# taz.de -- Abschluss der Berlinale: Macht das Festival seine Arbeit?
> Die 76. Berlinale endete mit dem Goldenen Bären für İlker Çatak und
> seinen Film „Gelbe Briefe“. Unter den politischen Statements auf der Gala
> gab es diesmal auch Drohungen.
(IMG) Bild: Mit İlker Çatak kann man sich über seinen Goldenen Bären für „Gelbe Briefe“ freuen
Still war es ganz sicher nicht. Selbst wenn der Gewinner des Goldenen
Bären, [1][„Gelbe Briefe“ von İlker Çatak], überwiegend in leisen Tönen
erzählt ist. Die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin gingen am
Sonnabend vielmehr laut zu Ende, nachdem sie zuvor schon von viel
öffentlicher Aufregung begleitet worden waren.
Für Tricia Tuttle, die Intendantin der Berlinale, schien das alles in
Ordnung. In ihrer Ansprache auf der Abschlussgala wirkte sie zwar
angespannt, zeigte sich aber kämpferisch. Wenn es auf dieser Berlinale
emotional aufgeladen zugegangen sei, resümierte sie, bedeute dies nicht,
dass das Festival gescheitert sei, sondern dass es seine Arbeit mache.
Kontrovers hatte es dieses Jahr gleich zum Auftakt des Filmfestivals
begonnen, als der Jurypräsident Wim Wenders bei einer Pressekonferenz eine
Frage zur Einstellung der Berlinale zu Gaza beantworten wollte und
ungeschickterweise den Satz äußerte, das Kino solle sich aus der Politik
heraushalten. Was zu einer Absage der zur Berlinale geladenen
Schriftstellerin Arundhati Roy und viel Kritik im Netz führte.
[2][Die Proteste steigerten sich bis zu einem Offenen Brief], der dem
Festival „Schweigen zu Gaza“ und „Zensur“ vorhielt. Wohlgemerkt verfasst
von Personen wie Tilda Swinton, die sich anscheinend nicht an Ort und
Stelle von der Haltbarkeit ihrer Vorwürfe überzeugt hatten. Aus eigener
Erfahrung lässt sich vielmehr bestätigen, dass es in Filmen sowie bei
Veranstaltungen das ganze Festival über Statements zu Gaza in Wort und Bild
gab.
Dass sich Wenders im Übrigen nicht für ein Politikverbot auf dem Festival
aussprechen wollte, sondern für das Kino als eine Kunstform, die Empathie
fördern kann, wie er bei der Gala noch einmal in versöhnlichem Gestus
wiederholte, ging über diesem Lärm ohnehin fast unter.
## Viel Unerhebliches und Enttäuschendes im Wettbewerb
Man hatte bei der Gala mitunter den Eindruck, es ginge insgesamt weniger um
Filme als um Politik. Und dass die Jury sich dieses Jahr schwergetan hat,
einen Goldenen Bären unter den 22 Filmen im Wettbewerb auszuwählen. Was bei
der Auswahl mit viel Unerheblichem und Enttäuschendem nicht sonderlich
überrascht. „Gelbe Briefe“ war einer der stärkeren Filme, doch nicht ohne
Konkurrenz.
So räumte Wenders auf eine Frage der Moderatorin Désirée Nosbusch hin ein,
die Jury habe die mit den drei Hauptpreisen bedachten Filme als
gleichwertig betrachtet. Wobei unter diesen dreien „Gelbe Briefe“ durchaus
zu Recht am Ende den Hauptpreis bekam.
Çataks Film erkundet, wie politische Repression sich auf die persönlichen
Beziehungen der Betroffenen auswirkt. Ein Künstlerpaar, das in Ankara am
Theater arbeitet, verliert darin die Arbeit, nachdem eine Premiere aus
politischen Gründen abgesagt wurde und man sie der Aufwiegelung bezichtigt.
Als sie schließlich ihre Wohnung verlieren, müssen sie vorübergehend in
Istanbul bei der Mutter des Mannes unterkommen.
## Das Zerfallen einer Welt
Die beiden Hauptdarsteller Özgü Namal und Tansu Biçer lassen einen mit
ihrem Spiel die Veränderungen in der Ehe ihrer Figuren ganz allmählich
nachvollziehen. Aus engagierten Intellektuellen werden frustrierte
Einzelkämpfer, die auf das Zerfallen ihrer Welt mit Rückzug oder Zynismus
reagieren. Das Drehbuch vollzieht diesen Prozess so kleinschrittig nach,
dass man zwischendurch meinen könnte, der Film verliere seinen Fokus.
Eine Besonderheit von „Gelbe Briefe“ ist, dass er seine Drehorte als
Darsteller präsentiert. Eine prominent das Bild überlagernde Schrift
kündigt erst „Berlin als Ankara“ und später „Hamburg als Istanbul“ an. Die
Städte sehen selbstverständlich so aus wie immer, die Humboldt-Universität
ist unter anderem deutlich zu erkennen, inklusive einer
propalästinensischen Demonstration auf dem Campus. Da der Film von
unterdrückter Meinungsfreiheit handelt, fällt es schwer, dies nicht als
Wink in Richtung Deutschland zu verstehen.
Ein überraschender Hauptpreis war stattdessen der Silberne Bär Großer Preis
der Jury für „Kurtuluş“, den der [3][türkische Regisseur Emin Alper]
erhielt. Zwei verfeindete Clans in einem abgelegenen Bergdorf belauern
darin einander, wobei die Geschichte allein aus der Perspektive des Clans
im „Oberdorf“ erzählt wird.
