# taz.de -- Deepfake-Pornografie in den USA: Es geht nicht um Lust, sondern um Macht
       
       > Das Thema Deepfake-Pornos ist in Deutschland angekommen. Eine
       > US-Forscherin zeigt, wie die Gesetze dort aussehen und warum oft
       > Politikerinnen betroffen sind.
       
 (IMG) Bild: „Legislation’s hot“: Hotelerbin Paris Hilton im Januar vor dem Kapitol in Washington
       
       [1][Der Fall Ulmen/Fernandes] hat in Deutschland eine längst überfällige
       Debatte über Deepfake-Pornografie ausgelöst. Das Phänomen ist nicht nur ein
       deutsches: Auch in den USA kämpfen Betroffene, Aktivistinnen und
       Politikerinnen seit Jahren darum, ernst genommen zu werden. Ende Januar
       stand [2][Paris Hilton] vor dem US-Kapitol und beschrieb, was ihr
       widerfahren ist. Sie trägt eine große, schwarze Sonnenbrille, spricht
       gefasst. Über 100.000 Deepfake-Pornos kursieren von ihr im Internet, keines
       davon sei echt, keines davon einvernehmlich.
       
       Neben Hilton, die als DJ, Reality-Star und Hotelerbin bekannt ist, steht
       die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, eine prominente Figur der
       linken Politik in den USA. Zusammen werben sie für ein parteiübergreifendes
       Gesetz, den Defiance Act, das Opfern erstmals das Recht geben würde, Täter
       zivilrechtlich zu verklagen und Schadensersatz bis zu 150.000 Dollar
       einzuklagen.
       
       Der Senat hat bereits einstimmig zugestimmt, das Gesetz muss nun auch vom
       Repräsentantenhaus abgesegnet werden. Dass Ocasio-Cortez sich für eine
       bessere juristische Handhabe und Strafverfolgung einsetzt, hat auch etwas
       damit zu tun, dass sie selbst betroffen ist. Als Überlebende sexueller
       Gewalt retraumatisiere sie jedes neue Deepfake-Bild von ihr, sagte sie
       bereits im April 2024.
       
       ## Nicht Erotik, Lust oder „Kink“
       
       Deepfake-Pornos sind eine Form der sexualisierten Gewalt. Es geht nicht um
       Erotik, Lust oder „Kinks“, sondern um Machtausübung. Die KI-generierten
       Inhalte werden als Machtinstrument benutzt, um Frauen zu degradieren. Die
       Videos müssen dafür nicht einmal überzeugend wirken, denn ihr Zweck ist ein
       anderer: zu erniedrigen, zu beschämen und einzuschüchtern. Technologie, die
       lange als Versprechen auf mehr Teilhabe und Sichtbarkeit galt, wird so zum
       Einschüchterungswerkzeug. Deepfake-Pornografie zeigt die Kehrseite: Je
       zugänglicher die Werkzeuge, desto leichter wird Gewalt skalierbar.
       
       Eine Studie des Think Tank American Sunlight Project aus dem Jahr 2024
       zeigt, wie systematisch und geschlechtsspezifisch dieses Phänomen bereits
       politische Räume erfasst hat. Die Forschenden entwickelten dafür eine für
       ihre Recherche ausgerichtete Suchmaschine, die die Namen aller
       Kongressmitglieder auf einschlägigen Deepfake-Seiten abglich. Das Ergebnis:
       35.239 Treffer von nicht einvernehmlichen Inhalten von insgesamt 26
       Abgeordneten auf Deepfake-Webseiten. Betroffen sind 25 Frauen und ein Mann.
       Damit ist etwa jede sechste weibliche Abgeordnete Opfer solcher Deepfakes
       geworden.
       
       Ein klares strukturelles Problem, das Politikerinnen gezielt trifft und
       ihre politische Teilhabe bedroht. Die Namen hat das Sunlight Project
       bewusst nicht veröffentlicht, die Büros der Betroffenen wurden jedoch
       direkt informiert. Innerhalb von 48 Stunden war ein Großteil der Inhalte
       verschwunden. Es bleibt also auch eine Frage der Ressourcen, wie man sich
       dagegen wehren kann.
       
       „Was mich am meisten besorgt, ist die Selbstzensur“, sagt Nina Jankowicz,
       Gründerin des American Sunlight Project und Co-Autorin der Studie, im
       Gespräch mit der taz. Digitale Gewalt habe einen massiven
       Abschreckungseffekt auf Frauen in der Öffentlichkeit. Wer sich exponiert,
       riskiert digitale Demütigung, Kontrollverlust und dauerhafte Rufschädigung.
       
       ## Deepfake-Pornos bringen zum Schweigen
       
       Insbesondere junge Frauen, erklärt Jankowicz, halte diese politische
       Realität davon ab, überhaupt für ein politisches Amt zu kandidieren. Und
       das schadet der Demokratie. Dabei sind Frauen im US-Kongress mit nur 28
       Prozent ohnehin stark unterrepräsentiert.
       
       Bei den Midterms im November 2026 wird sich zeigen, ob sich daran etwas
       ändert und unter welchen Bedingungen Frauen überhaupt Wahlkampf machen
       können. In den USA kommt erschwerend hinzu, dass die politische Kultur
       bereits so vergiftet ist, dass Deepfake-Pornografie gezielt als Instrument
       eingesetzt wird, um Frauen mit gegensätzlichen Positionen zum Schweigen zu
       bringen.
       
