# taz.de -- Über Macht und Ohnmacht: Das Schlimmste der Gefühle
> Das Gefühl von Ohnmacht entsteht, wenn Menschen Unrecht angetan wird.
> Niemand sollte die Macht haben, das zu tun.
(IMG) Bild: Besser nicht wegschauen! Demonstration gegen Rechts in Berlin, 2025
Eigentlich hat jeder Mensch ein bisschen Macht. Meist nicht über andere,
aber wenigstens über sich selbst. Das muss auch so. Denn das Schlimmste,
was Menschen fühlen können, ist Ohnmacht. Und die entsteht, wenn Menschen
Unrecht angetan wird und sie keine Möglichkeit sehen, sich dagegen zu
wehren.
Ohnmächtig sahen Juden und Jüdinnen in ganz Deutschland am 9. November 1938
dabei zu, wie Nazimobs Synagogen, Wohnungen und Geschäfte in Brand setzten,
während die vielerorts gerufene Polizei entweder nicht kam, einfach zusah
oder mitmachte.
Ohnmächtig erleben Menschen in Mexiko und anderen lateinamerikanischen
Ländern, wie das Geld der Drogenkartelle einfach alles kaufen kann,
inklusive Medien, Polizei und Justiz.
Ohnmacht empfinden Parlamentarier*innen, wenn sie merken, dass ihre
repräsentative Macht nicht mehr ausreicht, um die Gier, Willkür und
gesellschaftliche Zerstörungslust der großen [1][Techkonzerne] im Zaum zu
halten.
## Keine Macht für Niemand
Ohnmacht empfinden [2][bäuerliche palästinensische Betriebe im
Westjordanland, wenn radikale Siedler ihr Vieh stehlen, ihre Ställe
abbrennen oder ihre Ernte vernichten] – und niemand hilft.
Und der immer verzweifeltere zivilgesellschaftliche Diskurs in Deutschland
legt nahe, dass viele das Gefühl haben, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie
der neue Faschismus immer mehr Raum greift und [3][scheinbar unaufhaltsam
auf dem Weg zur Regierungsübernahme] ist.
Aber das sind keine Naturgesetze. Ohnmächtig sollten Menschen allenfalls
Erdbeben gegenüberstehen müssen – wobei selbst da mit vernünftiger
Bauplanung zumindest katastrophische Folgen vermeidbar sind.
Im Vergleich dazu einfach wäre es, niemandem die Macht zu geben, anderen
Menschen Unrecht anzutun, zumindest nicht straflos. Das ist die
Mindestanforderung, um den Artikel 1 des Grundgesetzes von der
unantastbaren Würde des Menschen tatsächlich umzusetzen.
Dazu darf es [4][keine wegsehende Polizei] geben, keine gekauften Richter,
keine religiös-nationalistisch gefärbte Straflosigkeit, keine
angsterstarrte Zivilgesellschaft und keine übermächtigen – oder besser:
einfach keine – Milliardäre. Es lohnt sich, genau das zu organisieren. Um
nicht wegzuschauen, muss man nicht mal Polizist sein. Und was toll ist: Es
gibt immer eine ganze Menge Leute, die dabei mitmachen und sich auch durch
Rückschläge nicht abschrecken lassen. Pro-Tipp, wenn man dran glaubt: Gut
fürs Karma ist es auch.
Macht ist nichts Schlimmes, wenn sie einigermaßen gleich verteilt ist.
„Keine Macht für Niemand!“, hieß es einst bei den Scherben. Genau darum
geht’s.
7 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Widerstand-gegen-Tech-Konzerne/!6167755
(DIR) [2] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6178558
(DIR) [3] /Drohende-AfD-Regierung-in-Ostdeutschland/!6177987
(DIR) [4] /Polizist-will-fuer-die-AfD-Landrat-in-Sachsen-Anhalt-werden---wie-demokratisch-ist-die-Polizei-dort/!6184368
## AUTOREN
(DIR) Bernd Pickert
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Faschismus
(DIR) Gewalt
(DIR) Angst
(DIR) Kolumne Gesten der Macht
(DIR) Westjordanland
(DIR) Zivilgesellschaft
(DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Siedlerterror im Westjordanland: Brandanschlag auf eine Moschee, Angriff auf Schafhirten
Die Gewalt israelischer Siedler im besetzten Westjordanland hält an. Am
Wochenende traf es unter anderem ein Dorf nahe Ramallah – und einen Hund.
(DIR) Angriffe auf die Zivilgesellschaft: Als Feinde markiert
Jeden dritten Tag wird die Zivilgesellschaft angegriffen, sagt eine neue
Erhebung der Amadeu-Antonio-Stiftung. Dazu zählen Fälle von
Sachbeschädigung und körperlichen Angriffen.
(DIR) Fotos von Deportationen: Wie die Lörracher bei Deportationen gafften
Eine Tagung widmete sich dem Umgang mit Shoah-Überlebenden nach der
Befreiuung. Über Traumata, die vererbt werden, und Fotos, die unbequeme
Fragen stellen.