# taz.de -- Rücktrittsforderung an AfD-Personalchef: Vetternwirtschaft ist der gordische Knoten
       
       > Der Skandal um die Beschäftigung von Angehörigen führt zu Verwerfungen in
       > der Partei. Der Fraktionsvize Keuter gerät zunehmend unter Druck.
       
 (IMG) Bild: Trieb auch er es zu bunt? Stefan Keuter, Personalchef der AfD-Bundestagsfraktion
       
       Fast wirkt es so, als seien die Parteichefs der extrem rechten AfD gerade
       aus einem Paralleluniversum auf die Fraktionsebene gebeamt worden. Alice
       Weidel und Tino Chrupalla sind sichtlich bemüht, sich nichts anmerken zu
       lassen und Normalität zu simulieren.
       
       Die Krisensitzung in Präsenz vom Vortag im Bundesvorstand dauerte über vier
       Stunden lang, aber heute tun Weidel und Chrupalla fast so, als wäre die
       letzten drei Wochen überhaupt nichts passiert, keine in Bundestagsbüros
       angestellte Verwandten von AfD-Politikern, keine Vorwürfe von
       Vetternwirtschaft in mehreren Bundesländern, kein Fraktions-Personalchef,
       der sogar seine eigene Freundin angestellt haben soll. Stattdessen der
       übliche Monolog vom Abstieg Deutschlands. Fast zehn Minuten lang.
       
       Auf die erste Frage zur Vetterwirtschaft guckt Weidel streng. Man überprüfe
       alles, was bekannt würde, aber „bei den Gesprächen mit den Einzelfällen hat
       sich herausgestellt, dass die Anwürfe aus Richtung der Medien in der Tat
       haltlos und völlig aufgebauscht sind.“ Mehr sagt Weidel erst einmal nicht
       und starrt stattdessen schweigend in die Runde erstaunter Gesichter vieler
       Journalist*innen, die auf Basis von Fakten zu zahlreichen Fällen der
       Vetternwirtschaft recherchiert haben und deren zahlreiche Anfragen an die
       Parteispitze in den letzten Wochen fast ausnahmslos unbeantwortet blieben.
       
       Es ist ein gewagter Spagat: Denn die Vorwürfe stammen aus der Partei
       selber, der extrem rechte Vordenker Götz Kubtischek hat gefordert, intern
       aufzuräumen. Doch Weidel und Chrupalla wischen das weg und hoffen offenbar,
       dass ihre Wählerschaft gegen Fakten mittlerweile vollends immunisiert sind.
       
       Eine absurde Szene, die darin gipfelt, dass Chrupalla, der bei Talkshow von
       Caren Miosga kürzlich noch von einem „Geschmäckle“ sprach, sagt: „Das ist
       alles nicht verboten.“ Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass er selbst
       die Frau des sächsischen AfD-Landtagsabgeordneten Roberto Kuhnert
       beschäftigt. Immerhin räumen sie ein, dass sie sich vorstellen könnten, bei
       der Verschärfung des Abgeordnetengesetzes mitzuwirken – aber: „wenn dann
       gleiche Regeln für alle“, sagt Chrupalla.
       
       Aktuell bekannte Fälle gibt es allerdings [1][fast nur aus der AfD]: In den
       letzten Wochen waren zahlreiche Fälle bekannt geworden, in denen
       AfD-Abgeordnete aus Landtagen und Bundestag die Verwandten von anderen
       AfD-Politikern beschäftigen. Zuletzt stellte sich gar heraus, dass
       ausgerechnet Stefan Keuter, Personalchef der Bundestagsfraktion, seine
       eigene Freundin beschäftigen soll. Hier sagte Weidel: Keuter habe eine
       Woche Zeit, Konsequenzen zu ziehen. Aber woraus, wenn doch alles nur
       Medienkampagne sein soll?
       
       Die taz hörte aus Kreisen des Fraktionsvorstandes wiederum, dass Weidel den
       Personalchef sogar zum Rücktritt aufgefordert habe. Keuter steht damit
       plötzlich im Zentrum der Verwandtenaffäre, nachdem bekannt wurde, [2][dass
       dieser sich mit seiner Mitarbeiterin sogar das Klingelschild teilt, wie
       t-online recherchierte]. Er nehme für seine Mitarbeiterin nur Post
       entgegen, erklärte dieser wiederum.
       
       ## Keuter wiegelt ab
       
       Keuter selbst sagte der taz am Montag: „Es gab keine Rücktrittsforderung
       von Weidel an mich. Sie hat mich gefragt, wie ich gedenke, mit der
       Situation umzugehen und welche Konsequenzen ich ziehen wolle.“ Darüber habe
       er noch keine Entscheidung getroffen. Die Vorwürfe kämen zudem von Leuten
       aus dem völkischen Lager um Matthias Helferich, die ihn vor den
       Vorstandswahlen in Nordrhein-Westfalen beschädigen wollten.
       
       Es war tatsächlich sein feindlicher Parteifreund Helferich aus seinem
       Landesverband NRW, der den Fraktionsvorstand bat, zwei Punkte auf die
       Tagesordnung zu setzen: „Berichterstattung zum kolportierten
       Angestelltenverhältnis zwischen Stefan Keuter und seiner Lebensgefährtin“
       sowie „Rücktrittsforderung gegen Stefan Keuter vom Posten als
       stellvertretender Fraktionsvorsitzender“. Das Schreiben liegt der taz vor,
       soll nun aber eine Woche auf Eis liegen, bis Keuter über Konsequenzen
       nachgedacht hat, wie aus der Partei zu hören ist.
       
