# taz.de -- Politisches Theater: Ohne Dabeisein ist alles nichts
> Mit dem „Prozess gegen Deutschland“ spielte das Thalia Theater ein
> AfD-Verbotsverfahren durch. Es gab magische Momente – wenn man im Saal
> war.
(IMG) Bild: Insgesamt blieb das Theaterprojekt szenisch dünn: Szene der Aufführung in Hamburg
Wie es eigentlich war, dürfte letztlich doch die interessanteste Frage mit
Blick auf den von Regisseur Milo Rau in Hamburg inszenierten „Prozess gegen
Deutschland“ sein. Also die Frage nach der Form und der Performance, die
Frage nach der eigenen, der Bühnenrealität dieses fiktiven
AfD-Verbotsverfahrens, das hoch und runter im Feuilleton Thema war.
Stattgefunden hat es vom 13. bis zum 15. Februar im Großen Haus des Thalia
Theaters Hamburg, mit je zwei Vertreter*innen von Anklage und Verteidigung,
die mit ihrer Rolle zumindest nicht hadern sollten, sowie der Einvernahme
von ganz realen Zeug*innen dafür, dazwischen und dagegen.
Anders als bei den historisch [1][wichtigen Vorläufern wie Bertrand Russels
Vietnam-Tribunal], wo es darum ging, ganz reale Zeugnisse für ein
Verbrechen zusammenzutragen, um eine politisch-juristische Aufarbeitung zu
erzwingen, hat man sich hier dem dreitägigen Kolossalformat zum Trotz in
eine eher biedere Ferdinand-von-Schirach-Dramaturgie begeben. Bei dessen
Wellmade-Plays geht es ja auch immer irgendwie darum, eine Entscheidung
vorzubereiten. Hier war dafür eine siebenköpfige Jury gecastet worden.
Die teilweise erregte Diskussion ums Event hatte eher seine Wirksamkeit
fokussiert. Der routinierte Vorwurf, Rau bereite Rechten und
Rechtsextremist*innen eine Bühne, wirkt etwas verspätet: Längst müsste es
Theater ja um die Rückgewinnung der von rechten Menschenfeinden besetzten
Räume gehen, etwa des Dancefloors, [2][wie es am couragierten Theaterhaus
Jena die Performance „l‘amourstoujours“] schlüssig versucht hat: Sylt,
Ponybar, Gigi d‘Agostino, Sie erinnern sich.
Die Ansprachen, mit denen das Thalia zumal der rechten Blase Füllmaterial
liefert, sind dagegen ein Ärgernis, gerade auch, weil sie im Widerspruch
zum ästhetischen Setting stehen. Sie verraten die selbstgeschaffene
theatrale Prozess-Situation – an die Langeweile.
## "Junge Freiheit" superaggressiv
Wie unwohl sich Hardcore-Rechte hingegen in der formal eingeengten
Gesprächssituation der Zeugenbefragung fühlen, war Samstagvormittag aufs
Schönste zu erleben. Superaggressiv reagierte der von der ultrarechten
Zeitung Junge Freiheit [3][gefeierte Blogger Feroz Khan] bereits auf die
Befragung durch die Publizistin Liane Bednarz, die ihm doch als
Verteidigerin wohlgesinnt gegenüber getreten war.
Wie er da verbal um sich schlug, das hatte auf der Bühne etwas
Kläglich-Rührendes, weil so tiefe Verunsicherung daraus sprach. Und da war
Dabeisein mal wirklich alles. Denn im Theaterraum, und nur in dem, gelingt
es so, den seltsamen Hass dieses Männleins zu neutralisieren, das gerne
furchterregend wäre. Man sitzt da und denkt: Wie schade!, irgendwer hätte
es mal in den Arm nehmen müssen, das arme Bübchen. Jetzt ist's zu spät.
Online stellt sich dieses Mitleid nicht ein. Auf Social Media kann sich
Hetze selbstbestimmt geben und virulent werden. Insofern erweist es sich
als künstlerisch falsch und politisch als fahrlässig, die Veranstaltung auf
Youtube zu verbreiten. Dort steht das Video interessierter Seite zur
Zweitverwertung in entkontextualisierten Häppchen parat. Und dort ist es
möglich, Zumutungen zu skippen, die Akteur*innen und Publikum im Saal
aushalten. Manchmal will man schreien, tut es aber nicht. Das ist eine
theatrale Qualität.
Es gibt billige Lacher, weil Herta Däubler-Gmelin den Advocatus der AfD,
Frédéric Schwilden, mitunter als Herrn Schwindler anspricht, so wie weiland
Herbert Wehner den Journalisten Ernst-Dieter Lueg einfach Lüg genannt
hatte; sie aber wohl doch mehr aus Versehen.
## Der Nachbar, ein Nazi?
Insgesamt bleibt das Theaterprojekt, nicht nur gemessen an seinen Richard
Wagnerschen Ausmaßen, szenisch dünn, trotz schöner Momente, vor allem
jeweils zu Sitzungsbeginn: Da kommt aus dem Off die Ansage: „das Gericht
erscheint“ – und alle erheben sich. Also wirklich alle, der ganze Saal, gut
1.000 Leute. Magisch.
Zugleich wird viel soziale Kontrolle spürbar: Der Beifall zu den Aussagen
bleibt spärlich, wohl auch, weil sich jedes Klatschen als politisches
Statement lesen lässt. Und wer wollte sich schon outen, wenn der Nachbar
Nazi sein könnte.
20 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-das-russell-tribunal-zum-vietnamkrieg-wird-102.html
(DIR) [2] https://www.theaterhaus-jena.de/programm/stuecke/i-won-t-give-up-on-this
(DIR) [3] https://www.belltower.news/achse-ostwest-deutsch-pakistaner-hetzt-auf-youtube-gegen-migranten-und-den-islam-96789/
## AUTOREN
(DIR) Benno Schirrmeister
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