Der andere Clan bleibt im Film fast unsichtbar, auf Abstand, wird von der
Gegenseite dafür umso heftiger dämonisiert. Hinzu kommen
religiös-abergläubische Verschwörungstheorien, die unter der
Dorfgemeinschaft die Runde machen. Alper inszeniert das vor karger
Wüstenlandschaft spielende Drama als Allegorie auf sich verselbständigende
Desinformation, wie sie etwa in sozialen Medien zu beobachten ist.
Als stilistische Mittel dienen ihm bevorzugt Traumsequenzen, mit denen er
die Grenzen zwischen Wachen, Schlafen und Wahn verschwimmen lässt. Über
lange Strecken wird bei ihm aber vor allem geredet, in raunend monotonem
Tonfall. Die sich anbahnende kollektive Paranoia vollzieht man darüber
nicht immer mit.
## Die unerfreulichen Aspekte von Pflege
Vorab als Favorit unter vielen Kritikern galt dafür „Queen at Sea“ des
amerikanischen Regisseurs Lance Hammer. Juliette Binoche gibt darin die
Akademikerin Amanda, die versucht, mit der Demenz ihrer Mutter
zurechtzukommen, während ihre pubertierende Tochter erste Erfahrungen mit
der Liebe macht. Fragen nach dem richtigen Weg im Umgang mit
Pflegebedürftigen verknüpft das Drehbuch furchtlos mit einem Fall von
mutmaßlicher sexualisierter Gewalt, der sich als unerwartet komplex
herausstellt.
In seiner Ehrlichkeit gegenüber existenziell-unangenehmen Dingen wirkt
dieser von seinem Ensemble souverän getragene Film einerseits sehr direkt,
manchmal allzu direkt, wenn es um die unerfreulichen Aspekte von Pflege
geht. Durch die immer wieder parallel geschnittenen verschiedenen
Handlungsstränge lockert Hammer die Dinge andererseits etwas auf.
Herausragend sind die „Alten“ in diesem Film, gegeben von Anna
Calder-Marshall und Tom Courtenay. Sie erhielten gemeinsam den Silbernen
Bären für die beste Nebenrolle. Gleichfalls verdient ging der Silberne Bär
für die beste Hauptrolle an [4][Sandra Hüller für ihren Titelpart in Markus
Schleinzers Historienfilm „Rose“]. Wie Hüller scheinbar unerschütterlich
eine Frau verkörpert, die sich als Mann ausgibt, gehörte zu den Höhepunkten
dieser Berlinale.
## Angst vor Widerspruch
Politisch heikel wurde es, als der von Tuttle ins Leben gerufene GWFF Preis
Bestes Spielfilmdebüt für Beiträge aus dem Debütfilmen vorbehaltenen
Nebenwettbewerb „Perspectives“ an den palästinensischen Regisseur Abdallah
Alkhatib für „Chronicles From the Siege“ überreicht wurde. Sein Film
erzählt von einer Belagerung im syrischen Bürgerkrieg. Alkhatib trug im
Saal eine Kufiya und dazu eine palästinensische Flagge.
In seiner Dankesrede warf er der Regierung Deutschlands vor, Partner „des
Völkermords im Gazastreifen“ zu sein. Mit Blick auf die Zukunft sagte er,
es werde dereinst ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben. Um zu
ergänzen: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand,
und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war und der geschwiegen
hat.“
Statt eines Plädoyers für Solidarität sprach er mithin eine kaum verhohlene
Drohung aus. Dass sie unwidersprochen blieb, ist allerdings kein Beleg
dafür, dass das Festival „seine Arbeit macht“ und Kontroversen aushält, wie
Tuttle eingangs gesagt hatte. Es ist ein Indiz dafür, dass die Berlinale in
ihrer Angst vor öffentlichen Diffamierungen oder Boykott, weil das Festival
angeblich Zensur übe oder nicht exakt die gewünschte Form von Solidarität
zeigt, die eigenen ethischen Maßstäbe aus dem Blick zu verlieren droht.
## Moderatorin rang um Fassung
Es gab mehrere Preisträger an diesem Abend, die auf unterschiedliche Weise
ihre Solidarität mit den Palästinensern zeigten. In ihren Reden
appellierten sie dabei an die Menschlichkeit. Der Regisseur Emin Alper
erinnerte neben den Palästinensern zudem an die Menschen im Iran ebenso wie
an die Kurden. Der einzige, der sich der Hassrede bediente, war Alkhatib.
Hier müsste das Festival Rückgrat zeigen und Grenzen setzen.
Eine „Demonstration der Freiheit“, wie sie sich Kulturstaatsminister
Wolfram Weimer von der Berlinale erhofft hatte, war dies jedenfalls nicht.
Auf der Bühne reagierte lediglich die sichtlich um Fassung ringende
Moderatorin Nosbusch auf Alkhatibs Rede mit den Worten: „Und ich bin mir
sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es
durch Kriege oder durch Terrorismus.“
Kritik mit den Füßen übte Bundesumweltminister Carsten Schneider von der
SPD, der zunächst bei der Gala anwesend war, nach der Rede von Alkhatib
jedoch den Saal verließ. „Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für
nicht akzeptabel“, ließ er über seinen Sprecher mitteilen.
Dieser Vorwurf richtet sich auch an Tricia Tuttle, die als Intendantin das
Wort hätte ergreifen müssen. Dass sie am Ende der Veranstaltung hingegen an
der Realität vorbei warme Worte wählte und allen, die auf der Gala
gesprochen hatten, zugutehielt, sie hätten aus einer Haltung der „Liebe“
und „Hoffnung“ gesprochen, zeigt bedauerlicherweise, dass sie ihrer Aufgabe
nicht vollständig gewachsen ist. Das muss man in diesem Fall als Scheitern
bezeichnen.
22 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tim Caspar Boehme
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