Teheran an der Macht zu bleiben. Denn der Iran hat die Straße von Hormus
       gesperrt, durch die etwa 20 Prozent der globalen Öl- und Gasförderung
       transportiert werden. Das ist eine gigantische Menge, die sich nicht so
       schnell ersetzen lässt.
       
       Vor dem Irankrieg wurden pro Tag etwa 20 Millionen Barrel Öl durch die
       Straße von Hormus verschifft. Zum Vergleich: Russland exportiert täglich 7
       Millionen Barrel, ist also ein relativ kleiner Player auf dem globalen
       Ölmarkt. Aber selbst auf das russische Öl kann die Welt nicht verzichten,
       wie zu Beginn des [1][Ukrainekriegs] deutlich wurde. Kaum ließ Präsident
       Wladimir Putin seine Truppen ins Nachbarland einmarschieren, schossen die
       Preise für Öl und Gas weltweit nach oben.
       
       Deutsche Autofahrer waren schockiert, als im März 2022 an den Tankstellen
       2,26 Euro für einen Liter Benzin fällig wurden. Der Fall Russland ist
       lehrreich, um die jetzigen Probleme im Irankrieg zu verstehen. Da Öl so
       knapp ist, hat der Westen 2022 darauf verzichtet, ein Embargo gegen
       russisches Öl und Gas zu verhängen. Man wollte sich nicht selbst schaden.
       Stattdessen einigten sich die G7-Staaten, die Europäische Union sowie
       Australien auf eine „Preisgrenze“: Reedereien dieser Länder durften
       russisches Rohöl nur noch transportieren, wenn der Preis nicht höher als 60
       Dollar pro Barrel lag. Auch Versicherungen durften Schiffe nur unter
       Vertrag nehmen, wenn dieser Höchstpreis eingehalten wurde.
       
       ## 713 Milliarden Euro für Moskau
       
       Putin legte sich zwar eine „Schattenflotte“ aus alten und maroden Tankern
       zu, musste aber trotzdem Einbußen hinnehmen, weil das russische Öl weltweit
       mit Abschlägen gehandelt wurde. Die Preisdifferenz lag meist bei 10 bis 15
       Dollar pro Barrel, was umgerechnet bedeutete, dass Russland pro Jahr rund
       25 Milliarden US-Dollar entgingen. Das war durchaus ein Erfolg für den
       Westen, hat aber die russischen Öleinnahmen nur leicht geschmälert: Seit
       Beginn des Ukrainekriegs hat Russland geschätzte 713 Milliarden Euro durch
       seine Ölexporte kassiert. Davon stammten 107 Milliarden Euro aus der EU.
       
       Manche Oppositionspolitiker empfinden es als Skandal, dass die EU kein
       Embargo gegen russisches Öl beschlossen hat. Dazu gehört der linke
       Parteichef [2][Jan van Aken], der in seinem Buch „Worte statt Waffen“
       schreibt: „Das Argument, dass ein Ölembargo uns hier in Deutschland stärker
       getroffen hätte als Russland, trägt nicht. Es ist am Ende eine Frage des
       Geldes, und Geld war ja ganz offensichtlich genug da.
       
       Die Bundesregierung hat direkt nach der russischen Aggression ein
       100-Milliarden-Euro-Paket für Aufrüstung beschlossen, um Russland
       militärisch zu begegnen. Mit einem 100-Milliarden-Paket für eine
       nachhaltige Energiewende – und für die Dämpfung der Energiepreise für
       Verbraucherinnen – hätte man Russland den Geldhahn abdrehen und alle Folgen
       eines Ölembargos problemlos auffangen können. Es war eine politische
       Entscheidung gegen den zivilen und für den militärischen Weg.“
       
       Jan van Aken begeht gleich drei Denkfehler. Zunächst einmal verwechselt er
       die Zeitebenen. Natürlich ist es unerlässlich, dass Europa auf nachhaltige
       Energie umstellt. Aber [3][Solarpaneele] und Windräder müssen erst einmal
       hergestellt und installiert werden, bevor sie Strom liefern. Bis dahin
       vergehen Monate bis Jahre, während Russlands Öl auf den Weltmärkten sofort
       fehlt, wenn es zu einem Embargo kommt. Zudem verwechselt van Aken die
       Energiearten: Solarpaneele und Windräder liefern Strom und könnten Öl
       kurzfristig gar nicht ersetzen.
       
       ## Fein raus ist, wer einen Stromer fährt
       
       Die meisten Europäer, zum Beispiel, fahren immer noch Verbrenner, die
       Benzin und Diesel benötigen. E-Autos sind leider selten. Und schließlich
       wäre es kontraproduktiv, die Ölpreise staatlich zu subventionieren. Wenn
       die Preise für die Verbraucher sinken, legt die Nachfrage zu – aber das
       weltweite Angebot wäre durch das Ölembargo trotzdem knapp geblieben. Also
       wären die Ölpreise weiter gestiegen. Die Subventionen hätten zwar sehr viel
       Geld verschlungen, ihre Wirkung wäre aber verpufft, und sie hätten nur die
       Kassen der Ölexporteure gefüllt.
       
