# taz.de -- Influencerin über Deepfake-Pornografie: Sexualisierte Gewalt im virtuellen Raum
> Hunderttausende sind von sexualisierten Deepfakes betroffen. Auch
> Influencerin Pia Scholz. Das deutsche Recht ist auf diese Form der Gewalt
> nicht vorbereitet.
(IMG) Bild: Pia Scholz erhielt 2023 den Deutschen Computerspielpreis; hier auf einer Podiumsdiskussion über Antifeminismus
Das Nachrichtenmagazin der SPIEGEL berichtet über schwere Vorwürfe, [1][die
die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann
Christian Ulmen erhebt]. Dem Bericht zufolge laufen hierzu in Spanien
Vorermittlungen. Es geht unter anderem um den Vorwurf digitaler Gewalt und
der Nutzung gefälschter Profile. Ulmen ließ Fragen des SPIEGEL
unbeantwortet; für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Eine neue Form systematischer geschlechtsspezifischer Gewalt bestimmt die
Schlagzeilen. Laut Erhebungen sind bereits Hunderttausende Opfer von
manipulierten pornografischen Inhalten oder Nacktbildern geworden –
darunter auch Pia Scholz.
„Im ersten Moment hat es eine krasse Ohnmacht ausgelöst“, erzählt die
28-Jährige. „Dann überkam mich ein Gefühl des Ekels. Ich habe mich
ausgezogen und beschämt gefühlt.“ Von Scholz kursieren KI-generierte
Deepfakes beim Sex, ihr Gesicht entdeckt sie in gewaltvollen,
sexualisierten Szenarien im Netz: verprügelt, heulend, rassifiziert, nackt.
Sie bekommt Bomben-, Vergewaltigungs-, Kidnap- und Morddrohungen. In ihrem
Namen werden KI-generierte Drohbriefe versendet. Ihr Vergehen: Sie hat im
öffentlichen Diskurs Raum eingenommen – als Frau.
Als sie sich das erste Mal in einem [2][Deepfake]-Porno sah, war Scholz 25
Jahre alt. Damals war sie Gamerin und Influencerin. Auf Twitch hat
Shurjoka, wie sie sich auf der Online-Plattform nennt, 330.000
Abonnent:innen, die ihr 10 Jahre lang beim Spielen von Strategiespielen
zusahen. Ihre Reichweite nutzte Scholz auch für politisches Engagement,
klärte über queerfeministische Themen, Rechtsextremismus und
Armutsbetroffenheit auf.
2023 erhielt sie – mitunter wegen ihres politischen Engagements – den
Deutschen Computerspielpreis, der als wichtigster Preis in der Gamingszene
gilt. „Daraufhin hat die Manosphäre den Verstand verloren“, erzählt Scholz.
Als dann auch noch der Streamer Scurrows, ein erklärter Anhänger [3][des
misogynen Influencers Andrew Tate], behauptet habe, Scholz werfe ihm
sexuelle Belästigung vor, um seine Karriere zu beenden, sei die
Hasskampagne eskaliert.
## Kampagne noch immer in vollem Gange
Drei Jahre später ist die Kampagne gegen die heute 28-Jährige noch immer in
vollem Gange. Einige der Täter vernetzen sich in der öffentlich
zugänglichen Telegram-Gruppe „Shurjoka Game Chat“, der rund 80 Männer
angehören. „Sie wollen herausfinden, wo ich wohne, wo ich mich bewege, was
ich mache“, erzählt Scholz.
Die Chats liegen der taz vor. Darin werden KI-Pornovideos von ihr geteilt,
Doxxings koordiniert – also systematisches Veröffentlichen privater Daten –
und sich darüber ausgetauscht, wie man Bomben baut, etwa, um eine auf dem
Pferdehof, auf dem ihr Pferd steht, hochgehen zu lassen.
Auch „Swattings“ werden dort vorbereitet: absichtlich falsche Notrufe, bei
denen schwere Verbrechen wie Geiselnahmen oder Bombenanschläge vorgetäuscht
werden, um Spezialeinheiten an den Wohnort des Opfers zu locken.
## Herstellung von Deepfakes immer leichter
„Sie haben mich systematisch berufsunfähig gemacht“, sagt Scholz. Swattings
seien nicht nur wiederholt an ihrem Wohnort und bei ihrer Familie in
Österreich ausgelöst worden, sondern auch bei Unternehmen, mit denen sie
zusammenarbeitete. Als Influencerin lebte sie von diesen Kooperationen.
Aufgrund der Bedrohungen habe sie keine neuen Anfragen mehr angenommen.
