# taz.de -- 76. Berlinale beginnt: Aus Liebe zum Kino
       
       > Die am Donnerstag beginnende 76. Berlinale ist die zweite unter der
       > Leitung von Tricia Tuttle. Leichter scheint es das Filmfestival diesmal
       > nicht zu haben.
       
 (IMG) Bild: Vorbereitungen für die 76. Berlinale auf dem Potsdamer Platz
       
       Als der Regisseur Wim Wenders vor 40 Jahren seinen Klassiker „Der Himmel
       über Berlin“ drehte, bot der Potsdamer Platz eine würdige Kulisse. Die
       Brache voll Sand und viel freier Fläche ließ Raum für Fantasie, von der
       späteren Bebauung kündigte sich noch nichts an. Wenn Wenders jetzt als
       Jurypräsident für den Wettbewerb der 76. Internationalen Filmfestspiele von
       Berlin an diesen Ort kommt, gibt es allenfalls dank Bildern wie seinen die
       Erinnerung an die Offenheit von einst.
       
       Inmitten der freudlosen Büro- und Shoppingcenterarchitektur muss man sich
       schon ein bisschen anstrengen, wenn man dem Platz etwas abgewinnen möchte.
       Als Zentrum der Berlinale kann man ihn ohnehin nur noch eingeschränkt
       bezeichnen. Immerhin bleibt dem Festival bis auf Weiteres der Berlinale
       Palast für seine Wettbewerbspremieren. Dessen Vertrag drohte auszulaufen,
       inzwischen wurde er zunächst noch einmal um zwei Jahre verlängert.
       
       Das Filmhaus am Platz ist hingegen Geschichte, allein der Schriftzug an der
       Fassade erinnert an den früheren Mieter. Neben der Deutschen Kinemathek und
       der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zog aus dem Gebäude auch das
       Kino Arsenal aus. Dessen Berlinale-Programm, die Nebenreihe Forum, läuft
       jetzt im fünf Kilometer entfernt gelegenen Silent Green, wo das Arsenal
       seine neuen Räume hat. Der eigentliche Kinosaal auf dem Areal soll jedoch
       erst im Frühling fertig werden.
       
       ## Filmen den Weg ins Kino bahnen
       
       Auch für die Intendantin Tricia Tuttle, die heute die Berlinale eröffnen
       wird, zum zweiten Mal unter ihrer Leitung, dürfte sich das Filmfestival wie
       eine Baustelle präsentieren. Das Kino im Allgemeinen sieht sich weiter
       durch schwindendes Publikum bedroht, Online-Angebote wie Streamingdienste
       haben sich längst als komfortable Alternative etabliert. Daher muss sich
       die Berlinale verstärkt als Institution behaupten, die Filme vorstellt,
       damit diese anschließend ihren Weg ins Kino finden.
       
       Die Berlinale muss zudem dazu beitragen, das Interesse am Kino unter
       Heranwachsenden zu fördern. Seit bald 50 Jahren tut sie das unter dem Titel
       „Generation“ mit Filmen für Kinder und Jugendliche. Hinzu kommt neuerdings
       das Angebot „Cine25“: Im Ticketshop der Berlinale können sich junge
       Menschen von 18 bis 25 anmelden, um Karten zum reduzierten Preis von 6 Euro
       zu kaufen.
       
       Im Programm berücksichtigt die Berlinale ihre nachwachsenden Besucher zum
       Beispiel mit Filmen wie „The Moment“ von Aidan Zamiri, einer Mockumentary,
       mithin einem fiktionalen Dokumentarfilm, in dem der britische Popstar
       Charli xcx den Rummel um ihr Erfolgsalbum „brat“ aus dem Jahr 2024
       selbstironisch inszeniert. Ähnlich öffentlichkeitswirksame Filme finden
       sich im Programm im Übrigen bloß vereinzelt.
       
       „Große“ Namen sind jedoch auch wichtig, um zum Beispiel neben dem örtlichen
       Berlinale-Publikum ausreichend internationale Presse anzuziehen. Die
       Berlinale steht schließlich mit den Filmfestivals von Cannes und Venedig an
       der Spitze der sogenannten „A-Festivals“ mit internationalem Wettbewerb. In
       diesem Jahr muss man bei den Kandidaten aber schon sehr nach klingenden
       Namen suchen.
       
       Unter den deutschen Regisseuren im Wettbewerb ist [1][Ilker Çatak dank der
       Oscar-Nominierung für seinen Film „Das Lehrerzimmer“] von 2023 über die
       Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden. Jetzt kann man sich auf sein
       Drama „Gelbe Briefe“ freuen. Einige internationale Bekanntheit hat
       ebenfalls der Regisseur Karim Aïnouz, dessen Filme bisher oft in Cannes
       liefen, zuletzt vor zwei Jahren der [2][queere Thriller „Motel Destino“].
       
