# taz.de -- Demo gegen sexualisierte Gewalt im Netz: „Whose streets? Our streets!“
       
       > Am Sonntag demonstrieren 13.000 Menschen in Berlin gegen sexualisierte
       > Gewalt im Netz. Anlass ist der Fall Collien Fernandes.
       
 (IMG) Bild: Demo gegen sexualisierte Gewalt im Netz am Sonntag in Berlin
       
       Der Sonnenuntergang kündigt sich mit goldenen Strahlen bis an den Fuß der
       S-Bahn-Treppe am Brandenburger Tor an. Vier junge Frauen stehen vor den
       Stufen, sie liegen sich in den Armen. Eine von ihnen wischt sich Tränen aus
       den Augen, lacht auf. „Nein, ich will ja hingehen. Lass los jetzt.“
       
       An diesem Sonntagnachmittag werden sich laut den Veranstalterinnen ungefähr
       13.000 Menschen auf dem Pariser Platz versammeln. Die Polizei spricht von
       6.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die meisten von ihnen sind junge
       Frauen. Innerhalb von 48 Stunden hat das Bündnis [1][„Feminist Fight Club“]
       gemeinsam mit der Initiative [2][„Nur Ja heißt Ja“] diese Demonstration
       gegen sexualisierte Gewalt organisiert.
       
       Auslöser für die Demonstration sind [3][Spiegel-Berichte über die
       Schauspielerin Collien Fernandes, die ihrem Ex-Mann und Schauspielkollegen
       Christian Ulmen digitale Gewalt, Nutzung privater Profile und
       pornografische Deepfakes vorwirft]. Ulmen ließ die Fragen des Spiegel und
       der taz dazu unbeantwortet, für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
       
       Die Erstellung von Deepfakes ist laut Josephine Ballon, Geschäftsführerin
       von [4][HateAid], nach wie vor höchstens ein „Bagatelldelikt“. Ein
       Profilbild von Instagram reiche bereits aus, um Deepfakes von einer Person
       zu erstellen, so Ballon. Doch selbst nach Anzeigen bekämen Frauen häufig
       Post von der Staatsanwaltschaft, die „kein öffentliches Interesse an der
       Strafverfolgung“ bekunden.
       
       Der Versuch, rechtlichen Schutz für Betroffene in einem Gesetz festzulegen,
       ist laut Luisa Gaffron, Schauspielerin und Moderatorin der Demonstration,
       in der letzten Legislaturperiode blockiert worden. [5][Im Vergleich zu
       Deutschland sieht Spanien, wo Fernandes klagen will, tatsächlich weitaus
       mehr Schutz gegen digitale Gendergewalt vor.]
       
       ## Stimmen der Wut
       
       Dass Fernandes kein Einzelfall ist, zeigt sich in der emotionalen Resonanz
       der Speakerinnen an diesem Nachmittag. Die Aktivistin Theresia Crone ist
       die erste auf der Bühne und spricht über ihre persönliche Erfahrung mit
       Deepfakes. In ihrem Fall erging schließlich sogar ein Urteil, aber nicht
       wegen der gegen sie gerichteten sexualisierten Gewalt, „sondern wegen eines
       Verstoßes gegen das Urheberrecht“. Das sei kein Einzelfall, sondern
       Ausdruck des deutschen Rechtssystems.
       
       „Ich finde, Männer haben zu wenig Angst“, ergänzt DJane Aaliyah Osuman.
       „Die Scham muss endlich die Seite wechseln. Sie gehört den Tätern.“
       
       Dieser von Gisèle Pelicot geprägte Satz wird an diesem Tag häufig fallen.
       Jedes Mal löst er lauten Applaus und Rufe in der Menge aus. Einzelne Frauen
       aus dem Publikum schreien ihn wiederholt in den Sprechpausen auf der Bühne.
       Sprechchöre werden immer wieder angestimmt: „Whose streets? Our streets!“
       
       „Mich überrascht kein Trump, kein Epstein und ehrlich gesagt auch kein
       Ulmen“, sagt Schauspielerin Marie Nasemann vor dem Mikrofon.
       
       ## Die politische Dimension
       
       In der ersten Reihe stehen nach einigen Minuten Politikerinnen.
       Organisatorin Gaffron merkt an: „Die Presse zeigt nur auf die
       Politikerinnen, die hier stehen, nicht auf die Speakerinnen auf der Bühne.
       Und wo sind die Männer? Wo ist die CDU?“
       
       Luisa Neubauer ist ebenfalls gekommen und hält eine Rede. Sie wolle
       eigentlich doch nur übers Klima reden, sagt sie, aber sie könne dieses
       Thema nicht ignorieren. Zu persönlich, zu erdrückend sei es auch für sie
       geworden. Dabei wirft sie einen wirtschaftlichen Blick auf das Problem:
       „Tech-Oligarchen machen Profit zum Preis unserer Körper. Männer im Internet
       erfinden einen Knopf, um mich auszuziehen.“ Es stellt sich die Machtfrage:
       Wer kontrolliert den digitalen Raum? Solange Männer das Recht auf sexuelle
       Selbstbestimmung als „Nice-to-have“ abtun, bleibe die Straße der einzige
       Ort der Gegenwehr.
       
       Als die Künstlerin IUMA ihren Song „Sex ist“ zu Ende singt, wird es links
       neben der Bühne laut. Der Verschwörungsideologe Captain Future skandiert
       Unverständliches zur Pressefreiheit. Schon zu Beginn der Veranstaltung
       wollte er sich in den Pressebereich direkt neben der Tribüne drängen und
       wurde abgewiesen. Er ist schnell nicht mehr zu erkennen zwischen
       selbstgebastelten Schildern und den Menschen, die sich um ihn herum
       aufstellen und eine Mauer bilden.
       
