# taz.de -- Coding-Projekt in Geflüchtetencamps: „Ich möchte, dass eine Million Mädchen Programmieren lernen“
       
       > Lady Mariéme Jamme und Chelia Rose Clement wissen, wie eine Kindheit ohne
       > Chancen ist. Ihre Mission: Mädchen Zugang zu Technik und Wissen schaffen.
       
 (IMG) Bild: Immer in Kontakt geblieben: Lady Mariéme Jamme und Chelia Rose Clement
       
       Solidarität bedeutet für mich, zu geben“, sagt Lady Mariéme Jamme, ohne zu
       zögern. „Wir denken bei Entwicklung häufig an persönliche Optimierung. Aber
       Solidarität bedeutet, hinauszugehen und unser Brot und das Wissen, was wir
       haben, zu teilen.“
       
       Während sie das sagt, befindet sich die 52-Jährige in Kakuma, einem
       Flüchtlingslager, das seit 34 Jahren besteht und mehr als 300.000 Menschen
       beherbergt, darunter viele Frauen und Mädchen. Kakuma liegt im Norden
       Kenias, in einer kahl und endlos wirkenden Landschaft. Es gibt nur sehr
       wenig Vegetation, der Boden ist trocken, die Luft heiß und die weite Fläche
       ist übersät mit Blechkonstruktionen, den Häusern des Lagers.
       
       Etwas abseits sitzen wir in der Haupthalle von Lady Mariéme Jammes
       Organisation IamtheCode – einen Raum, den es vor zehn Jahren noch gar nicht
       gab. „Hierher können junge Mädchen und Frauen kommen und Zugang zu weltweit
       führenden Persönlichkeiten, Mentoren und sogar Essen bekommen“, sagt Lady
       Mariéme Jamme.
       
       Sie gründete IamtheCode mit einem ehrgeizigen Ziel: „Ich möchte, dass bis
       2030 eine Million Mädchen das Programmieren lernen.“ Ihre Motivation dafür
       sei sehr persönlich: „Als ich jung war, gab es keine Orte wie diesen. Ich
       bin im Senegal aufgewachsen und hatte eine schreckliche Kindheit. Ich hatte
       keinen sicheren Ort und wurde als Kind vergewaltigt, und ich hatte keinen
       Zugang zu Bildung.“
       
       ## Programmieren und Empowerment
       
       Als sie älter wurde, wuchs aus der Ungerechtigkeit, die ihr widerfahren
       war, Entschlossenheit. „Als ich die sozialen Ungerechtigkeiten verstand,
       denen Frauen und Mädchen ausgesetzt sind, beschloss ich, dass ich, sobald
       ich weltweit Einfluss erlange und an Orten sitze, an denen viele Menschen
       nicht sitzen können, etwas für junge Frauen und Mädchen tue.“
       
       Lady Mariéme Jamme wohnt heute in London, aber sie ist viel unterwegs. 2017
       kam sie zum ersten Mal nach Kakuma – und kehrte seitdem immer wieder
       zurück. „Die Idee war, jungen Frauen in Flüchtlingslagern und der gesamten
       Gemeinschaft zu zeigen, dass Veränderungen möglich sind, wenn man vernetzt
       ist und Mentoren und Unterstützer hat, die einen begleiten und mit
       Informationen versorgen. Insbesondere an Orten wie diesem, an denen es für
       junge Frauen und Mädchen nichts gibt.“
       
       Programmieren zu lernen ist dabei für Lady Mariéme Jamme nicht nur eine
       technische Ausbildung, sondern auch ein Weg zur Selbstständigkeit.
       IamtheCode habe zwei Bedeutungen, erklärt sie. „Es bedeutet, dass du der
       Code bist und das Potenzial hast, dein Leben zu verändern, so wie ich es
       als Kind getan habe.“ Jamme war 13 Jahre alt, als sie aus dem Senegal nach
       Frankreich kam. Als Kind ohne Schulbildung in einem Land, dessen Sprache
       sie nicht sprach, habe sie selbst in zwei Jahren sieben Programmiersprachen
       gelernt.
       
       Die zweite Bedeutung sei Empowerment. Der Zugang zu Technologie,
       Informationen und Mentoring gebe Mädchen die Autonomie, sich selbst zu
       schützen, ihre Identität zu definieren und ihre eigene Zukunft zu
       gestalten. „Mädchen und Frauen sind in Gefahr. Sie müssen Informationen
       verstehen und Zugang zu Daten haben.
       
       ## „Geschichtenerzählerinnen, die ihre Reise mit der Welt teilen“
       
       Sie müssen lernen, sich zu präsentieren, zu kommunizieren und
       Lebenskompetenzen zu erwerben. Ohne all diese Fähigkeiten lassen wir Frauen
       zurück.“ Lady Mariéme Jamme glaubt daran, dass ihr Projekt weltweit
       Einfluss haben wird. Denn aus den Mädchen, die hier das Programmieren
       lernen, würden „Geschichtenerzählerinnen, die ihre Reise mit der Welt
       teilen werden“.
       
