# taz.de -- Urteil zu rechter Gewalt: Sechseinhalb Jahre für Neonazi-Intensivtäter
> Sind die Baseballschlägerjahre zurück? Ein Neonazi konnte in Halle über
> Monate prügeln, schlagen und schießen, ohne dass er festgenommen wurde.
(IMG) Bild: Unschönes Stadtbild: Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln galten schon in den 90ern als Erkennungszeichen der rechten Szene
Sechseinhalb Jahre Haft für ein halbes Dutzend bewaffneter Gewalttaten
lautet das Urteil, das die Jugendkammer des Landgerichts Halle am Mittwoch
gegen Lucas K. (25) verhängte. 11 Straftaten – darunter versuchte schwere
und gefährliche Körperverletzungen, Bedrohungen, rechtsextreme
Propagandadelikte und Beleidigungen – hatte die Anklage dem einschlägig
vorbestraften 25-Jährigen vorgeworfen.
Drei weitere Rechtsextreme im Alter von 21 bis 35 Jahren verurteilte das
Landgericht wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung und
Propagandadelikten zu Haftstrafen zwischen 10 und 12 Monaten und einer
Jugendstrafe von 50 Arbeitsstunden. Da einer der Angeklagten zum
Tatzeitpunkt unter 21 ist, findet der gesamte Prozess vor der Jugendkammer
statt. Die jungen Männer waren nach Überzeugung des Gerichts zusammen mit
Lucas K. an einem Angriff auf einen schwarzen Polizeibeamten und dessen
hochschwangere Partnerin Ende März 2025 in Halle beteiligt.
Dass Lucas K. zu diesem Zeitpunkt eigentlich im Gefängnis hätte sitzen
müssen, wenn die Ermittlungsbehörden eine vorherige Serie von bewaffneten
Angriffen ernst genommen hätten, wird im Prozessverlauf deutlich.
Scheinbar unbeeindruckt, die Arme verschränkt, die als SS-Symbol strafbaren
Sig-Runen und Hass-Tätowierungen auf den Fingerrücken verdeckt, hört Lucas
K. am Mittwoch zu, während Staatsanwalt Benedikt Bernzen ihn im Plädoyer
als „überzeugten Nazi“ und „gefährlichen Gewalttäter mit festen
Feindbildern“ beschreibt. K. sei für die Gesellschaft gefährlich, betont
Bernzen. Als der Staatsanwalt das Instagram-Profil von K. unter dem
Benutzernamen @18_nationalsozialist88 und der verbotenen NS-Parole „Sieg
Heil“ in weißer Frakturschrift beschreibt, grinst Lucas K.
## Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel
Sowohl auf Social Media als auch in der Öffentlichkeit präsentierte er sich
bis zu seiner Verhaftung Ende März 2025 im klassischen Naziskin-Outfit der
90er Jahre: Glatze, schwarze Bomberjacke mit dem Slogan „Ostdeutschland:
härter als der Rest“, Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln,
schlagbereite schwarze Handschuhe, schwarzer Schlauchschal mit Totenkopf
und ausgebleichte Jeans. Sein Ziel: Angst und Hass zu verbreiten – davon
sind Staatsanwaltschaft und Gericht überzeugt.
Minutiös rekonstruiert Staatsanwalt Bernzen, wie die Serie des Schreckens
am 7. November 2024 begann. Der damals 26-jährige Student Jan S. (Name
geändert) hatte im Prozess als Zeuge beschrieben, wie Lucas K. mittags in
einer Straßenbahn der Linie 8 in Halle lautstarke Rechts-Rock-Musik
abspielte und die Parolen „Sieg Heil“ und „N*** verrecke“ unüberhörbar
durch den vollbesetzten Waggon dröhnten.
Er habe kurz gezögert, sagte Jan S., bis er den Mann mit dem
Stacheldraht-Tattoo auf der Stirn aufforderte, die Musik auszumachen.
Dessen Reaktion: Erst beschimpfte er Jan S. als „Zecke“, dann zeigte K. ein
etwa 25 cm langes Messer und drohte, er werde den Studierenden abstechen.
Zudem zückte K. sein Handy, machte ein Foto mit der Ankündigung, er werde
ihn finden „und fertig machen“ und schlug dem 26-Jährigen schließlich mit
der Faust so heftig ins Gesicht, dass der gegen das Fenster der Straßenbahn
prallte.
## Mit Hammer, Stahlkugeln und Gaspistole
14 Tage später wiederholte sich an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie
8 in Halle-Trotha eine ähnliche Szene: K. bedrohte zwei Passagiere mit
einem Maurerhammer und forderte, sie sollten stehen bleiben, er würde ihnen
ansonsten den Hammer auf den Kopf schlagen. Den beiden gelang es zu
fliehen.
Ende Januar 2025 traf Klara S. (Name geändert) in einem Bus in Halle-Trotha
auf K. Die junge Frau trug einen Beutel mit der Abkürzung „FCKNZS“. „Scheiß
Zecke! Ich find dich! Ich schlag dich zusammen! Ich schlag dich tot!“,
drohte K. ihr und zeigt den White-Power-Gruß. Klara S. gelang es,
unverletzt zu entkommen. In den folgenden Wintermonaten fuhr die junge Frau
nur noch mit dem Fahrrad, zu groß war die Angst davor, K. erneut zu
begegnen.
Mitte Februar 2025 beleidigte K. drei Schüler einer freien Schule im Alter
von 15 bis 17 Jahren beim Pauseneinkauf in einem Supermarkt in Halle-Trotha
als „Zecken“. K. verfolgte die Teenager aus dem Supermarkt, fiel
unvermittelt einen der Schüler von hinten an und nahm ihn in den
Schwitzkasten.
