# taz.de -- Streaming-Plattform Twitch: Am digitalen Kneipen-Stammtisch
       
       > Über die Plattform Twitch können Menschen von links politisiert und
       > mobilisiert werden. Das zeigt eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
       
 (IMG) Bild: Hier kann's noch weitergehen für die Linke: auf dem Streaming-Dienst Twitch
       
       Politisches [1][Streaming auf Twitch] klingt eher nach „Hell yeah,
       brother!“ als nach Frontalunterricht. Auf dem Bildschirm sind Streamer*in
       und das im Chat sichtbar teilnehmende Publikum eine Einheit, sie erzeugen
       den gestreamten Content teilweise im Dialog, sie stellen einander Fragen,
       bekräftigen und widersprechen einander. Eine jüngst veröffentlichte Studie
       der Rosa-Luxemburg-Stiftung erblickt darin Mobilisierungschancen für linke
       Politik – aber auch Plattformabhängigkeit und viel prekäre Arbeit.
       
       Wie Streaming über Politik geht, zeigt zum Beispiel der Streamer Staiy,
       wenn er einen WDR-Podcast mit Ex-Kanzlerin Angela Merkel kommentiert.
       „Vermögensteuer ist schwierig. Würde ich auch nicht zu raten“, spricht
       Merkel ins Mikrofon. Was, wenn dann Unternehmer*innen einfach in die
       Schweiz abwandern. Der Podcast stoppt, Zeit für eine Anmerkung des
       Streamers mit dem spitz frisierten Schnurrbärtchen.
       
       „Ich finde dieses Argument mit der Schweiz immer so witzig, weil die
       Schweiz hat eine Vermögensteuer“, sagt Staiy. „Die (Unternehmer) packen die
       Fabrik einfach in die Tasche und ziehen um“, kommentiert Twitch-User
       Hatkeinhals im Chat. Die Chatnachricht wird nicht vorgelesen, sie
       verschwindet sofort aus dem Blick. Trotzdem werden etliche der über 5.400
       Anwesenden den kleinen Joke gelesen haben.
       
       Politisches Streaming ist heute im besten Fall, was die Arbeiterkneipe im
       industriellen Zeitalter war: ein Raum für Aufklärung und Austausch,
       niedrigschwellig genug, um neu dazuzukommen. Streams ziehen sich über
       Stunden. Da ist, anders als im Short-Form-Content, wie ihn Tiktok
       vorschreibt, genug Zeit, um sich ausführlich über Dinge zu streiten – oder
       unterhaltsam auszuflippen.
       
       „Wirksame digitale Kommunikationsstrategien auf derzeit angesagten sozialen
       Plattformen sind in ihrer Bedeutung für soziale Bewegungen und Wahlkämpfe
       zentrale Mittel geworden“, fasst die RLS zusammen. Seit Jahren schaut sie
       mit wissenschaftlichem Blick auf die sozialen Medien, nun auch auf die
       „Politische Kultur auf deutschsprachigem Twitch“. In der Publikation
       „[2][Live, links, vernetzt]“ legen die Soziologinnen Nur Yasemin Ural und
       Anna Berg dar, unter welchen Bedingungen die Plattform für linke
       Mobilisierung genutzt werden kann.
       
       ## Twitch gehört seit 2014 zu Amazon
       
       Das liest sich stellenweise wie eine praktische Anleitung: „Twitch belohnt
       Individualisierung und Personalisierung, während linke Politik meist auf
       kollektive Identität, Solidarität und strukturelle Analyse setzt. Linke
       Streamer*innen müssen daher Wege finden, Branding nicht als
       Selbstinszenierung, sondern als gemeinschaftliche Praxis zu gestalten –
       etwa über Community-Insider, geteilte Symbole oder kollektives
       Ko-Branding.“ Politische Positionen nicht nur zu diskutieren, sondern IRL,
       im echten Leben in Anwendung zu sehen, in Care-Praktiken oder Protesten,
       könne zum (linken) Erfolg führen.
       