Was treibt diese Männer an? „Sie wollen keine sexuelle Befriedigung. Sie
wollen einfach Frauen quälen und missbrauchen“, glaubt Scholz.
KI-Pornografie diene nicht dem Wunsch, Frauen nackt zu sehen, sondern der
Degradierung durch Entkleidung und Sexualisierung. „Es geht um Macht und
Kontrolle über Frauen – vor allem jene, die politisch aktiv sind und eine
Meinung vertreten“, sagt Scholz. „Dafür wollen sie Frauen bestrafen.“
Neu sei die digitale Fremdsexualisierung nicht, so Scholz. [4][Neu sei die
schiere Masse und die Qualität der Bilder], die es schwierig machten,
Fälschungen von echten Aufnahmen zu unterscheiden.
Auch Josephine Ballon, Geschäftsführerin von [5][HateAid], beobachtet diese
Entwicklung. „Das Thema gestohlener Nacktbilder und Deepfakes eskaliert,
weil die Herstellung inzwischen erschreckend einfach ist“, sagt die
Rechtsanwältin. Ein Profilbild bei Linkedin genügt als Ausgangsmaterial.
Mit kostenlosen Apps aus dem App-Store lassen sich daraus sexualisierte
Bilder und Videos generieren. Teilweise wird sogar damit geworben, per
Klick Bikini-Fotos zu erstellen oder sexuelle Szenarien auszuwählen.
„Die Eskalation durch Tools wie Grok hat das Thema weiter angeheizt“, sagt
Ballon. [6][Der Chatbot von Elon Musk erstellt auf X sexualisierte Bilder
realer Frauen] und Kinder und erlaubte Nutzern Bilder zu bearbeiten und
damit andere User virtuell auszuziehen. Es entstanden geschätzt drei
Millionen Bilder in elf Tagen, inzwischen ist die Funktion eingeschränkt.
Für Scholz steht fest: „KI-Pornografie wird als systematische Kriegsführung
im Netz eingesetzt – vor allem gegen linke aktivistische Personen, Frauen
und Queers.“ Gepusht werde dies durch „Tech-Bros“, die ihre
antifeministischen und rechten Ideologien vorantreiben wollten. Doch die
Täter seien keineswegs ausschließlich dem rechten Spektrum zuzuordnen. „Es
ist ein Querschnitt der Gesellschaft“, sagt Scholz: vom 16-jährigen Schüler
bis zum Rentner. „Das sind keine [7][Incels] (Anm. d. Red.: Involuntary
Celibats, also Männer, die sich als unfreiwillig enthaltsam verstehen), das
sind Männer, die bereit sind, Frauen abzuwerten und zu entmenschlichen.“
Was sie verbindet: Misogynie.
## Hackaktivistin eingeschaltet
Scholz hat die Identitäten ihrer Täter mithilfe der Hackaktivistin Ornella
Al-Lami, bekannt als Nella, ausfindig gemacht – „in der naiven Annahme,
dass die Polizei nichts unternimmt, weil sie die Täter nicht findet“. Das
habe sich als Fehlannahme erwiesen. „Die Behörden versagen systematisch“,
sagt Scholz. „Es passiert nichts: weder bei der KI-Pornografie noch bei den
Bombendrohungen, den Swattings oder beim Stalking.“
Die Telegram-Gruppe habe sie den Behörden in Brandenburg, wo sie damals
lebte, vor zweieinhalb Jahren gemeldet samt einer Mappe mit Screenshots.
Obwohl darin Hakenkreuze und Hitler-verherrlichende Inhalte geteilt werden
und Mitglieder sich „Remigrator“ oder „Herr Adolf Hitler“ nennen, habe der
Staatsanwalt entschieden, dass die Tat nicht politisch motiviert sei. Die
Akten seien monatelang innerhalb der Behörden herumgereicht worden, von der
Polizei, zum Landeskriminalamt, zur Kriminalpolizei. Schließlich habe ein
Streifenpolizist sie die sexualisierten Gewaltvorstellungen auf der Wache
laut vorlesen lassen, um sie abzutippen.
„Diese Demütigung wollte ich nicht mitmachen und bin aufgestanden“, erzählt
Scholz. Alle von ihr gestellten Strafanträge seien daraufhin kommentarlos
eingestellt worden, so zumindest stellt die Betroffene den Ablauf der
Ermittlungen da.
Was Scholz erlebt hat, ist kein Einzelfall: „Betroffene, die
Deepfake-Pornografie unter großer emotionaler Belastung zur Anzeige
bringen, erfahren häufig, dass die Verfahren eingestellt werden“, sagt
Josephine Ballon.