       Eine dieser Geschichtenerzählerinnen ist Chelia Rose Clement. Als die
       beiden sich kennenlernten, war Clement noch ein Teenager im
       Flüchtlingslager, inzwischen ist die 33-Jährige zweifache Mutter. Der
       Kontakt zwischen ihr und Lady Mariéme Jamme ist nie abgebrochen. Wenn Jamme
       über Clement spricht, lächelt sie in stillem Stolz. Manchmal lachen die
       beiden Frauen leise über gemeinsame Erinnerungen.
       
       „Ich kam im Jahr 2002 nach [1][Kakuma]“, erzählt Clement. „Ich erinnere
       mich nur daran, dass ich mit meiner Tante, der Schwester meiner Mutter,
       während des Bürgerkriegs im Südsudan über Lokichogio hierher kam. Wir
       wurden getrennt, meine Eltern gingen ihren eigenen Weg und ich kam mit
       meiner Tante.“
       
       Im Jahr 2005 bekam sie die Möglichkeit, das erste Mädcheninternat zu
       besuchen, das im Lager gebaut wurde und nach der Schauspielerin Angelina
       Jolie benannt ist, die den Bau finanziert hatte. Als Rose Clement später
       die weiterführende Schule besuchen wollte, grätschte ihr das politische
       Geschehen dazwischen: „Südsudanesen sollten zurückgeführt werden, deshalb
       wurden alle Schulen geschlossen, um ihnen keine Bildungschancen zu bieten.“
       
       ## Allein zurück nach Kakuma
       
       Doch Clement war gut in der Schule und fand einen Sponsor, der ihr den
       Besuch einer High School in [2][Uganda] ermöglichte. Die Tante war mit
       ihrer Familie inzwischen weitergezogen, Clement blieb ganz allein zurück
       und kam nach dem Schulabschluss zurück nach Kakuma.
       
       „Ich fing wieder bei null an. Ich überlebte dank der Freundlichkeit meiner
       Nachbarn und dem wenigen Geld, das mir geblieben war, während ich darauf
       wartete, dass meine nächsten Raten genehmigt wurden.“ 2011 begann sie, sich
       weiterzubilden, und schrieb sich schließlich an der „Masinde Muliro
       University of Science and Technology“ ein. In dieser Zeit lernte sie Lady
       Mariéme Jamme kennen.
       
       „Sie lud mich zum Abendessen ein“, erinnert sich Rose Clement. Sie sprachen
       über Lebenskompetenzen und ein Mentoring-Programm. „Bevor sie ging, hatte
       sie versprochen, mich wiederzusehen, und das tat sie auch.“ Seitdem hält
       die Beziehung der beiden Frauen an.
       
       „Sie ist wie eine Schwester für mich“, sagt Clement heute. „Ihre Geschichte
       ist nicht wie meine, aber sie hat das meiste durchgemacht, was ich auch
       durchgemacht habe.“
       
       ## Ein Mädchen, das niemanden hatte
       
       Als sie 2021 ihren Master in Katastrophenmanagement absolvierte, bat Lady
       Mariéme Jamme sie um ein Treffen in Kakuma. „Ich habe sechs Monate lang auf
       sie gewartet, ohne mir einen Job zu suchen, weil sie mich motiviert hat und
       weil ich ein Mädchen war, das niemanden hatte. 2022 gab Lady Mariéme mir
       einen offiziellen Vertrag. Seitdem habe ich immer mein Gehalt bekommen und
       dafür bin ich wirklich sehr dankbar.“
       
       Die Arbeit bei IamtheCode habe ihre Welt erweitert, sie lerne dort viele
       Menschen kennen, auch aus anderen Ländern. Rose Clement will nun ihren
       Doktor machen. „In Kakuma gibt es diese Möglichkeiten, und es hängt nur
       davon ab, wie proaktiv man ist.“
       
       Solidarität ist für sie etwas sehr Persönliches. „Solidarität bedeutet für
       mich, dass sich jemand Zeit nimmt, um bei mir zu sein“, sagt Clement.
       „Jemand wie Mariéme, die sich Zeit nimmt, um von London aus zu den Mädchen
       zu kommen. Die viel Geld sammelt, nur um diese Mädchen zu unterstützen. Und
       auch ich selbst bin solidarisch mit den Mädchen in Kakuma. Ich gebe ihnen
       Kraft, denn Information ist Macht, und ich betreue sie.“
       
       Sie macht eine Pause, bevor sie ihren Gedanken zu Ende bringt. „Die Kraft
       habe ich von Lady Mariéme Jamme bekommen und gebe sie an die Mädchen
       weiter. Wenn wir sie nicht unterstützen, werden sie außen vor bleiben. Den
       Stimmlosen eine Stimme zu geben, das ist Solidarität.“
       
       Clement, die einst mit nichts nach Kakuma kam, leitet nun andere an. Sie
       bringt ihnen bei, zu programmieren, zu führen und für sich zu sprechen.
       Wenn es nach Lady Mariéme Jamme und ihren Mitstreiterinnen geht, soll es
       bis 2030 eine Million solcher Geschichten geben. Dank ihrem Engagement
       erweitert sich nach drei Jahrzehnten der Hoffnungslosigkeit in Kakuma der
       Raum der Möglichkeiten: Eines der ältesten und größten Flüchtlingslager der
       Welt befindet sich gemäß kenianischem Flüchtlingsgesetz von 2021 im
       Übergang zu einer normalen Gemeinde.
       
       6 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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