# taz.de -- Solidarität mit Geflüchteten in Italien: „Ich hoffe, dass er die Staatsbürgerschaft erhält“
       
       > Zwischen Grace aus Nigeria und Teresa aus Kalabrien besteht ein festes
       > Band. Raphael heißt der Kleine, der auch in Teresa Platìs Familie
       > hineinwächst.
       
       Als es dann darum ging, wer denn Taufpate von Raphael werden sollte, sah
       Grace mir direkt in die Augen und sagte bloß: „Du!“ Knapp acht Jahre sind
       seitdem vergangen, doch Teresa Platì erinnert sich noch genau an das
       Gespräch mit Grace, der aus Nigeria geflüchteten jungen Frau, die sie erst
       wenige Monate zuvor kennengelernt hatte, in der Aufnahmeeinrichtung, in der
       Teresa damals arbeitete.
       
       Es war ein Gespräch, das sowohl Raphaels als auch Teresas Leben veränderte,
       das ein bis heute erhaltenes Band zwischen dem nigerianischen kleinen
       Jungen und der Frau aus Kalabrien knüpfte. Dort, im tiefsten Süden, an der
       Spitze des italienischen Stiefels, ist Teresas Familie seit Generationen zu
       Hause, in einem kleinen 1.800-Einwohner-Nest namens Cardinale.
       
       Cardinale, das heißt auf Deutsch Kardinal, „aber es ist ein Kardinal, der
       niemals Papst werden wird“, dämpft Teresa mit einem Schmunzeln überhöhte
       Erwartungen an den Ort mit dem weihevollen Namen. Cardinale muss man sich
       als eines jener abgelegenen Dörfer Süditaliens vorstellen, mit
       zweistöckigen Einfamilienhäusern, die die Straßen säumen, einen Ort, der
       massiv von der Abwanderung vor allem der Jüngeren betroffen ist – in den
       letzten 35 Jahren halbierte sich die Einwohnerzahl.
       
       ## Wo sich Graces und Teresas Wege kreuzten
       
       Genauso sieht es im noch kleineren Nachbarort Brognaturo aus. Dort befand
       sich die Aufnahmeeinrichtung, in der sich Graces und Raphaels Wege mit
       denen Teresas kreuzten. Kreuzen konnten sie sich allerdings nur, weil auch
       Teresa über reichlich Migrationserfahrung verfügt. „Ich bin englische
       Muttersprachlerin“, sagt sie. Wie so viele süditalienische Familien hatten
       sich auch ihre Eltern entschlossen, angesichts der Misere zu Hause ihr
       Glück in der weiten Welt zu versuchen.
       
       „Mein Vater war in Frankreich, in Deutschland, ich wurde dann in Turin
       geboren“, erzählt sie, „doch daran habe ich keine Erinnerung, ich war schon
       mit sieben Monaten weg“. Von Turin zog ihre Familie nach Toronto. „Gutes
       Geld“ habe der Vater in der kanadischen Millionenstadt verdienen wollen,
       als Mechaniker in der Reparaturwerkstatt der städtischen Busbetriebe,
       während die Mutter als Näherin in einer Fabrik arbeitete.
       
       Doch auch dort blieb [1][Kalabrien] äußerst präsent: „Papa war ein echter
       Kalabrier, er war sehr streng mit mir“, erzählt sie. „Ich wuchs in einer
       Großstadt auf, doch ich führte ein Leben, als lebte ich im Dorf. Jungs?
       Nichts da! Freunde bei uns zu Hause? Nichts da! Ich bei Freunden? Nichts
       da!“ Schule allerdings schon: Teresa machte in Toronto ihr Abitur.
       
       ## Zurück nach Italien
       
       Danach wollte sie zurück nach Italien, zum Studium in Rom. Zuerst aber
       stand ein Urlaub bei der Oma an, im kalabrischen Cardinale. Ein Urlaub, der
       ihre Pläne durcheinanderbrachte. „In dem Sommer habe ich mich verleibt, in
       einen Jungen aus dem Ort“, berichtet sie. Der ermutigte sie, ihr Studium
       aufzunehmen, und den Aufnahmetest an der Uni in Rom bestand sie auch, „doch
       ich wollte eine Familie gründen“. Ein Jahr später heirateten die beiden, im
       Jahr darauf kam ihre Tochter zur Welt, „da war ich 21“. Mit 22 gebar sie
       einen Jungen, mit 26 dann noch einen Sohn, „da war ich erst mal
       Vollzeitmutter“.
       
