# taz.de -- Demokratietheorie: Was, wenn Demokratie zur „Tyrannei der Mehrheit“ wird?
       
       > Demokratie lebt von Mehrheiten – doch was, wenn die Mehrheit irrt?
       > Zwischen Freiheit und Verantwortung verschwimmen die Grenzen.
       
 (IMG) Bild: Hand in Hand: Zusammen gegen „Rechts“ zum Schutz der Demokratie, Berlin, 2024
       
       Ach, die [1][Wahlen]. Kaum hat man die eine geschafft, droht schon wieder
       die nächste. Der Landtag in [2][Rheinland-Pfalz], Kommunalwahlen in
       Frankreich und – um Gottes willen – [3][Sachsen-Anhalt] im September. Mir
       graut es schon jetzt.
       
       Denn zuletzt lief es ja nicht gerade gut an der Wahlurne. Rund um den
       Globus und auch hierzulande wählen die Leute Parteien und Kandidat:innen,
       die von unten nach oben umverteilen, [4][Menschen in Kriegsgebiete
       abschieben] und Andersdenkende mundtot machen – mit Völkerrecht und derlei
       Dingen sehen es viele auch nicht so eng.
       
       Da fragt man sich doch manchmal: Was, wenn Demokratie in eine „Tyrannei der
       Mehrheit“ umschlägt, in die brutale Herrschaft der 51 Prozent über den
       Rest? Ist es das dann wirklich wert? Wenn Wahlen nur noch das Recht des
       Stärkeren abbilden, was ist dann wichtiger – demokratische Teilhabe oder
       der Schutz der Schwachen?
       
       Wir Journalisten verteidigen ja gerne die Demokratie als moralisch
       wertvolles Gut an sich. Das hat Gründe. Jean Jacques Rousseaus berühmter
       Satz, „der Gehorsam vor dem Gesetz, das man sich selber gegeben hat, ist
       Freiheit“, ist schwer von der Hand zu weisen. Staatliche Macht wird durch
       demokratische Entscheidungen erst legitimiert. Das Gesetz garantiert die
       Freiheit der Einzelnen. Gerechtigkeit kann nur erreicht werden, wenn alle
       an der Aushandlung der gemeinsamen Regeln beteiligt sind.
       
       ## Demokratie garantiert nur formal Gleichheit
       
       Liberale Demokratietheorie sieht vor, dass Minderheiten durch Grundrechte,
       Verfassung, Gerichte vor der Willkür der Mehrheit geschützt sind. Wie wir
       zurzeit aber etwa bei unseren transatlantischen Nachbarn sehen, ist das
       zwar eine schöne Idee, läuft in der Praxis jedoch häufig anders. Gewählte
       Repräsentant:innen biegen und brechen das Recht nach persönlichem
       Gusto – und besonders wenn die Leidtragenden keine Staatsbürger:innen
       sind, interessiert das oft wenige.
       
       Während Demokratie zwar formal Gleichheit garantiert, ist sie in der realen
       Welt abhängig von Status, Geld und Einfluss. Wer reich ist, hat größere
       politische Macht und kann damit Medien, Justiz und Politik beeinflussen.
       Gleichzeitig profitiert und lebt unser politisches System von
       Polarisierung. Wähler:innen ordnen sich Parteien anhand von
       Extrempositionen zu, etwa zu Migration oder Abtreibung, und kaufen die
       restlichen Ziele mit – auch wenn ihre eigenen Interessen viel diverser sind
       und sich nur sehr bedingt darin wiederfinden.
       
       Und nun? Eine klassisch konsequentialistische Annähehrung an das Problem
       wäre diese: Demokratie ist nur dann moralisch wertvoll, wenn sie mehr Leid
       verhindert als sie erzeugt. Eine gewählte Regierung, die mehr Menschen
       schadet, als sie nützt, darf gestürzt werden.
       
       ## Muss man sich bald demokratischen Mehrheiten entgegenstellen?
       
       Hier bleiben die Fragen: Ab wann ist das der Fall? Und macht ein Eingreifen
       nicht alles schlimmer? Demokratische Entscheidungen und Prozesse zu
       untergraben, birgt große Gefahren. Ein [5][AfD-Verbot] macht die Bewegung
       am Ende vielleicht stärker. Zensur öffnet Tür und Tor für Autoritarismus.
       Und ein Umsturz endet womöglich selbst in hemmungsloser Tyrannei.
       
       Leider lässt sich auch nur bedingt voraussagen, welcher [6][Präsident sich
       zum nächsten König] und welcher Kanzler zum nächsten Führer aufschwingen
       wird – was ausgesprochen praktisch wäre, um schnell zu reagieren. Was ich
       hingegen voraussehe: Die Frage, wann wir uns demokratischen Mehrheiten
       entgegenstellen müssen, wird uns weiter beschäftigen. Hoffentlich nicht
       allzu bald. Nicht nach den kommenden Wahlen.
       
       12 Mar 2026
       
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