       Laut Jankowicz, die selbst von Deepfake-Pornografie betroffen ist, treffe
       Frauen in öffentlichen Ämtern eine harte Doppelmoral: Von ihnen werde
       erwartet, dass sie sich höchst anständig verhalten, keine Skandale haben,
       keine sexuellen Wesen sind. Politikern wiederum werde viel mehr zugestanden
       und Sexskandale und Affären verziehen.
       
       ## Strukturen, die Missbrauch ermöglichen, bleiben
       
       Besonders für Frauen in konservativen oder patriarchal geprägten Umfeldern
       könne es massiv stigmatisierend sein, in einem Deepfake-Pornovideo
       aufzutauchen, mitunter sogar karriere- oder lebensbedrohlich. Natürlich
       seien Männer in öffentlichen Ämtern auch Anfeindungen ausgesetzt, aber
       nicht im gleichen Ausmaß. Auch die gesellschaftlichen Implikationen seien
       nicht vergleichbar. Allein in der US-amerikanischen Popkultur gibt es viele
       Beispiele von geleakten Sextapes, die den Ruf und die Karriere der Frau,
       nicht aber des Mannes zerstörten: Paris Hilton, Pamela Anderson, Kim
       Kardashian.
       
       Dabei ist die juristische Aufarbeitung in den USA noch jung. Im Mai 2025
       wurde der [3][„Take it down Act“] verabschiedet, das erste Bundesgesetz,
       das die Verbreitung nicht einvernehmlicher Intimbilder, einschließlich
       KI-generierter Deepfakes, unter Strafe stellt und Plattformen verpflichtet,
       gemeldete Inhalte innerhalb von 48 Stunden zu löschen. Strafrechtliche
       Regelungen gelten unmittelbar, während Plattformen bis Mai 2026 Zeit haben,
       die vorgeschriebenen Melde- und Löschverfahren umzusetzen.
       
       „Bis vor Kurzem gab es für amerikanische Frauen keine übergreifende
       rechtliche Handhabe“, sagt Nina Jankowicz. Doch der Ansatz des Gesetzes
       bleibe reaktiv: Es bestrafe Täter und zwinge Plattformen zum Löschen, doch
       die Strukturen, die den Missbrauch ermöglichen und skalieren, bleiben
       weitgehend unangetastet. Genau hier knüpft der Defiance Act an. Er würde
       Betroffenen erstmals ermöglichen, zivilrechtlich Schadensersatz
       einzuklagen. „Take It Down gab uns das Recht auf Löschung“, sagt die
       Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. „Defiance gibt uns Gerechtigkeit.“
       
       ## Meta verdient mit
       
       Doch selbst die besten Gesetze stoßen an ihre Grenzen, was die Plattformen
       angeht. Denn die sind Teil des Problems und oft nicht willens oder in der
       Lage, es zu lösen. Das strukturelle Problem: Die Gesetze bestrafen Täter,
       aber nicht die Infrastruktur des Missbrauchs, nämlich die App-Stores, die
       solche Anwendungen hosten, die Banken, die Zahlungen abwickeln, die
       Werbeplattformen, die daran verdienen.
       
       Jankowicz beschreibt, wie Meta monatelang über 4.000 Werbeanzeigen für
       sogenannte Nudifier-Apps laufen ließ und sie erst löschte, als ihr Team
       Meta darauf hinwies. Das Geschäftsmodell aber funktioniert weiter. „Die
       meisten dieser Apps kosten nur ein paar Dollar“, sagt Jankowicz. „Man kann
       das Leben eines Menschen für ein paar Dollar ruinieren.“
       
       Erschwerend kommt hinzu, dass die Algorithmen der Plattformen auch anderen
       Missbrauch oft nicht erkennen, weil Täter gezielt Schlupflöcher suchen und
       finden. Jankowicz nennt das „böswillige Kreativität“: Wo ein explizites
       Bild gelöscht wird, kursiert die nächste Beleidigung als Meme oder
       scheinbar harmloses Foto. Ein [4][leerer Eierkarton], als Beschreibung für
       Frauen über 30, ist sofort verständlich. Die automatischen
       Moderationssysteme der Plattformen erkennen darin schlicht: einen
       Eierkarton.
       
       Paris Hilton sagte bei ihrem Auftritt vor dem Kapitol: „Legislation’s hot.“
       Ob die Gesetze Schritt halten können, ist noch offen. Die Technologie
       wartet nicht.
       
       Die Autorin war 2024 [5][Daniel-Haufler-Stipendiatin 2024] in einem
       Programm der taz panterstiftung für Recherchen und Reisen in die
       US-Medienlandschaft.
       
       1 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Collien-Fernandes/!t6165090
 (DIR) [2] /YouTube-Serie-von-Paris-Hilton-Unaufrichtiger-Ragebait/!6121498
 (DIR) [3] https://netzpolitik.org/2025/take-it-down-act-wie-ein-us-gesetz-gegen-sexualisierte-deepfakes-zum-zensurinstrument-werden-koennte/
 (DIR) [4] https://www.refinery29.com/en-gb/2020/03/9512337/anti-feminism-alt-right-fertility
 (DIR) [5] /USA-Stipendium-fuer-Journalisten/!vn6015380/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Belzig
       
       ## TAGS
       
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