       Wer sich trauen möchte, selbst mit dem Streamen zu beginnen, macht sich
       über die Plattform Twitch wahrscheinlich keine Illusionen. Sie ist im
       Silicon-Valley-Inkubator „Y-Combinator“ erdacht worden und gehört seit 2014
       zu Amazon. Teil verschiedenster Streams ist immer wieder eine hektische
       Sorge darum, die Terms of Service zu verletzen, etwa wegen der Sichtbarkeit
       von Blut – und schlimmstenfalls dafür eine Sperre zu bekommen, den
       scheinbar eigenen Raum für eine Weile nicht mehr betreten zu dürfen.
       
       Als bei Staiy das Segment Merkel zu Ende geht, prophezeit der Streamer eine
       unweigerlich auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich, wenn
       Instrumente wie eine Vermögensteuer ungenutzt bleiben: „Europaweite
       Finanztransaktionsteuer, save us!“, ruft er. Danach geht es nahtlos weiter:
       Unterwegs am Vatertag mit einer Braunschweiger Polizeistreife. Eine Sendung
       des NDR.
       
       Lineares Fernsehen gilt als Zeitverschwendung, aber zusammen ÖRR schauen
       ist hot Content. Denkt man an das Phänomen der Nachrichtenmüdigkeit, kann
       eine Community, mit der man gemeinsam das Neueste aus dem Leben des Hiob
       erträgt, verschlossen geglaubte Zugänge neu eröffnen. Sei es durch den
       Trost der gemeinsamen Betroffenheit, die gemeinsame Wertung oder einen
       „comic relief“, eine Erleichterung durch Humor, durch den gemeinsamen
       Scherz.
       
       ## Unbezahlte Moderationsarbeit
       
       Später am Abend streamt der wahrscheinlich bekannteste linke Streamer der
       Plattform, HasanAbi, mit 32.500 Personen den ersten Versuch des New Yorker
       Bürgermeisters Zoran Mamdani, einen Bürger*innendialog auf Twitch
       abzuhalten. Mamdanis Co-Host klärt ihn über die Plattform-Etikette auf: Das
       Publikum nicht mit Ladies and Gentlemen ansprechen, sondern einfach alle
       mit „Chat“ adressieren. „Talk With the People,“ heißt Mamdanis Format, er
       will Fragen live beantworten.
       
       Vieles am Setting ist falsch, die Kulisse und das Licht wirken zu
       professionell, es ist nicht gemütlich, nicht locker. „Überproduziert“,
       meint Hasan. Schlimmer noch, man hat offenbar den Moderationsaufwand im
       Chat unterschätzt, der vollgespammt wird. „Keep it familiy friendly“ bittet
       Mamdani. Tja.
       
       In der RLS-Studie schreiben die Autorinnen: „Die Gaming- und
       Streaming-Szene ist tendenziell feindlich gegenüber Frauen, queeren
       Personen und rassifizierten Streamer*innen eingestellt. Wer erfolgreich
       sein will, muss bewusst Räume schaffen, die Sicherheit und Zugehörigkeit
       ermöglichen. Das bedeutet: klare Moderationsregeln, ein geschultes
       Mod-Team, konsequentes Eingreifen bei Sexismus, Rassismus oder
       transfeindlichen Kommentaren, aber auch technische Maßnahmen wie
       Auto-Moderation, Wortfilter und Bannlisten.“
       
       Genau diese wichtige Community-Moderation ist es aber auch, die (von den
       obligatorischen Ausnahmen abgesehen) regelmäßig unbezahlt bleibt. Und auch
       die allermeisten Streamerinnen müssen ohne Sponsoring und ohne festen
       Supporterinnenkreis auskommen.
       
       Nach über 35 Minuten sehen auf [3][Mamdanis Kanal] noch etwas über 7.000
       Menschen zu. Wenn jemand es schaffen könnte, in so einem Dialog gut
       rüberzukommen, dann Zoran, meint Hasan. Er hat den linken Erfolg auf Twitch
       schon umgesetzt, seine Community hat zu Wahlen mobilisiert, demonstriert,
       die streikenden Drehbuchautor*innen in L.A. besucht und Spenden
       gesammelt. Aber so ganz passt es bei Mamdani noch nicht. Hasan murmelt:
       „There is a lot of work to be done … I will give them help, if they want it
       …“
       
       22 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Twitch-Format-Pop--Pasta/!6051480
 (DIR) [2] https://www.rosalux.de/publikation/id/54742
 (DIR) [3] https://www.twitch.tv/nyc_mayor
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Donata Künßberg
       
       ## TAGS
       
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