# taz.de -- Studie zu autoritären Tendenzen: Die Demokratie wackelt
> Der Berlin-Monitor verzeichnet ein Wachstum antidemokratischer
> Einstellungen in der Stadt. Die SPD will mit einem Demokratiefördergesetz
> gegensteuern.
(IMG) Bild: Rechtsextreme Einstellungen haben sich in Berlin auf hohem Niveau stabilisiert
Die Unterstützung für die Demokratie in Berlin bröckelt. Das geht aus
[1][dem diesjährigen Berlin-Monitor] hervor, einer groß angelegten,
repräsentativen Studie zu den Einstellungen der Berliner:innen zu
Demokratie und Autoritarismus. Am Montag wurden die Ergebnisse unter
anderem von Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) vorgestellt.
Seit 2019 führt ein Forschungsteam der Universität Leipzig um den
Sozialpsychologen Oliver Deckert die Befragung im Auftrag des Berliner
Senats durch. Laut Deckert stellt sich die Situation in Berlin mittlerweile
zweischneidig dar: Einerseits empfinden immer noch 86 Prozent der
Berliner:innen die Demokratie als das beste System für die
Bundesrepublik. Andererseits sinkt innerhalb dieser Gruppe die
Standhaftigkeit, mit der für die Demokratie eingetreten wird. So müssen 40
Prozent der Berliner:innen als „fragile Demokrat:innen“ gewertet
werden, die die Demokratie zwar grundsätzlich gut finden, sich aber auch
mit einer autoritären Staatsform zufriedengeben würden.
Darauf weisen erschreckende Befunde hin. Etwa stimmen fast 50 Prozent der
Berliner:innen der Aussage teilweise oder ganz zu, dass Deutschland
„eine einzige starke Partei“ brauche, „die die Volksgemeinschaft insgesamt
verkörpert“. Mehr als 65 Prozent der Berliner:innen wollen ganz oder
teilweise „endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“ und 50
Prozent stimmen ganz oder teilweise zu, dass Deutschland „durch die vielen
Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ sei.
„Das weist auf eine deutliche Durchsetzung von rassistischen Vorstellungen
in der Bevölkerung hin“, sagte Decker am Montag. Als gesichert
ausländerfeindlich müssen laut der Studie rund 15 Prozent der
Berliner:innen gelten, 24 Prozent sind national-chauvinistisch
eingestellt, 9 Prozent wollen eine rechtsautoritäre Diktatur. Damit
stabilisieren sich rechtsextreme Einstellungen nach einem Höchststand im
Jahr 2023 auf weiter hohem Niveau.
## Massenphänomen Antiziganismus
„Unsere Demokratie ist nicht gefährdet, aber auch nicht mehr
selbstverständlich“, kommentierte Sozialsenatorin Kiziltepe die Resultate.
Ihr bereite insbesondere die Zunahme von Antisemitismus und Antiziganismus
Sorgen. Letzterer sei „ein Massenphänomen“, sagte sie. Laut der Studie will
ein Viertel der Berliner:innen Sinti und Roma aus Innenstädten
verbannen. Und mehr als 40 Prozent stimmen der These zu, Sinti und Roma
seien „durch ihr Verhalten an ihrer Diskriminierung mitschuldig“.
„Die Ergebnisse belegen, was Betroffene seit Jahren berichten“, sagte Alina
Voinea, Ansprechperson des Landes Berlin zu Antiziganismus. Was es brauche,
sei nicht nur ein Ausbau der Beratungsstellen und kritische
Bildungsangebote, sondern [2][auch eine verantwortungsbewusste
Berichterstattung]. Denn der Berlin-Monitor zeigt auch: Nur wenige
Berliner:innen haben Kontakt zu Sinti und Roma, die meisten nehmen die
Minderheit hauptsächlich über die Medien wahr.
Auch hinsichtlich Antisemitismus erfasst die Studie hohe Zahlen So gibt es
in Berlin mehr gesicherte Antisemit:innen als im west- oder
ostdeutschen Durchschnitt. Rund 15 Prozent der Berliner:innen sind sich
etwa sicher, dass „auch heute noch der Einfluss der Juden zu groß“ sei,
während es im westdeutschen Schnitt „nur“ 10 Prozent und im ostdeutschen
Schnitt 5 Prozent sind.