Im deutschen Strafrecht ist die Herstellung und Verbreitung
nicht-einvernehmlicher Deepfake-Pornografie nicht explizit strafbar. Erst
jetzt hat Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) [8][ein Gesetz zum Schutz
vor „digitaler Gewalt“ auf den Weg gebracht].
Bislang können sich Opfer nur Straftatbestände wie Beleidigung (§ 185
StGB), Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs (§ 201a StGB) oder
Recht am eigenen Bild (§ 22 KUG) berufen – diese greifen aber nur in
Einzelfällen und gelten als Bagatelldelikte. „Deshalb werden solche Fälle
so gut wie nie verfolgt“, erklärt Ballon.
## Hohe Dunkelziffer
Wie viele Menschen in Deutschland von [9][Deepfakes] betroffen sind, ist
unklar. Da Deepfake-Pornografie kein eigener Straftatbestand ist, sind die
Kriminalstatistiken unbrauchbar. Laut Dunkelfeldstudie des
Bundesinnenministeriums bringen nur 2,4 Prozent der betroffenen Frauen
digitale Gewalt zur Anzeige. Ballon vermutet ein „unheimlich großes“
Dunkelfeld. Sie kritisiert: Das bisherige Fehlen eines expliziten
Tatbestandes „ist nicht zeitgemäß und bildet nicht das Recht auf sexuelle
Selbstbestimmung ab“.
Pia Scholz ist aus Brandenburg weggezogen, weil sie keine Ruhe mehr fand.
Doch auch danach sei der Terror weitergegangen. Sie zog erneut um. Heute
hält sie ihren Wohnort unter Verschluss. „Ich fühle mich als wäre ich auf
der Flucht“, sagt Scholz. Besonders frustrierend sei, dass die Täter über
die erweiterte Melderegisterstelle immer wieder ihre Adresse herausgefunden
hätten – trotz Auskunftssperre.
„Das Traumatisierende an Nacktbildern von Frauen ist nicht die Nacktheit
selbst, sondern das, was die Gesellschaft daraus macht“, sagt Scholz:
Druck, Scham und Verurteilung. Die Demütigung dringe auf perfide Art in das
Privatleben und verursache dort Gewalt, wo Frauen eigentlich Schutz suchen.
Doch Scholz weigert sich, den Tätern das Feld zu überlassen.
„Gesellschaftliche Teilhabe findet heutzutage online statt. Wenn ich mir
die Teilhabe nicht erkämpfe, werden immer mehr weibliche Perspektiven weg
terrorisiert und zurückbleibt eine weiße patriarchale Gesellschaft von
cis-Männern.“
Die größte Herausforderung sieht Scholz darin, dass es bislang kaum
gesellschaftliches Bewusstsein für das Thema gebe. Rechtsanwältin Ballon
stimmt zu. Um das Ausmaß des Problems sichtbar zu machen, brauche es
belastbare Daten, etwa durch Betroffenheits- oder Dunkelstudien zu
Deepfakes.
Ballon fordert einen expliziten Straftatbestand, der nicht nur die
Verbreitung, sondern bereits die Herstellung von Deepfakes unter Strafe
stellt. Schließlich sollten Apps verboten werden, die die Erstellung
solcher Inhalte ermöglichen. „Es gibt kein Menschenrecht darauf, per
Knopfdruck Pornografie zu erstellen“, sagt Ballon.
## Betroffene leiden ein Leben lang unter den Folgen
Eine Bundesratsinitiative aus Bayern will den Paragrafen 201b ins
Strafrecht aufnehmen. Demnach sollen die Herstellung und die Verbreitung
nicht-einvernehmlicher Deepfakes mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe
geahndet werden können. Ballon begrüßt die Initiative, bemängelt jedoch:
„Sie setzt auch nur beim Verbreiten an und bleibt ein Privatklagedelikt,
sodass Verfahren leicht eingestellt werden können.“
Vorreiter im Umgang mit Deepfakes sind laut Ballon Großbritannien und
Australien: Großbritannien kriminalisiert sie, Australien stellt
Betroffenen eine Behörde zur Verfügung, die Plattformen zur Löschung der
Inhalte zwingen kann. [10][Auch Spanien plant ein Gesetz, um Frauen vor
Deepfakles zu schützen].
Pia Scholz kämpft nach den Geschehnissen der letzten drei Jahre mit einer
posttraumatischen Belastungsstörung. „Wenn man irgendwann durch den ganzen
Schmerz und das Trauma durch ist, erreicht man ein Level der Akzeptanz“,
sagt sie. „Irgendwann lacht man nur noch, man kann ja nicht den ganzen Tag
weinen. Es ist komplett abgefuckt.“
22 Mar 2026
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