# taz.de -- Fotos von Deportationen: Wie die Lörracher bei Deportationen gafften
> Eine Tagung widmete sich dem Umgang mit Shoah-Überlebenden nach der
> Befreiuung. Über Traumata, die vererbt werden, und Fotos, die unbequeme
> Fragen stellen.
(IMG) Bild: Deportation von Jüdischen Mitbürger*innen in Lörrach im Jahr 1940
In der Fußgängerzone der badischen Kleinstadt Lörrach hängen aktuell
bedrückende Fotos. Es sind Bilder von der Deportation der dortigen Juden im
Oktober 1940. Elke Gryglewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen,
berichtete von der Erinnerungsaktion – doch für sie ist diese keineswegs
vorbildlich. Denn die Fotos seien nicht vollständig abgebildet worden: Es
fehlten die gaffenden Lörracher. Da schauten etwa Kinder und Erwachsene aus
dem geöffneten Fenster eines Hauses, wie unten die Sicherheitspolizei den
Jüdinnen und Juden Anweisungen erteilte. Doch dieser Teil der historischen
Wahrheit wurde weggeschnitten.
Alina Bothe leitet das [1][Projekt „Last Seen“], das sich darum bemüht,
bisher in Privathand oder in Archiven [2][verborgene Fotos von der
Verschleppung der deutschen Jüdinnen und Juden zu finden]. Dort sei der
„Prozess der Vernichtung von Beginn an zu sehen“, sagte sie auf einer
Tagung Ende vergangener Woche in Berlin, und so lasse sich der Massenmord
„in die Mitte der Orte zurückführen“, sagte sie. Bothe verlangte eine
Auseinandersetzung darüber, wie „der genozidale Prozess in der Mitte der
Gesellschaft begann“.
Bothe hat Fotos aus 70 deutschen Orten gesammelt. Viele der darauf zu
sehenden jüdischen Opfer konnten in mühsamer Kleinarbeit identifiziert
werden. Von den Mittätern und Gaffern dagegen gelang dies in keinem
einzigen Fall. Auch mehr als 80 Jahre nach der Shoah bleibt es ein
Familiengeheimnis, [3][wer sich schuldig gemacht hat, wer zugeschaut und
wer weggesehen hat].
[4][„Nie befreit?“, so lautete die überspitzte Fragestellung der Tagung von
Amcha], einer Organisation, die sich um Hilfen für die Überlebenden des
Holocaust kümmert. Die Claims Conference schätzt die Zahl der Überlebenden
weltweit auf nur noch rund 200.000. Ihr Durchschnittsalter liege bei 87
Jahren. Die Tagung selbst drehte sich jedoch nicht um deren Befreiung aus
den Lagern der Nazis, sondern darum, wie die Überlebenden nach ihrer
Befreiung behandelt wurden.
## Das Bellen von Hunden, der Anblick von Uniformen
Nahezu jeder Überlebende hatte nach 1945 mit Traumata zu kämpfen. In den
ersten Jahrzehnten mochte kaum jemand den Opfern zuhören, obwohl viele von
ihnen Zeugnis abgaben, was sie erlebt hatten. Der Medizinhistoriker und
Psychotherapeut Christian Pross erinnerte an die erniedrigenden
Begutachtungen von körperlichen und seelischen Schäden aus der Haft in
Rahmen der Entschädigungsverfahren. Oft agierten als Ärzte ehemalige Nazis.
Zudem hielt sich in den 1950er Jahren die These, nach der sich Traumata
vollständig überwinden ließen. Einfachste Dinge konnten bei den einst
gequälten Opfern furchtbare Erinnerungen auslösen, sagte Pross, etwa „das
Bellen von Hunden oder der Anblick von Uniformen“. Doch Panikattacken und
Schlafstörungen wurden als erblich bedingt abgetan – und Hilfe verweigert.
Auch wenn die Zahl der Überlebenden heute immer kleiner wird, so bedeutet
dies nicht, dass sich das von den Nazis verursachte Leiden auflöst. Denn
Traumata lassen sich von Generation zu Generation vererben. Davon zeugten
Wortbeiträge aus dem Publikum. Die NS-Opfer selbst hätten es häufig
vermieden, ihren eigenen Kindern von ihrem Erlebten zu berichten, auch um
diese nicht zu belasten. Manche verleugneten gar ihr Judentum.
Doch „Kinder merken, dass Eltern Probleme haben“, so Pross. Als Erwachsene
schlügen sie sich mit Geschehnissen herum, die sie selbst nicht erlebt
haben, aber trotzdem erleiden müssen. Wenn keine emphatische Resonanz
erfolge, werde das Sprechen über die Leiden schwerer und schwerer.
Heute sind es keine Ärzte mehr, die die NS-Opfer und ihre Nachfahren
erniedrigen. Es sei vor allem die fehlende Empathie der
Mehrheitsgesellschaft, die verstöre, wurde konsterniert festgestellt. Das
sei besonders nach dem 7. Oktober deutlich geworden, als die Beteiligung an
Protesten gegen das Hamas-Massaker in Israel in der Bundesrepublik gering
blieb und nach Kriegsbeginn in Gaza eine antiisraelische Stimmung
entstanden sei.
## Auf der Suche nach weiteren Fotos
Für viele der Überlebenden habe die Existenz des Staates Israel aber eine
enorme Bedeutung, weil sie sich den Nazis weitgehend wehrlos ausgeliefert
gefühlt hätten. Jetzt dagegen gebe es zum Schutz „ein eigenes Land und eine
eigene Armee“, betonte die Psychotherapeutin Dalia Sivan.
Das Beispiel mit den beschnittenen Fotos von Lörrach macht deutlich, dass
die deutsche Mehrheitsgesellschaft eine Auseinandersetzung mit den Tätern
in den eigenen Reihen immer noch zu vermeiden versucht. Nun werde die
Arbeit zur Erinnerung der NS-Geschichte auch noch „massiv infrage
gestellt“, stellte Gryglewski fest, ohne konkret zu benennen, vom wem. Sie
berichtete von Schmähbriefen, die in der Gedenkstätte Bergen-Belsen
eingehen: „Das reicht von Gleichgültigkeit bis hin zum Hass.“
Niemand in Deutschland solle einfach glauben, die eigene Familie werde
schon unschuldig sein, sagte der Psychotherapeut Yuriy Nesterko. „Was haben
deine Großeltern getan? Als Nachkomme von Überlebenden habe ich ein Recht
auf eine Antwort.“
16 Feb 2026
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