# taz.de -- Berlinale Wettbewerbsfilm: Das Autoritäre und sein sicherer Applaus
       
       > In „Gelbe Briefe“ exerziert İlker Çatak die Logik staatlicher Repression
       > am Beispiel eines türkischen Künstlerpaars durch. Drängende Fragen stellt
       > der Film zu spät.
       
 (IMG) Bild: Aziz (Tansu Biçer) und Derya (Özgü Namal) in „Gelbe Briefe“
       
       Als Derya (Özgü Namal) unter anhaltendem Applaus die Bühne des türkischen
       Staatstheaters verlässt, ahnt sie noch nicht, dass dieser Abend den
       vorläufigen Höhepunkt ihrer Schauspielkarriere markieren wird. Vielleicht
       hätte sie ihn bewusster ausgekostet, hätte sie um die Zäsur gewusst – doch
       stattdessen hastet sie mit sichtbarer Gereiztheit durch die Gänge, vorbei
       an Mitarbeitern, die ihr zur gelungenen Premiere gratulieren wollen.
       
       Sogar Aziz (Tansu Biçer), ihren Ehemann und Autor des Stücks, würdigt sie
       kaum eines Blickes. Der Anlass ihrer Verstimmung wirkt auf den ersten Blick
       gering, trifft ihre Eitelkeit allerdings ins Mark: Ausgerechnet der
       Gouverneur, eigens erschienen, um ihre Darbietung zu erleben, hielt es
       augenscheinlich nicht für nötig, sein Smartphone während der Aufführung
       auszuschalten. Gleich mehrmals klingelte es auf, die anerkennende Geste
       damit dahin.
       
       Der Auftakt lässt erahnen, wie mühelos İlker Çatak aus dem Porträt dieses
       Ehepaars ein dichtes Charakterdrama entwickeln könnte. „Gelbe Briefe“ aber
       ist ein anderer Film geworden. Derya und Aziz bleiben zwar das Epizentrum,
       allerdings einer exemplarisch angelegten Erzählung über die
       Zermürbungstaktiken autoritärer Systeme.
       
       In das Mahlwerk staatlicher Repression gerät das Ehepaar und seine
       13-jährigen Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) nur wenige Tage später: Derya
       erfährt, dass das Stück bis auf Weiteres abgesetzt wird, während Aziz, der
       neben seiner Arbeit als Dramaturg auch als Universitätsprofessor tätig ist,
       unter fadenscheinigen Begründungen suspendiert wird.
       
       In der Folge verwendet „Gelbe Briefe“ erstaunlich viel Zeit darauf, penibel
       das Repertoire staatlicher Einschüchterung durchzuspielen. Die Behörden
       erhöhen den Druck, in dem man sich beim Vermieter über die Familie
       „erkundigt“, Büroräume demonstrativ durchsucht, sie vielleicht sogar
       beobachten lässt. So ernst diese Vorgänge auch sind, bleiben sie doch zu
       schematisch erzählt, um die ihnen angemessene Wucht zu entwickeln.
       
       ## Wie weit geht man?
       
       Dass hier weniger das Individuelle als das Übertragbare im Mittelpunkt
       steht, spiegelt sich auch im Setting des Dramas. Konkrete Jahreszahlen
       fehlen, auch wenn die Monate nach dem Putschversuch im Sommer 2016 als
       Zeitpunkt der Ereignisse naheliegen. Handlungsort ist zunächst Ankara und
       später Istanbul, tatsächlich zu sehen sind aber Berlin und Hamburg.
       
       İlker Çatak wollte bewusst nicht in der Türkei drehen, nicht dort von einem
       Unrecht erzählen, das er persönlich nicht erfahren hat. Deutlich mehr
       Dringlichkeit entwickelt „Gelbe Briefe“ allerdings gerade da, wo er sich
       weniger für das große politische Panorama interessiert und stattdessen das
       Persönliche, den unterschiedlichen Umgang der Eheleute mit der Repression
       in den Vordergrund treten lässt.
       
       Als Derya, Ezgi und Aziz aus finanzieller Not schließlich bei dessen Mutter
       (İpek Bilgin) unterkommen, zerfasert der Film aber zunächst weiter:
       Zusätzliche Figuren werden eingeführt, neue Nebenschauplätzen etwa um die
       Tochter eröffnet. Erst danach wendet er sich dem zu, wo die tatsächlich
       interessanten Fragen aufscheinen.
       
       Denn gewiss, die ausführliche moralische Anklage autoritärer Systeme
       sichert – zumal bei einem Publikum, wie es „Gelbe Briefe“ zu erwarten hat –
       verlässlichen Applaus. Unbequemer und erkenntnisreicher aber wird es dort,
       wo die Selbstvergewisserung der Zuschauenden endet und die Befragung
       beginnt: Wie weit wäre man selbst bereit zu gehen, um der Zermürbung zu
       trotzen?
       
       Dem eigentlichen Drama, dem Ringen von Idealismus und Pragmatismus zwischen
       Derya und Aziz, widmet sich der Film zu spät und zu zaghaft. Es scheint,
       als steckte in „Gelbe Briefe“ ein zweiter, ein dringlicherer Film, der sich
       mehr noch für den Preis dieses Ringens und die Integrität als fragiles
       Gegengewicht zum Autoritären interessiert. Und damit einer, wie ihn
       [1][İlker Çatak mit „Das Lehrerzimmer“] eigentlich schon einmal vorgelegt
       hat.
       
       13 Feb 2026
       
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