# taz.de -- Digitale Gewalt gegen Frauen: Es gilt die Schuldvermutung
> Nach dem Fall Ulmen werden Sündenböcke gesucht. Geschlechtsspezifische
> Gewalt beginnt mitten unter Männern – jetzt müssen sie das Gegenteil
> beweisen.
(IMG) Bild: Demonstration gegen sexualisierte Gewalt in Hamburg am 26. März
Ein weißer Mann verbreitet mutmaßlich aus einem Degradierungsfetisch heraus
KI-generierte Deepfake-Pornos von seiner Frau – und [1][offenbart damit
eine neue Form digitaler geschlechtsspezifischer Gewalt]. Wer ist schuld?
Zuwanderer, meint der Bundeskanzler. Die Staatsgewalt, sagen
Systemkritiker. Die Betroffenen selbst, meinen fragile Männer und
Frauenhasser. Eine Gruppe ist es auf jeden Fall nicht: Männer.
Während die rechtspopulistische Plattform Nius die Beweislage im Fall Ulmen
infrage stellt, betont die Süddeutsche Zeitung die Bedeutung der
Unschuldsvermutung. Ein Rechtsanwalt argumentiert auf X, dass keine
Strafbarkeitslücken geschlossen werden müssten – obwohl bislang kein
Straftatbestand für Deepfake-Pornografie existiert. Andere Männer machen
die Betroffenen verantwortlich; Collien Fernandes sieht sich aufgrund von
Morddrohungen ernsthaften Sicherheitsrisiken ausgesetzt.
In die Reihe fragiler Reaktionen von Männern fügte sich auch die des
[2][Bundeskanzlers, der die Debatte um sexualisierte Gewalt für seine
rassistische Agenda instrumentalisiert und mit Femonationalismus versucht,
die Verantwortung weißer Männer zu leugnen]. Merz weiß genau: Patriarchale
Gewalt ist kein importiertes Problem, es ist ein Männerproblem.
Während einige wenige Männer online bestehende Machtverhältnisse aktiv
verteidigen, nutzen Flinta* ihre Feeds für Solidaritätsbekundungen und
kritische Analysen. Doch der patriarchale Arm greift auch in der digitalen
Sphäre: Ihre Beiträge wurden durch den Instagram Sichtbarkeitsalgorithmus
(Shadowban) massiv eingeschränkt – Menschen könnten die „sensiblen Inhalte“
als „verstörend empfinden“, so die Begründung.
## Das Schweigen der Männer ist laut
Der Großteil der Männer schweigt indes. Viele fürchten, als „performativ“
zu gelten – also sich nur zu Selbstvermarktungszwecken feministisch
inszenieren. Die Sorge ist nicht unbegründet: In feministischen Debatten
wird solidarisches Verhalten von cis-Männern mitunter vorschnell pauschal
kritisiert. Gleichzeitig stimmt: Viele Opfer mussten in der letzten Woche
Statements von Tätern ertragen, die sich nun als „gute Männer“ darstellen –
der Podcaster, der immer 20 Jahre jüngere Freundinnen hat, der Kumpel, der
sexistische Witze macht, der Schauspieler, der seine Ex geschlagen hat.
Außerdem drängt sich die Frage auf: Warum fürchten Männer so sehr,
„performativ“ wahrgenommen zu werden? [3][Performativ ist man nur, wenn man
etwas darstellt, das man nicht praktiziert.] Die Männer haben also nichts
zu befürchten, wenn sie nicht über sexistische Witze lachen, übergriffige
Freunde nicht decken und keinen Anteil an geschlechtsspezifischer Gewalt
haben; wenn sie aktiv versucht haben, etwas dagegen zu unternehmen und mit
ihren Freunden über ihren Anteil an der Bro-Culture sprechen.
Weil das nur die Wenigsten tun, gilt vorerst die Schuldvermutung – bis sie
das Gegenteil beweisen. Wie? [4][Sprecht mit euren Jungs über
geschlechtsspezifische Gewalt, geht in den Arbeitskampf für mehr Lohn für
Frauen,] in den Häuserkampf für Räume für Frauen, setzt euch gegen die
ausbeuterische Pornoindustrie und für Kinderbetreuungsmöglichkeiten ein,
spendet Geld in Organisationen, die Flinta* helfen, die Gewalt erfahren,
geht auf die Straßen. Und: Benennt geschlechtsspezifische Gewalt schon auf
der niedrigsten Stufe – sie beginnt bei sexistischen Sprüchen und „Witzen“.
Dann fühlt sich ein öffentlicher Kommentar vielleicht auch nicht so
performativ an.
Seit Jahren kritisieren Flinta* den vermeintlichen Humor in Christian
Ulmens Shows als frauenfeindlich und abstoßend. Ihnen wurde entgegnet: Das
sei Satire, sie würden den genialen, Gegenwarts-kritischen Humor von Ulmen
nicht begreifen. Heute zeigt sich: Es gibt keine versteckte Botschaft,
keinen doppelten Boden.
Der misogyne Humor, den Ulmen als „Kunst“ inszeniert, entspricht eins zu
eins seinen privaten Fantasien. Eine frühere Serie von ihm hieß „Who wants
to fuck my girlfriend?“. Die Behauptung, man müsse Kunst und Künstler
trennen, ist Bullshit. Wir müssen endlich aufhören „Satire“ und
„Kunstfreiheit“ als Entschuldigung für Frauenhass zu missbrauchen. Männer,
die Flinta* in Witzen, Liedern oder Filmen erniedrigen und entmenschlichen,
haben diese Fantasien auch in der Realität. Sie sind es, die bloßgestellt
werden müssen.
27 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
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