# taz.de -- Horror auf der Berlinale: Gesellschaftskritik mit viel Kunstblut
       
       > Auf der 76. Berlinale gibt es unter den Filmen aus asiatischen Ländern
       > diverse Horrorkomödien. Für politische Themen wählen sie drastische
       > Mittel.
       
 (IMG) Bild: Stoisch optimistisch: der Supermarktangestellte Sakai (Shota Sometani) in „Anymart“
       
       Was haben ein Supermarkt, ein Gefängnis und eine Fabrik gemeinsam? Sie alle
       sind Funktionsgebäude, in denen sich Menschen in der Regel zu einem Zweck
       aufhalten, den sie nicht selbst bestimmt haben. Im Gefängnis landet man als
       Insasse gegen seinen Willen, im Supermarkt und in der Fabrik verrichtet die
       Belegschaft ihren Dienst, ohne diesen groß selbst gestalten zu können. Raum
       für Missbrauch aller Art bieten sie ebenfalls.
       
       Solche Orte bieten den Rahmen der Handlung für drei recht unterschiedliche
       Filme aus Indonesien beziehungsweise Japan, die auf der 76. Berlinale
       vorgestellt werden. Ihre größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie zum
       [1][Genre des Horrorfilms] gehören: Der japanische Film „Anymart“ und die
       in Indonesien gedrehten Filme „Ghost in the Cell“ und „Monster Pabrik
       Rambut“ („Sleep No More“) sind nicht zimperlich, wenn es um
       Gewaltdarstellungen geht.
       
       Das tun sie aber nicht als Selbstzweck. Sie erzählen von gesellschaftlichen
       Missständen wie Entfremdung, Korruption oder Ausbeutung, das bloß auf
       drastische Weise.
       
       „Anymart“ ist das Spielfilmdebüt des Regisseurs Yusuke Iwasaki, zu sehen in
       der Sektion „Forum“. Als Hauptfigur steht der Supermarktangestellte Sakai
       (Shota Sometani) darin stoisch hinter einer Registrierkasse und antwortet
       ohne erkennbare Anteilnahme auf die Fragen von Kunden, sofern sie überhaupt
       mit ihm sprechen.
       
       In kalten Farben leuchtet die Filiale der titelgebenden Kette Anymart, wie
       es sich für einen Transitort gehört. Kunden verweilen dort ungern, es sei
       denn, sie sind Rentner mit viel Zeit und wenig persönlichem Umgang. Im
       Hintergrund läuft dazu in Dauerschleife ein penetranter Jingle mit Musik,
       der geeignet erscheint, einen in den Wahnsinn zu treiben.
       
       ## Zombiegleich schleichen die Mitarbeiter herum
       
       Das Geschäft wird vom Marktleiter (Masahiko Nishimura) nach strengen,
       zugleich recht schrillen Maßstäben geleitet. So müssen die Angestellten
       jeden Morgen ein Gelöbnis herunterbeten, dass sie den Kunden mit
       Freundlichkeit begegnen. Eigeninitiative hingegen wird sanktioniert.
       Zombiegleich schleichen die Mitarbeiter mit ausdrucksloser Miene zwischen
       den Regalen hindurch, in den Pausen lästert man übereinander, ihre
       Gesichter bekommen dann etwas Fratzenhaftes. Ihr „eigenes“ Leben scheint
       von ihnen niemand wirklich zu leben.
       
       Nachdem Sakai eines Tages einen der Mitarbeiter erhängt in einem
       Hinterzimmer des Markts vorfindet, beginnt die scheinbare Ordnung sich
       langsam aufzulösen. Hatte Iwasaki den Film zunächst im Ton einer absurden
       Komödie gehalten, streut er nach diesem Schrecken mehr und mehr
       irritierende Details ein.
       
       Sakai zum Beispiel trifft sich regelmäßig über Dating-Apps mit Frauen im
       Café. Eine der Frauen zeigt ihm minutenlang Fotos ihrer Katze, um
       irgendwann beiläufig zu erwähnen, dass sie vor Jahren gestorben sei. Bei
       einem anderen Treffen macht die Frau, mit der Sakai über seine Arbeit
       spricht, eine kryptische Bemerkung, dass „es in Supermärkten zu kippen
       beginne“. Was das bedeuten soll, erfährt Sakai später auf krassem Weg.
       
       „Anymart“ bietet bis zum Schluss viel Witz, selbst wenn das dahinter
       schlummernde Grauen sich ganz allmählich in den Vordergrund schiebt und
       alles zu beherrschen scheint. Den stoischen Optimismus von Sakai kann das
       nicht erschüttern. Waren werden schließlich weiter gekauft.
       