       Schon der Ukrainekrieg hat gezeigt, wie sehr die Welt auf jedes Barrel Öl
       angewiesen ist – und beim [4][Irankrieg] geht es jetzt um die dreifache
       Menge. Wenn die Straße von Hormus nicht bald wieder befahrbar ist, werden
       die Ölpreise in unbekannte Höhen schießen. Es ist erstaunlich, dass
       [5][Trump nicht erkannt hat, dass Öl und Gas zu Waffen] würden. Offenbar
       glaubte er an einen Blitzkrieg und dachte, dass es reichen würde, den
       iranischen „Revolutionsführer“ Ali Chamenei zu töten.
       
       Zudem scheint es in seinem Denken eine große Rolle zu spielen, dass die USA
       der weltgrößte Ölproduzent und auf Importe nicht angewiesen sind. Ein
       typischer Post von Trump klingt so: „Die Straße von Hormus muss von den
       Ländern geschützt und kontrolliert werden, die sie nutzen – die Vereinigten
       Staaten sind das nicht!“ Trump scheint die USA für eine Insel zu halten,
       die sich ungestört ihrer gigantischen Öl- und Gasvorräte erfreuen kann. Ein
       verhängnisvoller Irrtum.
       
       In Wahrheit gelten die Weltmarktpreise auch in den Staaten, sodass
       Autofahren in den USA rasant teurer wird. Zwar könnte Trump die heimischen
       Ölkonzerne zwingen, ihren Sprit zu Vorkriegspreisen zu verkaufen und sich
       mit den normalen Gewinnen aus Friedenszeiten zufriedenzugeben. Doch bisher
       zeigt der US-Präsident wenig Neigung, die Ölmilliardäre zu verärgern, die
       seinen Wahlkampf finanziert haben. Zudem wirken die globalen Ölpreise
       indirekt auf die US-Wirtschaft zurück.
       
       ## Für Trump wird es enger
       
       Es ist banal: Die meisten Länder rutschen in eine Rezession, wenn Öl knapp
       und teuer wird. Die amerikanischen Exporte würden sinken. Gleichzeitig
       gingen die globalen Aktienmärkte auf Talfahrt, was auch die US-Börsen hart
       treffen und die Rentenpläne vieler Amerikaner durcheinanderbringen würde,
       die ganz auf private Altersvorsorge gesetzt haben. Und wenn die Aktienkurse
       erst einmal fallen, könnte auch die KI-Blase platzen, die sich an den
       US-Börsen aufgepumpt hat.
       
       Noch ist unklar, wann diese KI-Blase Luft ablässt und wie schlimm die
       Kurskorrektur wird. Falls aber die Straße von Hormus lange geschlossen
       bleibt, würde der Aktiencrash garantiert schon bald stattfinden und Trump
       die Kongresswahlen im November verderben. Inzwischen hat auch Trump
       bemerkt, wie gefährlich der Irankrieg für ihn ist. Systematisch testet er
       sein Wording aus. Wann immer er auf seinem Kanal „Truth Social“ verkündet,
       dass der Irankrieg „bald“ zu Ende sei, gehen die Aktienkurse steil nach
       oben und [6][der Ölpreis] fällt. Sobald er neue Attacken androht, ist es
       umgekehrt.
       
       Bleibt nur ein Problem für Trump: Es liegt gar nicht mehr in seiner
       Entscheidungsgewalt, wann Öl und Gas wieder fließen. [7][Das bestimmt
       allein der Iran]. Das Land hat noch genug Seedrohnen, Seeminen, Drohnen und
       ballistische Raketen, um Tanker anzugreifen. Teheran wird einen hohen Preis
       dafür verlangen, die Straße von Hormus wieder zu öffnen – zumal die Mullahs
       genau wissen, dass schlechte Wirtschaftsdaten verlässlich dafür sorgen,
       dass Trumps Republikaner die Mehrheiten im US-Kongress verlieren.
       
       Trump wollte einen Regime Change im Iran herbeiführen, doch stattdessen
       könnte der Iran einen Regime Change in Washington provozieren. Er ist jetzt
       so verzweifelt, dass er den Iranern erlaubt, ihr Öl zu verkaufen.
       Ausgerechnet der Feind darf also Kasse machen, weil die Ölpreise noch
       weiter steigen würden, wenn auch das iranische Öl fehlen würde.
       Rohstoffarme Staaten wie Deutschland sind diesen Ölkonflikten hilflos
       ausgeliefert. Da bleibt nur die Energiewende – wobei Wärmepumpen besonders
       effizient sind.
       
       Die Union steht nun blöd da mit ihrer „[8][Heizungshammer“-Kampagne], die
       die Wärmepumpe faktenfrei verteufelt hat. Kompetenz sieht anders aus und
       wird jetzt bei CDU und CSU hoffentlich nachgerüstet. Allerdings wäre es
       übertrieben, die Energiewende als Allheilmittel zu preisen. Der Weg ist
       noch sehr weit, bis Deutschland ohne Öl und Gas auskommt. Derzeit decken
       Sonne und Wind nur 10 Prozent des deutschen Endenergiebedarfs ab. Und so
       bleibt als Erkenntnis aus dem Irankrieg: Öl und Gas sind Waffen, die man
       nicht ignorieren sollte.
       
       28 Mar 2026
       
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