# taz.de -- Gesundheitswesen in den USA: „Wir wollen keine symbolische Alibi-Repräsentanz“
> Am Telefon versteht Roopa Dhatt sofort, was mit Netzwerk gemeint ist. Sie
> kämpft als Ärztin für Geschlechtergerechtigkeit.
(IMG) Bild: Roopa Dhatt kam mit fünf Jahren aus Indien in die USA
taz: Frau Dhatt, mit Ihrer Organisation Women in Global Health und darüber
hinaus haben Sie ein riesiges Netzwerk aufgebaut. Wie sind Sie dazu
gekommen?
Roopa Dhatt: Ich denke, das geht auf meine Überzeugung zurück, dass wir
kollektiven Wandel oder sozialen Wandel in der Gesellschaft nur gemeinsam
vorantreiben können. Deshalb habe ich mich schon früh in Netzwerken
engagiert. Als Präsidentin der International Federation of Medical Student
Associations hatte ich Kontakt zu Medizinstudierenden aus über 130 Ländern
weltweit. Dann stieß ich auf das Thema, für das ich mich seit fast 15
Jahren einsetze: [1][Überall um mich herum gab es so viele talentierte
Frauen] – Krankenschwestern, Ärztinnen oder andere Auszubildende. Aber in
den Führungspositionen waren Frauen kaum vertreten. Also kehrte ich zu
diesem Studierendennetzwerk zurück, um mich für Geschlechtergerechtigkeit
in Gesundheitssystemen weltweit einzusetzen.
taz: Die Covid-19-Pandemie war ein sehr entscheidender Moment. Inwiefern
haben sich da die Ungerechtigkeiten des Gesundheitssystems offenbart?
Dhatt: Ich habe während der Pandemie als Ärztin gearbeitet und konnte
beobachten, wie sich die Situation auf meine Kolleg:innen in den USA,
aber auch weltweit auswirkte. Die Institutionen im Gesundheitssektor
existieren seit Hunderten von Jahren und waren nicht darauf ausgelegt, die
[2][Sorgearbeit von Frauen anzuerkennen] – sei es in den Kliniken, aber
auch darüber hinaus in den Communitys, Gemeinden und Familien.
taz: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Dhatt: Hier in Nordamerika wurde zum Beispiel alle persönliche
Schutzausrüstung nach dem [3][Prototyp des männlichen Körpers] entworfen.
Daher verwendeten viele Krankenhäuser Schutzausrüstung, die für Frauen
schlecht geeignet war, zum Beispiel übergroße Masken oder Kittel.
taz: Hat die Pandemie etwas verändert oder ist das System einfach zum
Status quo ante zurückgekehrt?
Dhatt: Bei Women in Global Health hatten wir die Kampagne „Covid 50/50“,
mit der wir uns für geschlechtergerechte Gesundheitssysteme eingesetzt
haben. Das ging über in eine globale Initiative namens Gender Equal
Healthcare Workforce Initiative, die wir zusammen mit der
Weltgesundheitsorganisation und der französischen Regierung ins Leben
gerufen haben.
taz: Was ist daraus geworden?
Dhatt: Wir konnten fast 20 verschiedene Länder und weitere 20
internationale Organisationen dazu bewegen, sich zur Unterstützung
weiblicher Gesundheitsfachkräfte zu verpflichten – durch
Führungsmöglichkeiten, gleiche Repräsentanz und faire Bezahlung. Frauen
sollen angemessene Löhne für ihre Arbeit bekommen, denn wir wissen, dass es
im Gesundheitssystem ein massives Lohngefälle gibt. Es liegt im
Durchschnitt bei etwa 23 Prozent. Wir arbeiten weiter daran, dass unsere
politischen Entscheidungsträger die Versprechen einzuhalten, die sie
während Covid gegeben haben.
taz: Apropos Löhne – linke Kritiker:innen sagen, dass ein [4][zu
starker Fokus auf die Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen] von
den eigentlichen Problemen ablenkt. Sollte es nicht eigentlich um die
gewerkschaftliche Organisierung oder um den Wandel des kapitalistischen
Systems gehen?
Dhatt: Da besteht definitiv eine Spannung. Und ich glaube, dass diese
Spannung zugenommen hat, seit es einen autoritären Backlash gegen
Frauenrechte gibt. Ursprünglich konzentrierte sich dieser Angriff auf die
körperliche Selbstbestimmung und den Zugang zu reproduktiver Gesundheit,
wie beispielsweise Abtreibungen. Aber eigentlich zielt er auf die
Menschenrechte als solche ab. Diese Agenda wächst, sie ist sehr gut
finanziert, und das Geld fließt transatlantisch und über viele Grenzen
hinweg.
taz: Wäre das nicht ein Argument für grundlegende Veränderung?
Dhatt: Ja, die [5][Geschichte der Frauenrechte] war schon immer eine
Geschichte der Gerechtigkeit. Wenn wir egalitäre Systeme haben und Arbeit
gleich entlohnen, ist das Gerechtigkeit für alle. Aber die Frage ist: Wie
kann man ein System niederreißen, ohne damit destabilisierende Kräfte zu
entfesseln? Die Abschaffung der US-amerikanischen Auslandshilfen durch
USAID führte dazu, dass Millionen von Kindern und Frauen ihr Leben
verlieren, weil sie keinen Zugang mehr zu lebensrettenden HIV-Behandlungen
haben und die Müttersterblichkeit steigt. Aber in unserer Kampagne geht es
definitiv um viel mehr als nur Führungspositionen. Wir wollen keine
symbolische Alibi-Repräsentanz.
taz: Wie meinen Sie das?
Dhatt: Sie wissen schon: Die eine Frau, die eine Behörde leiten darf, und
dann die Last jeder Ungerechtigkeit trägt, die Frauen in diesem Bereich
erleiden müssen. Es geht wirklich um die gesamte Pipeline, um den Wandel
des gesamten Systems. Wir können einen anderen Weg für die Menschheit
finden.
6 Mar 2026
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