       Der Film „Rosebush Pruning“, ein Remake von Marco Bellocchios italienischem
       Klassiker „Mit der Faust in der Tasche“, mit dem Aïnouz jetzt in Berlin für
       den Goldenen Bären antritt, soll in Cannes allerdings abgelehnt worden
       sein, wie Branchenreporter schreiben. Desgleichen heißt es, dass Çatak
       seinen Film erfolglos in Cannes eingereicht habe, wie auch die Regisseurin
       Angela Schanelec, die ihre jüngste Arbeit „Meine Frau weint“ im
       Berlinale-Wettbewerb zeigt.
       
       ## Das Publikum auf dem Prüfungsstuhl
       
       Das spricht alles nicht gegen diese Filme, doch deutet es darauf hin, dass
       die Berlinale mehr und mehr um ihren Ruf kämpfen muss. Da überrascht es,
       dass Tricia Tuttle mit Aussagen wie dieser an die Öffentlichkeit getreten
       ist: „Wer hier nichts zum Lieben findet, liebt das Kino nicht!!“ [3][Diese
       Worte sprach Tuttle nicht bloß bei der Pressekonferenz im Januar], sie
       stehen auch als Zitat auf der Berlinale-Seite als Geleit zum Wettbewerb.
       Damit tut Tuttle weder sich noch der Berlinale einen Gefallen.
       
       In einer seltsamen „Bringschuldumkehr“ sagt das Festival seinen
       potenziellen Besuchern auf diesem Wege eben nicht, wie man eigentlich
       erwarten würde: „Liebe Berlinale-Fans, wir haben auch dieses Jahr wieder
       alles daran gesetzt, Euch ein tolles Festivalprogramm zu bieten.“
       Stattdessen landet das Publikum, sobald es sich auf den Kinosesseln
       niederlässt, auf einer Art Prüfungsstuhl, mit der realistischen Gefahr,
       durchzufallen. Die Botschaft lautet in etwa: „Also wenn Ihr damit nichts
       anfangen könnt, seid Ihr unserer Mühe nicht wert!“ Seine zahlenden „Kunden“
       umwerben geht anders.
       
       Und auch die Presse dürfte sich dadurch wenig vorteilhaft adressiert
       fühlen. Filmkritik ist (hoffentlich) kein Akklamationsbetrieb, dessen Zweck
       im Bejubeln des Gesehenen besteht. So aber stellt diese kategorische Ansage
       der Berlinale auch bei Journalisten die Liebe zum Kino erst einmal in
       Frage, statt sie wohlwollend vorauszusetzen. Muss sich, wer zu kritisch
       schreibt, am Ende vorwerfen lassen, dem Gegenstand seines Interesses nicht
       genug gewogen zu sein? Wer weiß, vielleicht wünschen sich ja selbst alte
       Grantler insgeheim, von dem, was sie sehen, positiv überrascht zu werden.
       
       ## Umbau in eigener Sache
       
       Um internationale Presse anzuziehen und um die Sponsoren, auf die das
       Festival angewiesen ist, an sich zu binden, braucht es im Übrigen nach wie
       vor Dinge, die Glanz versprechen, mag das Programm noch so gut sein. Einen
       roten Teppich auf dem Pflaster zu verlegen, reicht für Glamour nicht.
       
       Selbstverständlich kommen weiter Stars an den Potsdamer Platz, dieses Jahr
       sind darunter Juliette Binoche, Elle Fanning, Ethan Hawke und Isabelle
       Huppert. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass das Strahlen sowohl
       bei den Sponsoren als auch bei der Presse nachlässt. Nachdem es viele Jahre
       vier Hauptpartner gab, hat sich die Zahl mittlerweile auf zwei reduziert.
       Bei der Presse zeigt sich eine ähnliche Tendenz. Im Jahr 2005 etwa kamen
       3.978 Pressevertreter zur 56. Berlinale. 20 Jahre später waren es noch
       2.429.
       
       Die Berlinale hat daher allen Grund, die Umbauarbeiten in eigener Sache
       streng im Blick zu behalten. Behauptete Größe genügt im Zweifel nicht, sie
       muss sich auch an der Realität messen lassen. Oder man muss irgendwann
       akzeptieren, dass man vor allem ein Publikumsfestival ist. Bis dahin bleibt
       zu hoffen, dass es die kommenden elf Tage genug zum Lieben geben wird.
       
       Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Textes wurde leider
       ein falscher Titel für İlker Çataks Spielfilm von 2023 genannt. Der
       richtige Titel des Films ist „Das Lehrerzimmer“. Wir haben den Fehler
       korrigiert und bitten um Entschuldigung.
       
       11 Feb 2026
       
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