       ## Korruption in warmen Farben
       
       Gegen die bewusst blasse Optik von „Anymart“ setzt der ebenfalls im Forum
       laufende indonesische Film „Ghost in the Cell“ von Joko Anwar warme Farben
       mit freundlicher Sepiatönung. Freundlich geht es in dieser Gefängniskomödie
       um Geister und Korruption jedoch nur sehr eingeschränkt zu. Der Journalist
       Anggoro (Abimana Aryasatya) landet in einer Haftanstalt zwischen Mördern
       und Betrügern, nachdem sein Chef tot in seinem Büro aufgefunden wurde.
       
       Anggoro hat ihn als Letzter lebend gesehen, man trennte sich im Streit,
       weil der Chef einen Artikel von Anggoro wutentbrannt abgelehnt hatte. Die
       Todesumstände des Chefs sind allerdings von so ungewöhnlicher Art, dass
       Anggoro kaum als Täter infrage kommt.
       
       Im Gefängnis landet er schnell in einer Gruppe von Häftlingen, die sich
       geringfügiger Vergehen strafbar gemacht haben und sich seiner annehmen.
       Denn der noch junge Anggoro mit seinem sanften Aussehen erregt sofort das
       Interesse der Häftlinge, denen der Sinn nach „Frischfleisch“ steht.
       
       Darunter ein mörderischer Psychopath, mit dem Anggoro sich obendrein die
       Zelle teilen soll. Man fürchtet, dass der Neuankömmling keine Nacht
       überstehen wird. Statt Anggoro ist es jedoch der Psychopath, der kurz
       darauf tot in der Dusche endet. Der Zustand der Leiche erinnert an den
       ermordeten Zeitungschef von Anggoro.
       
       ## Komfortable Unterbringung
       
       Der Regisseur Joko Anwar nutzt das raue Knastsetting und den
       gewaltbegleiteten Grusel, um von Korruption in der [2][Gesellschaft
       Indonesiens] zu erzählen. Die Gefängnisverwaltung schildert er als
       Erfüllungsgehilfen von reichen Eliten, die in einem anderen Gefängnistrakt
       sehr komfortabel untergebracht sind und dem Direktor stets höflich ihre
       Weisungen erteilen. Dass sie im Gefängnis einsitzen, liegt einerseits
       daran, dass sie ernsthaft straffällig geworden sind, andererseits hinter
       Gittern aber auch sicherer leben können als in Freiheit.
       
       Als Störfaktor dringt eine Kraft in dieses System ein, die für „Ordnung“
       sorgt, sogar im Dienste der Gerechtigkeit. Diese Kraft wird, ohne zu viel
       verraten zu wollen, gleichwohl zur Bedrohung für alle im Gefängnis. Wie sie
       der Bedrohung im Einzelnen und als Gruppe begegnen, ist am Ende
       entscheidend für das Überleben aller. „Ghost in the Cell“ mag seine
       blutigen Bilder zwar comicartig grell inszenieren, aber er erzählt auf
       durchaus witzige Art von Dingen wie Solidarität und Zusammenhalt. Die
       zutiefst moralische Haltung schmälert das Vergnügen keinesfalls.
       
       Der andere Horrorfilm aus Indonesien, „Monster Pabrik Rambut“ („Sleep No
       More“) des Regisseurs Edwin in der Sektion „Berlinale Special“, ist
       allenfalls mit viel Sinn für schwarzen Humor als Komödie zu verstehen. Doch
       auch in ihm sind übernatürliche Kräfte im Spiel, die den Figuren das Leben
       schwer machen.
       
       Zwei Schwestern beginnen in einer Fabrik zu arbeiten, in der ihre Mutter
       angestellt war. Sie habe sich umgebracht, heißt es. Das bezweifeln Putri
       (Rachel Amanda) und Ida (Lutesha) allerdings. Denn die Fabrikbesitzerin
       Maryati (Didik Nini Thowok) lässt ihre Angestellten exzessive Überstunden
       machen, was zu Arbeitsunfällen mit unappetitlichen Körperverletzungen und
       Todesfällen führt.
       
       Um nicht zu viel vorwegzunehmen: Putri und Ida stoßen auf ein haariges
       Geheimnis. Ein Happy End ist da nichtsdestotrotz immer noch möglich. Ein
       Ende der Ausbeutung scheint gleichermaßen in Aussicht.
       
       14 Feb 2026
       
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