Zwar gelang es dem ältesten Schüler, K. zum Loslassen zu bewegen. Doch dann
zog der Neonazi unvermittelt eine mit 4,5 mm Stahlkugeln aufmunitionierte
Gaspistole der Marke Glock und schoss dreimal. Eine der Stahlkugeln traf
den 15-Jährigen am Hinterkopf; eine weitere durchschlägt die Jacke seines
Begleiters.
Den Schülern gelang es, sich in das Schulgebäude zu retten und die Polizei
zu verständigen. Detailliert beschrieben sie den Beamt:innen einen
Naziskin mit einer auffälligen Tätowierung, schwarzer Bomberjacke und
Schlauchschal mit Totenkopf. Das deckte sich mit Aussagen von Zeug:innen
der vorherigen Angriffe.
## Personalien festgestellt, nach Hause geschickt
Doch wieder wurde kein Täter ermittelt, niemand festgenommen. Dabei ist K.
in seinem Wohnblock in Trotha als Rechter bekannt. Am 14. März 2025 zog K.
erneut unvermittelt an einer Bushaltestelle in Halle-Trotha die umgebaute
Gaspistole und schoss einem Passanten direkt ins Gesicht. Weil der Mann
sich zur Seite drehte, verletzte die Stahlkugel nur sein Ohr. Zur
Überraschung des Verletzten wurde Lucas K. noch vor Ort von Polizeibeamten
kontrolliert – eine Nachbarin aus dem nahegelegenen Wohnblock hatte den
Notruf über einen bewaffneten Mann informiert.
Doch die Beamten, die auf den blutenden Passanten und Lucas K. trafen,
stellten lediglich die Personalien fest und nahmen ihm die Waffe ab. Dass
Lucas K. unter zweifacher Bewährung steht und die Waffenbehörde ihm das
Tragen einer Waffe amtlich untersagt hat, fiel den Beamten nicht auf. K.
konnte nach Hause gehen.
Zehn Tage später kamen Andreas N. (Name geändert) und seine hochschwangere
Lebensgefährtin nachmittags vom Einkaufen in Halle-Trotha. Vor Gericht
beschrieb der Polizeibeamte eine beängstigende Szene mit K. und dessen drei
Begleitern auf einem Parkplatz: Auf dem Weg zum Auto wurde aus der Gruppe
der vier Rechten direkt der Hitlergruß gezeigt; es fielen „Sieg Heil“-Rufe
und rassistische Beleidigungen wie „N***vieh“.
Ein Versuch von Andreas N., verbal zu deeskalieren, scheiterte. Die Rechten
stürmten auf ihn und die im neunten Monat schwangere Frau zu – an der
Spitze Lucas K. mit einem Teleskopschlagstock, mit dem er Andreas N. am
Kopf treffen wollte. N. konnte sich in letzter Minute zur Seite drehen und
erlitt lediglich eine leichte Prellung. Erst als Passant:innen sich zu
dem angegriffenen Paar stellten und den Notruf verständigten, verließen die
Rechten den Tatort. Wenig später nahmen Polizisten Lucas K. fest, ein
Haftrichter ordnete Untersuchungshaft an.
## Tagtägliche Erfahrungen von Rassismus
Zum Prozess wird K. aus der JVA Raßnitz vorgeführt. Dort hat er in seiner
Zelle ein Hakenkreuz und SS-Runen eingeritzt. Er sei seit seinem 15.
Lebensjahr ein Rechter, hatte Lucas K. gegenüber einer Gutachterin gesagt,
das verbinde ihn mit seinen Mitangeklagten und einigen seiner Brüder. Zwei
seiner jüngeren Brüder waren als „Deutsche Jugend Zuerst“ im September 2024
in Berlin an einem bewaffneten [1][Angriff auf Wahlkämpfer:innen der
SPD] beteiligt und wurden dafür zu Haft- beziehungsweise Bewährungsstrafen
verurteilt.
Die Verteidiger:innen von Lucas K. und dessen Mitangeklagten
versuchen, die jeweiligen Drogen- und Alkoholabhängigkeiten ihrer Mandanten
und ihre desolaten familiären Verhältnisse strafmildernd geltend zu machen.
Das lehnt das Gericht mit dem Verweis darauf ab, dass bei Lucas K. null
Promille nach dem Angriff festgestellt worden seien und alle Zeugen das
koordinierte Vorgehen der Rechten beschrieben.
Andreas N. wuchs zur Jahrtausendwende als Schwarzer Jugendlicher in
Halle-Silberhöhe auf und ging nach der Schule in den Polizeidienst. Die
[2][tagtägliche Erfahrung von Rassismus,] die er seit einiger Zeit im
Alltag mache, erinnere ihn an seine Kindheit und Jugend in den 90er Jahren
und zur Jahrtausendwende, sagt der 33-Jährige nach seiner Zeugenaussage zur
taz. Der Unterschied: Die Täter von heute kämen aus allen Altersgruppen.
Hoffnung auf eine Besserung habe er nicht. Entsprechend vorsichtiger seien
seine Partnerin und er seit dem Angriff auf dem Netto-Parkplatz vor einem
Jahr geworden. Den Prozessausgang kommentiert Andreas N. nüchtern. Er sei
realistisch: „Welche Strafe soll denn die Haltung des Haupttäters ändern?“
Student Klaus A., dessen Zivilcourage gegen den lautstarken Rechts-Rock in
der Straßenbahn das Gericht explizit würdigt, ist überzeugt: Mit der langen
Haftstrafe soll die Gesellschaft geschützt werden.
20 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Heike Kleffner
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