       Auf die Dauer aber reichte ihr das nicht, Teresa wollte arbeiten – ihr
       Migrationshintergrund und ihr perfektes Englisch kamen ihr dabei zugute.
       Sie wurde Lehrerin für Englisch-Konversation am Gymnasium. Dafür bedurfte
       es keines Studiums, ein in einem englischsprachigen Land abgelegtes Abitur
       reichte. Nach diversen Jahren mit prekären Ein-Jahres-Verträgen jedoch,
       „war meine Lehrerinnentätigkeit an einem Standstill“ – immer wieder streut
       Teresa ganz selbstverständlich englische Worte in ihre Erzählung ein. Sie
       erhielt ein Angebot aus der [2][Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete].
       Teresa fing dort im Jahr 2014 als Kulturmittlerin an. Sie betreute
       Migrant*innen vor allem aus Afrika und gab ihnen Italienischunterricht.
       
       Unter denen, die in der Einrichtung aufgenommen wurden, war Grace, eine
       sehr junge Frau, schwanger. Die Sozialarbeiterin der Einrichtung und Teresa
       nahmen sie unter ihre Fittiche, sie begleiteten Grace zum
       Geburtsvorbereitungskurs, erklärten ihr alles zum Stillen und
       Windelwechseln.
       
       Als die Wehen einsetzten, fuhr Teresa und blieb über Nacht bei Grace. Am
       nächsten Morgen ordnete der Arzt den Kaiserschnitt an, Teresa war dabei,
       als Raphael das Licht der Welt erblickte.
       
       Zwei Monate später wurde sie Raphaels Taufpatin. „Madrina“ heißt das auf
       Italienisch, eine zweite Mutter gleichermaßen. Bei Teresa jedenfalls ist
       der Begriff mehr als passend. „Letztes Jahr habe ich mit Raphaels
       Grundschullehrerin gesprochen“, erzählt sie, „und ihr sagt er immer, er
       habe eine große Familie. Dann zählt er uns auf: mich, meine Mutter – sie
       nennt er Oma –, meinen Mann, meine Kinder und deren Kinder.“
       
       ## Häuschen am Meer
       
       Jedes Jahr im Sommer nimmt Teresa Raphael für drei Wochen zu sich, er
       verbringt seine Ferien in Cardinale und in dem Häuschen am Meer, das
       Teresas Mutter gehört. Und natürlich war er 2021 als dreijähriger Knirps
       auch bei der Hochzeitsparty von Teresas Sohn Salvatore dabei. Als
       Salvatore, der mittlerweile in Mittelitalien lebt, letztens auf
       Heimatbesuch auch bei Raphael vorbeifuhr und mit ihm einen Nachmittag
       verbrachte, „da klammerte der Kleine sich beim Abschied an seinen Hals und
       wollte gar nicht mehr loslassen“, berichtet Teresa.
       
       Seit 2020 arbeitet Teresa nicht mehr in der Aufnahmeeinrichtung. Sie ist
       zurückgekehrt in den Schuldienst – und erstmals in ihrem Leben hat die
       60-Jährige nun eine unbefristete Anstellung im Staatsdienst. „Unbefristet“
       – so sähe sie auch gerne Graces und Raphaels Position in Italien. „Ich
       hoffe bloß, dass er mit 18 die italienische Staatsbürgerschaft erhält“,
       sagt sie mit sorgenvollem Blick. Grace, die Mutter, sei immer noch ohne
       dauerhaften Aufenthaltsstatus. Da könne Italien von Kanada lernen. „Meine
       Eltern wurden dort nach sieben Jahren eingebürgert, und wir alle in der
       Familie – auch meine in Italien geborenen Kinder – haben den Doppelpass.“
       
       6 Mar 2026
       
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