# taz.de -- Turnerin Elisa Chirino über Solidarität: „Ich sag Bescheid, was ich brauche“
> Seit ihrem Unfall benötigt die ehemalige Leistungssportlerin Elisa
> Chirino Hilfe. Sie hat gelernt: Solidarität ist nicht für alle
> selbstverständlich.
(IMG) Bild: Elisa Chirina auf dem Schwebebalken, 2013
taz: Welche Rolle spielt Solidarität in Ihrem Leben, Frau Chirino?
Elisa Chirino: Den Begriff verwende ich kaum. Das liegt wahrscheinlich
daran, dass ich Solidarität eher als Gefühl wahrnehme. Vor allem in meiner
Community.
taz: Wer ist Ihre Community?
Chirino: Andere Betroffene. Die meisten habe ich während der langen
Krankenhauszeit nach meinem Unfall kennengelernt, viele auch über Social
Media. Da gibt es ein so offenes Miteinander und ich fühle mich direkt
verstanden. Ein bisschen zähle ich auch die Therapeuten dazu – die sind
zwar nicht selbst betroffen, aber die haben sehr viel Wissen über meine
Situation.
taz: Das, was Ihre Community ausmacht, wird vor allem von der Frage nach
körperlichen Einschränkungen bestimmt?
Chirino: Ja, das hat sich verändert. Ich habe auch noch Kontakt zu Leuten
von früher, aus der Leistungssportbubble. Aber das ist sehr wenig geworden.
taz: Als Spitzensportlerin haben Sie sich vor allem über die
Leistungsfähigkeit Ihres Körper definiert.
Chirino: Ich hatte einen trainierten Körper, über den ich mir keine großen
Gedanken gemacht habe. Nach dem Unfall ist dieses Verhältnis zerbrochen,
ein Teil meines Körpers ist mir fremd geworden und es ist nicht einfach,
das anzunehmen.
taz: Bei dem Unfall waren Sie 16 Jahre alt und Ihr Ziel war Olympia. Ein
Leben für den Sport.
Chirino: Nachdem der Sport so abrupt aufgehört hat, wusste ich erst einmal
gar nicht, wer ich bin. Heute würde ich sagen, mich macht ganz viel aus:
Meine Behinderung ist ein Teil von mir, meine Wurzeln in einem anderen
Land, die man mir ansieht und auf die ich sehr stolz bin, mein Interesse
für Malerei, Design, Mode und natürlich Psychologie. Als
Leistungssportlerin gab es nur den Sport und ich hatte gar keine Zeit,
nachzuspüren, wer ich noch bin.
taz: Welche Rolle spielt es, dass Sie eine Frau im Rollstuhl sind und kein
Mann?
Chirino: Männer im Rollstuhl treten oft stärker auf. Das gilt vor allem für
die, die ihren Rollstuhl selbst antreiben und dadurch täglich ihren
Oberkörper trainieren. Ich habe das Gefühl, ich bin viel weniger sichtbar.
Wenn ich etwas möchte oder brauche, muss ich fast immer fragen. Und weil
meistens jemand meinen Rollstuhl schiebt, werde ich nicht einmal selbst
angesprochen.
taz: Wie viel Solidarität begegnete Ihnen direkt nach dem Unfall?
Chririno: Meine Trainingsgruppe kam direkt ins Krankenhaus. Auch mein
Trainer ist am Anfang noch gekommen. Und es gab ganz viele
Solidaritätsbekundungen über Social Media von anderen Turnerinnen, aus
Deutschland, aber auch aus Italien und anderen Ländern. Ich weiß noch, dass
mich das überrascht und gefreut hat.
taz: Gab es auch Enttäuschungen?
Chirino: Viele von denen, mit denen ich vorher meine gesamte Zeit verbracht
habe, sind dann immer weniger gekommen. Außerdem gab es damals eine
Spendensammlung für mich und ein großer Teil des Geldes ist veruntreut
worden. Die verantwortliche Person war meinem Trainingsumfeld bekannt und
da hätte ich mir mehr Anteilnahme gewünscht. Von einigen Kontakten aus
meinem Davor-Leben habe ich mich auch bewusst verabschiedet, weil sie mir
nicht gutgetan haben.
taz: Wer sind heute Ihre Verbündeten?
Chirino: Ich habe jetzt Menschen, die in verschiedenen Bereichen meines
Lebens präsent sind. Aber meine Familie – das sind die zentralen
Verbündeten. Heute habe ich wieder die Kraft, für mich einzustehen und
irgendwann auch ohne sie klarzukommen. Aber direkt nach dem Unfall – ich
möchte mir nicht vorstellen, wie es ohne sie gewesen wäre. Meine Mutter ist
der solidarischste Mensch in meinem Leben.
taz: Wie oft begegnen Sie im Alltag Menschen, die keine Behinderung haben
und von denen Sie sich und Ihre Bedürfnisse wirklich verstanden fühlen?
Chirino: Selten. Mir ging es eine Zeit lang sehr schlecht, ich hatte starke
Schmerzen, konnte kaum essen und trinken. Und gerade bei Ärzten, die es ja
eigentlich wissen müssen, wurde meine Situation zum Teil heruntergespielt.
In solchen Situationen fühle ich mich echt am Boden. Auch wenn meine
Intimsphäre verletzt wird, vor allem im Krankenhaus.
taz: Würden Sie sich wünschen, die Menschen würden mehr verstehen, was Sie
brauchen, und Sie müssten weniger um Hilfe fragen?
Chirino: Das ist schon manchmal nervig. Ich musste das auch erst lernen.
Andererseits ist es ja ein Glück, dass Menschen da sind, die man fragen
kann. Für mich wäre es so am besten: Ich sag, was ich brauche, das könnt
ihr ja nicht wissen. Und ihr erkennt an, womit ich zu kämpfen habe, und
begegnet mir auf Augenhöhe.
9 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Manuela Heim
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