# taz.de -- Medienmanagerin aus Quebec: „Wir müssen anerkennen, wer wir sind“
       
       > Julie Grenier ist Perlenkünstlerin und Medienmanagerin. In ihrer Arbeit
       > verwebt die Inuk-Frau ihre verschiedenen Identitäten.
       
 (IMG) Bild: Julie Grenier fertigte einst das Kleid für Kanadas Generalgouverneurin an. Das verschaffte ihrer Kunst den Durchbruch
       
       Es ist nicht leicht, die verschiedenen Fäden des Lebens zusammenzuhalten.
       Julie Grenier schafft das. In ihrem Leben verweben sich indigene und
       französische Fäden, künstlerische und sprachliche, institutionelle und
       persönliche. In ihrer Arbeit gehe es darum, Geschichten zu erzählen und
       eine Erzählung über ihre Herkunft zu schaffen, sagt die 47-jährige
       Inuk-Frau aus der kanadischen Provinz Quebec. „Ich möchte meine beiden
       Welten miteinander verbinden, möchte meine Traditionen im Heute zeigen.“
       Und so ist Grenier eine erfolgreiche Perlenkünstlerin – und zugleich
       Medienmanagerin.
       
       Aufgewachsen ist Grenier in den 1980er Jahren im Norden Quebecs, in
       Kuujjuaq, dem Herkunftsort ihrer Mutter. „Meine Großeltern waren sehr
       präsent und ich verbrachte viel Zeit draußen beim Campen und Angeln mit
       ihnen“, erzählt Grenier. Früh brachten Mutter und Großmutter ihr bei,
       Kleidung aus Karibu- und Robbenfell zu nähen. Das Nähen sei früher eine
       Notwendigkeit gewesen, eine grundlegende Fertigkeit, die sowohl in der
       Kultur als auch im Überleben der Inuk verwurzelt ist. „Meine Großmutter
       hatte immer Nadel und Faden in der Hand“, erinnert sie sich. Die
       handgefertigten Pelzmützen, Parkas und Stiefel brauchte es, um ihre Familie
       warmzuhalten und das raue Klima des Nordens fernzuhalten.
       
       Als [1][Inuk im Norden von Quebec] aufzuwachsen, bedeutet aber weitaus
       mehr, als dem besonderen Klima zu trotzen. Wie viele indigene
       Gemeinschaften haben auch die Inuit in Kanada mit den anhaltenden Wunden
       der Kolonialisierung zu kämpfen, von Zwangsumsiedlungen bis hin zu dem
       generationsübergreifenden Trauma der „Residential Schools“. In diese
       Internatsschulen wurden bis 1996 indigene Kinder von der kanadischen
       Regierung verschleppt, um sie zu „assimilieren“.
       
       ## Kunst als Akt der Solidarität
       
       Für die Inuit-Gemeinschaft ist die traumatische Vergangenheit heute auch
       eine Quelle der Selbstermächtigung. Julie Grenier ist es deshalb besonders
       wichtig, das Erbe der beiden starken Inuk-Frauen fortzuführen, die sie
       geprägt haben. Das Erbe ihrer Mutter, die als ambitionierte Geschäftsfrau
       die erste Kindertagesstätte in Nunavik eröffnete. Und das ihrer Großmutter,
       die ihren Lebensunterhalt mit Nähen verdiente. „Als meine Großmutter starb,
       gab mir mein Großvater ihre Schnittmuster und ihre alte Singer-Nähmaschine
       mit Holztisch“, erzählt Grenier, während sie in ihrer lichtdurchfluteten
       Küche sitzt, zwischen ihren Füßen läuft ihr Hund hin und her. „Ich hatte
       das Gefühl, dass es an mir war, diese Verantwortung zu übernehmen.“
       
       Während ihrer Highschool-Zeit zog Grenier ins städtische Kanada, lernte
       dort ihren Mann kennen und studierte. Nach ihrem Abschluss zog das Paar für
       zehn Jahre zurück in den Norden, bekam dort drei Kinder. Die Mitglieder der
       örtlichen Community brachten sich gegenseitig traditionelle Nähtechniken
       und die Perlenstickerei bei. „Es geht darum, anderen zu helfen, zu ihren
       Traditionen und Kulturen zurückzufinden, während ich meinen eigenen treu
       bleibe“, sagt sie. All das in ihrer Kunst zu vereinen, sei für sie ein Akt
       der Solidarität. Auf dem Esstisch gegenüber liegen beiläufig verstreut
       kleine runde, noch unvollendete Perlenarbeiten.
       
       Trotz ihrer frühen Berührung mit der Näh- und Perlenkunst orientierte sich
       Julie Grenier zunächst beruflich in eine andere Richtung. Nach ihrem
       Studium baute sie sich in der Medienbranche eine Karriere auf und setzte
       sich für indigene Repräsentation in den Medien ein. „Die Medien spielen
       eine entscheidende Rolle dabei, indigenen Jugendlichen zu helfen, sich
       selbst zu akzeptieren, ohne einen Teil ihrer Identität auszulöschen“, sagt
       Grenier. In nördlichen Gemeinden seien Medien, insbesondere Radios, ein
       wichtiges Mittel dafür, dass Jugendliche ihre eigenen Sprachen und Kulturen
       widergespiegelt sehen.
       
