# taz.de -- Konflikt um Gaza auf der Berlinale: Sprache der Vereindeutigung
       
       > Worum geht es dem offenen Brief, der der diesjährigen Berlinale
       > Beteiligung an Zensur vorwirft? Und wer verengt hier eigentlich den
       > Meinungskorridor?
       
 (IMG) Bild: Berlinale 2026: Wer verengt hier den Meinungskorridor?
       
       Es gehört offenbar zu den Tatsachen dieser Welt, dass Tilda Swinton als
       politische Aktivistin sehr viel weniger subtil vorgeht als in ihren Filmen.
       Sie und die anderen beteiligten Filmleute hätten in ihrem [1][offenen
       Brief], den sie vordergründig an die Berlinale, tatsächlich aber wohl in
       die Meinungsarenen dieser Welt schickten, jedenfalls zumindest wahrnehmen
       können, wie sehr sich das diesjährige Festival des Konflikts um Gaza
       bewusst ist und dabei auch palästinensische Perspektiven berücksichtigt.
       
       Der Journalist Thomas Hummitzsch, dem man mangelnde Sensibilität für die
       Palästinenser ganz gewiss nicht nachsagen kann, hat die Filme gezählt, die
       mehr oder weniger direkt Gaza thematisieren. Er sind, wie er auf dem Blog
       „Intellectures“ schreibt, etwa so viele wie bei „den Bemühungen um
       Abbildung der filmischen Verarbeitung des russischen Angriffskrieges auf
       die Ukraine bei der Berlinale 2023“.
       
       Darüber hinaus: Bei Gruß- und Dankesworten wurde Solidarität mit den
       Palästinensern unwidersprochen formuliert. Filmregisseurinnen haben sich im
       Vorfeld versichern lassen, dass sie in Worten und Symbolen ihren Protest
       ausdrücken können. Das können sie, auf den Podien sah man Pali-Tücher und
       Melonensticker. Zensur sieht anders aus. (Der Eindruck, dass, wenn, eher
       die israelische Seite fehlte, sei hier nur in Klammern festgehalten.)
       
       ## BDS-affine Sicht
       
       All das hätten die Unterzeichner des offenen Briefes sehen können. Aber
       nein. Sie verwenden ihre Prominenz dazu, Parolen zu vertreten, die sich, so
       der Eindruck, sowieso längst von der Nachrichtenlage verselbstständigt
       haben. Von „involvement in censoring artists“ und einem „ongoing genocide“
       ist die Rede.
       
       Das ist eine Sprache der Vereindeutigung. Ihr Brief ist geprägt eben nicht
       von der Sorge, dass die palästinensische Perspektive zu kurz kommt, sondern
       davon, [2][nur ihre, und zwar BDS-affine Sicht gelten zu lassen]. Der aber
       kann man sich mit sehr guten Gründen verweigern. Die Rolle der Hamas und
       solcher Staaten wie Iran wird in dieser Sicht ausgeblendet, beim Schüren
       des Konflikts sind sie federführend dabei.
       
       Kurz, in Gaza eskalierte einer der, sowohl was die Historie als auch was
       die politischen Gegebenheiten betrifft, kompliziertesten Konflikte
       überhaupt, und der offene Brief verlangt eine Unterwerfung unter genau
       einer Sichtweise darauf. Wer verengt hier den Meinungskorridor?
       
       In [3][ihrer Antwort] auf den offenen Brief schreibt die Festivalchefin
       Tricia Tuttle: „Wir wissen, dass die Darstellung von Menschen als
       ‚propalästinensisch‘ oder ‚proisraelisch‘ die komplexe Bandbreite an
       Perspektiven verengt und den Diskussionen, die wir über eines der
       schwierigsten und polarisierendsten Themen unserer Zeit führen müssen,
       nicht gerecht wird.“
       
       Es wäre naiv zu glauben, die Unterzeichner des offenen Briefes würden sich
       von so einem Satz beeindrucken lassen. Aber er ist gar nicht so
       leisetreterisch, wie er dargestellt wird. Man sollte sich nicht einreden
       lassen, dass so eine differenzierte Sicht wischiwaschi ist oder
       Entsolidarisierung mit Opfern von Gewalt bedeutet. Wie soll es sonst gehen,
       wenn man ein Festival als Ort der komplexen Wahrnehmung behaupten will?
       
       20 Feb 2026
       
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