# taz.de -- Solidarität zwischen den Generationen: „Macht ältere Frauen nicht unsichtbar. Hört ihnen zu!“
       
       > Ihr ganzes Leben hat Ann Keeling für Frauenrechte gekämpft. Jetzt tritt
       > die 70-Jährige für die Rechte Älterer ein.
       
 (IMG) Bild: „Alt zu werden in dieser Welt ist besonders für Frauen schwer“, sagt die Frauenrechtlerin Ann Keeling
       
       Kürzlich war Ann Keeling in Thailand unterwegs. Beruflich. Keeling hat dort
       eine 92-jährige Frau getroffen, die noch immer einen Friseursalon in ihrem
       Haus betreibt. In Rente gehen kann sie nicht, weil das Geld fehlt. Und die
       Frau in Thailand taucht auch in keiner Statistik auf, weil es sich um
       informelle Arbeit handelt. „Sie ist unsichtbar“, sagt Keeling. Wie so viele
       Frauen weltweit, wenn sie alt sind. Der Kampf gegen die Unsichtbarkeit,
       gegen die Diskriminierung alter Frauen, für bessere Lebensbedingungen –
       dafür hat Keeling die letzten Jahrzehnte gestritten. Sie arbeitete für die
       Vereinten Nationen, für die britische Regierung, lebte in Papua-Neuguinea,
       in Indonesien, in Pakistan, war in führenden Positionen tätig bei
       Organisationen, die sich um Gesundheitsvorsorge fürs Alter kümmern. „Alt zu
       werden in dieser Welt ist besonders für Frauen schwer“, sagt Keeling, die
       jetzt im südenglischen Eastbourne wohnt.
       
       Überall auf der Welt leben Frauen im Durchschnitt länger als Männer. „Das
       ist in jedem Land so“, sagt Keeling. Aber: Frauen sind in diesen
       zusätzlichen Jahren tendenziell weniger gesund, haben mehr chronische
       Krankheiten, sind gebrechlicher. Und weltweit leiden Frauen häufiger an
       Demenz und Alzheimer. Keeling spricht von Bonusjahren, die schön sein
       könnten. Wenn Frauen gesund altern. „Frauen neigen in den meisten
       Gesellschaften dazu, nicht in ihre eigene Gesundheit zu investieren“, sagt
       Keeling. „Sie kümmern sich viel mehr um die Gesundheit ihrer Kinder und
       vielleicht auch um die ihres Mannes.“
       
       Das Ganze hängt für sie mit einer geschlechtsspezifischen Diskriminierung
       in jungen Jahren zusammen. Frauen werden schlechter bezahlt. In Ländern mit
       niedrigem Einkommen leisten sie weitaus mehr unbezahlte Arbeit. Im Westen
       gibt es eine Rentenkluft und das wiederum bedeutet, dass Frauen mit Armut
       ins Alter gehen. Und das heißt dann: schlechtere Ernährung, weniger gute
       Gesundheitsversorgung, mehr Krankheiten. Natürlich gibt es von Land zu Land
       Unterschiede. Doch die Strukturen seien überall dieselben.
       
       Keeling bezeichnet sich selbst als Feministin der zweiten Welle, also der
       feministischen Generation, die in den 1970er Jahre politisch aktiv war. Sie
       hat Krisenzentren für Vergewaltigungsopfer mitgegründet, hat für
       Arbeitsrechte für Mütter gekämpft. Es ging ihr dabei um die eigenen
       Bedürfnisse und Anliegen, aber auch um die der kommenden Generationen. In
       Großbritannien beobachte sie immer häufiger, dass junge Frauen diese Kämpfe
       und Erfolge als selbstverständlich ansehen, aber nicht weiterführen. „Wir
       werden aus der Geschichte getilgt, weil unsere Namen nirgendwo geschrieben
       stehen“, sagt Keeling, nicht bitter, eher als rationale Feststellung.
       
       Und jetzt? „Was wir wirklich brauchen, ist Solidarität zwischen den
       Generationen.“ So einfach wie kompliziert lautet Ann Keelings Antwort auf
       diese Frage. Gerade in Zeiten, in denen Frauenrechte international unter
       Beschuss stehen und mühsam erkämpfte Fortschritte wieder abgebaut werden.
       Keeling spricht gar von einem „Krieg gegen Frauen“, gegen den sich jetzt
       auch jüngere Generationen stellen müssten. Dass eine derart dramatische
       Lage heute überhaupt entstehen könnte, hätte sie nach ihrer langen
       Erfahrung nicht für möglich gehalten.
       
       Ein Thema treibt sie derzeit besonders um: Die Gewalt gegen Frauen. Im
       Krieg, aber auch zu Hause, in ihrem unmittelbaren Umfeld. „Wir sind nicht
       frei. Und wir sind nicht gleichberechtigt, bis wir ohne Angst in der
       Öffentlichkeit unterwegs sein können und auch in unseren eigenen vier
       Wänden ohne Angst leben können“, sagt Keeling. Und da schwingt wieder ein
       sanfter Vorwurf an die Jüngeren mit. „Ich glaube, in meiner Generation war
       uns klarer, dass diese Formen der Gewalt inakzeptabel sind“, sagt sie.
       Jüngere Frauen hätten bis zu einem gewissen Grad akzeptiert, dass das Leben
       nun einmal so sei, voller misogyner Gewalt. Und dass dies die Situation
       sei, mit der sie eben leben müssten.
       
       Im März wird Ann Keeling 70 Jahre alt. Und sie wird in diesem Jahr auch
       Großmutter. Ihr Appell an die jüngere Generation: „Macht ältere Frauen
       nicht unsichtbar. Hört zu, was sie zu sagen haben. Schätzt sie für das, was
       sie erreicht und gelernt haben.“
       
       6 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tanja Tricarico
       
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