       ## Medienhoheit wahren, das Sprachökosystem fördern
       
       Heute ist Grenier nicht nur die Generaldirektorin von Taqramiut Nipingat
       Incorporated (TNI), einer Rundfunkorganisation der Inuit im Norden, sondern
       auch Vorstandsvorsitzende des Aboriginal Peoples Television Network (APTN),
       Kanadas erstem nationalen indigenen Fernsehsender. Greniers Mission: einen
       Raum zu schaffen, in dem die Inuit ihren eigenen Prinzipien folgen können,
       anstatt sich den auferlegten kolonialen Standards anzupassen. Für sie
       bedeutet Medienhoheit, indigenen Völkern dabei zu helfen, ihre Stimme zu
       bewahren und das Sprachökosystem zu fördern. Dies ist besonders wichtig für
       Menschen, die vielleicht ihre indigenen Sprachen nicht fließend sprechen,
       aber dennoch eine tiefe Verbindung zu ihrem Erbe spüren. Heute arbeitet sie
       für eine Organisation, die zu 100 Prozent in der [2][Sprache der Inuk]
       sendet.
       
       Die Perlenstickerei ist eigentlich Greniers Nebenprojekt. In einem kleinen
       Kellerraum, den sie sich mit ihrem Mann teilt, säumen Hunderte von
       Perlenröhrchen eine ganze Wand, sodass es fast wie ein Gemälde wirkt. Auf
       dem Arbeitstisch stapeln sich durchsichtige Boxen mit nach Größe und
       Farbton sortierten Perlen. Mittendrin steht ihre Singer-Nähmaschine – nicht
       das Original ihrer Großmutter, aber ein getreues Nachfolgemodell.
       
       Ihre Inspiration, sagt sie, nimmt sie direkt aus der lebendigen Welt. „Es
       sind die Natur, die Umwelt und die Farben, die mich inspirieren.“ Das Malve
       und Violett von Weidenröschen im Sommer, die roten Wildbeeren vor dem
       Hintergrund graugrüner Flechten, den weiten Himmel, von Hellblau bis
       Kobaltblau.
       
       ## Ein Kleid für die Generalgouverneurin
       
       Mittlerweile ist Grenier auch mit ihrer Kunst erfolgreich. Der
       entscheidende Durchbruch kam, als sie gebeten wurde, für das Kleid zur
       Amtsübergabe der kanadischen Generalgouverneurin Mary Simon die
       Perlenstickerei zu entwerfen – inspiriert von arktischen Beeren und der Art
       und Weise, wie das Licht vom Eis reflektiert wird. Da sich die Künstlerin
       und Mary Simon kennen und aus derselben Heimatgemeinde stammen, war das
       Design sehr persönlich und in ihrer gemeinsamen Verbindung zum Norden
       verwurzelt. „Meine besten Arbeiten entstehen oft in einem solchen Kontext,
       in dem ich mich von der Energie und der persönlichen Geschichte der Person,
       für die ich arbeite, inspirieren lassen kann, basierend auf dem, was ich
       über sie weiß, und dann einigen Dingen meinen persönlichen Stempel
       aufdrücken kann.“ Als unverwechselbares persönliches Markenzeichen
       verwendet sie Karibu-Tufting, das ihren Inuk-Hintergrund repräsentiert.
       
       Einmal entwarf Grenier eine traditionelle Cree-Kapuze für eine Freundin,
       die Moose Cree ist, ein indigenes Volk aus Nordontario. Grenier beschreibt
       das als ein sehr emotionales Projekt. „Zuerst habe ich abgelehnt, weil ich
       keine Cree bin und mir diese Kultur nicht aneignen wollte, aber dann habe
       ich es doch für sie gemacht. Es war sehr beeindruckend, sie damit auf der
       Bühne zu sehen, denn es war das erste Mal seit über hundert Jahren, dass
       dort eine traditionelle Cree-Kapuze getragen wurde.“ Die Künstlerin fügte
       letztendlich Karibu-Tufting hinzu, als Zeichen ihres eigenen Erbes und
       ihrer freundschaftlichen Verbindung.
       
       Egal ob in der Sprache oder in der Kunst, Julie Grenier will die nächste
       Generation befähigen, ihre eigenen multikulturellen Narrative anzunehmen.
       Das Verweben dieser Identitäten helfe Jugendlichen, „sich selbst
       vollständig zu akzeptieren und zu wissen, dass ihre Verwirrungen normal
       sind“. Grenier ermutigt alle, sich dem Druck zu widersetzen, „alles über
       sich selbst auszulöschen“, nur um akzeptiert zu werden. „Wir müssen
       anerkennen, wer wir sind.“ Lange Zeit wollte sie nicht anerkennen, dass sie
       zur Hälfte Französin ist – Greniers Vater ist französisch-kanadischer
       Abstammung –, „aber auch diese Werte sind ein Teil von mir“, sagt die
       Künstlerin.
       
       Julie Grenier glaubt fest daran, dass Menschen zusammenkommen können, ohne
       sich selbst zu verlieren. Solidarität ist für sie am stärksten, wenn jede
       Stimme authentisch bleiben darf, nicht zu Konformität gedrängt, sondern so
       gefeiert wird, wie sie ist. Ihr Motto: „Finde in dir selbst die Kraft, dir
       treu zu bleiben.“
       
       6 Mar 2026
       
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