## Linksextreme: Demokraten und weniger antisemitisch
Gravierend sind auch die Zahlen zum sogenannten
„Schuldabwehr-Antisemitismus“, der den Blick auf den Zweiten Weltkrieg und
den Holocaust erfasst. Immerhin, hier sind die Zahlen etwas geringer als im
Rest von Deutschland. Und trotzdem finden etwa 45 Prozent der
Berliner:innen die Aussage ganz oder teilweise richtig, dass
Reparationsforderungen an Deutschland häufig nicht den Opfern, sondern
„einer Holocaust-Industrie von findigen Anwälten“ nutze.
Erstmals erfasst die Studie neben israelbezogenem Antisemitismus auch den
Typus „postkolonialer Antisemitismus“, zu dem die Forscher:innen
umstrittene Aussagen wie jene zählen, dass es sich beim Nahostkonflikt „im
Grunde“ um einen Konflikt „zwischen weißem Kolonialismus und unterdrückten
Minderheiten“ handle. Auch hier stimmt etwa die Hälfte der
Berliner:innen zu. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass die Studie einen
unmittelbaren Zusammenhang zwischen der täglichen Internetnutzung und
antisemitischen Aussagen nachweist.
Übrigens ist Antisemitismus dabei, jedenfalls in Berlin, vor allem ein
Problem in der politischen Rechten. Die Studie arbeitet heraus, wie
antisemitische Einstellungen zunehmen, je weiter rechts sich die Befragten
auf der Skala von „links-außen“ bis „rechts-außen“ einordnen. Auch sind
„extrem linke“ Menschen laut der Studie die Gruppe, die der Demokratie am
meisten zugeneigt ist.
## Kommt ein Demokratiefördergesetz?
Senatorin Kiziltepe nutzte die Vorstellung der Studienergebnisse auch, um
Werbung für [3][das Demokratiefördergesetz] zu machen, das nach ihrem
Wunsch bis zum Sommer vom Abgeordnetenhaus beschlossen werden soll. Was nun
gestärkt werden müsse, sei die von zivilgesellschaftlichen Initiativen
geleistete Präventionsarbeit. „Wir müssen Haltung zeigen und diejenigen
unterstützen, die diese wichtige Arbeit tagtäglich machen“, sagte
Kiziltepe.
Im Kern soll das Gesetz eine bessere Absicherung und Finanzierung der
Arbeit zivilgesellschaftlicher Initiativen möglich machen, die
Demokratieprojekte betreiben. Derzeit ist es so, dass sich viele Träger von
Projektfinanzierung zu Projektfinanzierung hangeln müssen. Künftig soll es
größere Hürden für Kürzungen und mehr Möglichkeiten für unbefristete
Verträge geben. Die schwarz-rote Koalition hatte sich zu Beginn ihrer
Regierungsperiode [4][vorgenommen, einen Entwurf für ein solches Gesetz zu
erarbeiten].
Ob die CDU am Ende zustimmt, ist jedoch unklar. Bisher hatte die CDU auf
eine sogenannte Demokratieklausel bestanden, um die Staatstreue von
geförderten Projekten sicherzustellen. Eine solche sei „kein Bestandteil
des aktuellen Referentenentwurfs“, sagte Kiziltepe am Montag. Die CDU
polemisiert seit Längerem gegen Demokratieprojekte, welche ihr zu „woke“
sind. Sollte Berlin ein solches Gesetz tatsächlich verabschieden, wäre das
Land damit bundesweit Vorreiter.
23 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://berlin-monitor.de/
(DIR) [2] /Antiziganismus-in-Berlin/!6116767
(DIR) [3] /Gesetz-zur-Demokratiefoerderung-in-Berlin/!6156781
(DIR) [4] https://www.berlin.de/rbmskzl/politik/senat/richtlinien-der-politik/#11
## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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