       ## Es kommt Bewegung ins Thema
       
       Während einer musikalischen Pause spricht die Grünen-Politikerin Ricarda
       Lang neben der Tribüne mit der Presse. Auch wenn es diesen Fall nicht hätte
       brauchen sollen, gebe es jetzt wenigstens den öffentlichen Druck. Und
       tatsächlich scheint sich im Justizministerium etwas zu regen: Ministerin
       Stefanie Hubig möchte zeitnah ein geplantes Gesetz gegen digitale Gewalt
       umsetzen, erhält dafür parteiübergreifend Zuspruch. [6][Der Gesetzesentwurf
       sieht bis zu zweijährige Haftstrafen für Täter vor, die mithilfe von
       Künstlicher Intelligenz gefälschte Aufnahmen eines anderen Menschen
       erstellt haben.] Darin enthalten wären auch Bilder pornografischen Inhalts
       wie im Fall Collien Fernandes.
       
       Der frühe Abend kündigt sich an, das Sonnenlicht verschwindet. Die
       Künstlerinnen Mariybu und Ebow sind die Letzten auf der Bühne und performen
       ihren Song „Nicht alle Männer“:
       
       „Es sind nicht alle Männer, aber es ist immer ein Mann
       
       Doch keiner von ihn’n war es, sie hab'n weiße Westen an
       
       Jede meiner Freundinn’n hat die Scheiße mal erlebt
       
       Aber niemand ist ein Täter und ich frag’ mich, wie das geht.“
       
       22 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neues-Buendnis-Feminist-Fight-Club/!6164893
 (DIR) [2] https://nur-ja-heisst-ja.org/
 (DIR) [3] https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/collien-fernandes-erstattet-anzeige-gegen-ex-mann-christian-ulmen-a-6abfb991-1665-4469-9c8e-3cc5a2cb4f29
 (DIR) [4] https://hateaid.org/
 (DIR) [5] /Schutz-vor-sexualisierter-Gewalt/!6164429
 (DIR) [6] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/digitale-gewalt-gesetz-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pauline Cruse
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Digitale Gewalt
 (DIR) Sexualisierte Gewalt
 (DIR) Deepfake
 (DIR) Demonstration
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Collien Fernandes
 (DIR) Christian Ulmen
 (DIR) wochentaz
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Digitale Gewalt
 (DIR) Digitale Gewalt
 (DIR) Collien Fernandes
 (DIR) Digitale Gewalt
 (DIR) Deepfake
 (DIR) Digitale Gewalt
 (DIR) Frauenhass
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) HateAid über digitale Gewalt: „Täter sollten Konsequenzen fürchten“
       
       Die Psychologin Judith Strieder arbeitet bei HateAid gegen digitale Gewalt
       und Hass im Netz. Wie Betroffene sich wehren können und was sich ändern
       muss.
       
 (DIR) Berichte digitaler sexualisierter Gewalt: Mein Gesicht, mein Körper
       
       Seit Tagen gehen Zehntausende gegen digitale sexualisierte Gewalt auf die
       Straßen. Frauen erzählen, was ihnen passiert ist – und wie sie damit
       umgehen.
       
 (DIR) Trotz Morddrohungen: Collien Fernandes spricht in Hamburg vor rund 20.000
       
       Mit schusssicherer Weste und Polizeischutz kommt Fernandes zur Demo gegen
       sexualisierte Gewalt. Tausende hören ihr zu – und rufen „Merz, leck Eier!“
       
 (DIR) Gewalt im Internet: Zu spät, zu schwach, zu abhängig von Big Tech
       
       Digitale Gewalt ist ein Geschäftsmodell. Um sie zu verhindern, müssen
       Plattformen reguliert werden. EU-Vorgaben zeigen, wie das funktionieren
       kann.
       
 (DIR) Der Fall Fernandes/Ulmen: Seid leise, Männer!
       
       Die Debatte über die Vorwürfe virtueller Vergewaltigung kreist auch darum,
       ob und wie sich Männer verhalten sollen: Klappe halten oder solidarisieren?
       
 (DIR) Maßnahmen gegen digitale Gewalt: Erhöhte Handlungsbereitschaft
       
       Nach der Demo von Sonntag diskutiert die Berliner Landespolitik über
       digitale Gewalt: Ein neues Projekt soll Schutzunterkünfte besser
       vorbereiten.
       
 (DIR) Influencerin über Deepfake-Pornografie: Sexualisierte Gewalt im virtuellen Raum
       
       Hunderttausende sind von sexualisierten Deepfakes betroffen. Auch
       Influencerin Pia Scholz. Das deutsche Recht ist auf diese Form der Gewalt
       nicht vorbereitet.
       
 (DIR) Digitale Gewalt gegen Frauen: Parteiübergreifend ein schärferes Vorgehen gefordert
       
       Fraktionsübergreifende Initiative unterstützt das Vorhaben von
       Justizministerin Hubig. Feministinnen rufen zum Protest am Sonntag am
       Brandenburger Tor.
       
 (DIR) Pornografische Deep-Fakes: Collien Fernandes erhebt schwere Vorwürfe gegen Ex-Mann
       
       Die Schauspielerin behauptet, ihr Ex-Mann Christian Ulmen habe ihr
       jahrelang digitale Gewalt angetan. Ulmens Anwalt kündigt rechtliche
       Schritte an.