       Keuter erklärte gegenüber der taz: Die Frau habe in seinem Wahlkreisbüro
       2022 angefangen und er habe sie irgendwann nach Berlin geholt, auf der
       Arbeit sei man sich dann näher gekommen, eine Wohnung teile man sich aber
       nicht, ebenso sei man nicht verheiratet. „Ich habe nichts Unrechtmäßiges
       getan“, so Keuter, „laut Bundestagsverwaltung darf man keine Verwandten
       ersten und zweiten Grades sowie eingetragene Lebenspartner beschäftigen.“
       Er habe extra vor der Einstellung bei der für Complianceregeln zuständigen
       Abteilung „PN Zwei“ der Bundestagsverwaltung nachgefragt.
       
       Zu den in den letzten Wochen bekannt gewordenen Überkreuzbeschäftigungen
       innerhalb der extrem rechten Partei sagte Personalchef Keuter: „Das hat ein
       Geschmäckle, ist aber nicht justiziabel.“ Die Frage sei: „Gibt es
       Scheinbeschäftigung oder arbeiten die tatsächlich – Ersteres wäre nicht in
       Ordnung.“ Mit Blick auf seine Mitarbeiterin sagte er: „Die Dame arbeitet
       hier im Büro hoch motiviert. Soll ich sie kündigen? Sie findet doch
       nirgendwo anders noch etwas, wenn sie für die AfD gearbeitet hat. Und sie
       bei anderen Abgeordneten unterzubringen, fände ich wiederum nicht in
       Ordnung.“ Zu seinem Beziehungsstand wollte Keuter sich nicht offiziell
       äußern, auch ein Abgeordneter habe ein Recht auf Privatleben, sagte er.
       
       ## Ein gordischer Knoten
       
       Die Ausmaße des Skandals sind unterdessen noch nicht vollends bekannt,
       Vorwürfe betreffen bislang vor allem Sachsen-Anhalt und Niedersachsen,
       ebenso sind Fälle aus dem EU-Parlament, aus Sachsen und vom
       Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg, Markus Frohnmaier, bekannt. Stein
       des Anstoßes war wiederum der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich
       Siegmund, dessen Vater im Bundestagsbüro von Thomas Korell arbeitet – für
       zeitweise über 7.000 Euro monatlich.
       
       Im Landtag Sachsen-Anhalt steht neben Überkreuzbeschäftigungen zudem der
       Verdacht von Scheinbeschäftigung im Raum, weil AfD-Abgeordnete im Schnitt 7
       Mitarbeiter beschäftigen, die anderen Fraktion 2 bis 3. Eine
       AfD-Landtagsabgeordnete hat sogar 16 Mitarbeiter, der Spitzenkandidat
       Siegmund 10.
       
       ## Weitere Vorwürfe in Niedersachsen
       
       Ebenfalls heftig sind Vorwürfe im Landesverband Niedersachsen. Die
       niedersächsische EU-Parlamentarierin Anja Arndt schrieb in Brandbriefen an
       den Bundesvorstand sogar davon, dass in ihrem Landesverband ein System
       existiere, nachdem Bundestagsabgeordnete 35 Prozent ihres
       Mitarbeiterbudgets für Parteiarbeit im landeseigenen AfD-Netzwerk
       reservieren mussten. Angefügt war auf 90 Seiten auch Beweismaterial, das
       der Bundesvorstand seither prüft. Der Landesvorstand um Ansgar Schledde
       dementiert die Vorwürfe, aber sollten sie zutreffen, wäre das
       Zweckentfremdung von Fraktionsgeldern für Parteiarbeit und damit im Bereich
       des Kriminellen.
       
       Am Montagabend hörte die Parteispitze beide Seiten bei einer Krisensitzung
       an. Sie dauerte mehrere Stunden. Weidel glänzte durch Abwesenheit und ließ
       sich aus terminlichen Gründen entschuldigen. In Niedersachsen ist die Lage
       derart verworren, dass der Bundesvorstand nun eine externe Anwaltskanzlei
       beauftragen will, um die Unterlagen und Vorwürfe aus Niedersachsen zu
       überprüfen und einen Entscheidungsvorschlag abzugeben.
       
       Die Verzweiflung im Bundesvorstand scheint groß hinsichtlich des Ausmaßes
       des Skandals. Das Wort „gordischer Knoten“ macht die Runde, auch angesichts
       von Forderungen etwa von dem [3][rechtsextremen Vordenker Götz Kubitschek]
       und Mahnungen von Björn Höcke aus Thüringen. Auch weil der Einfluss des
       Bundesvorstands auf die Einstellungspolitik der Abgeordneten gering sei und
       die Parteispitze keinen Hebel habe einzugreifen, wenn etwa
       Überkreuzbeschäftigung nicht verboten sei.
       
       Zu hören war die Prognose: Es laufe so weiter, bis die Partei sich eine
       Satzungsänderung gebe, für die es allerdings eine Zweidrittelmehrheit von
       Parteitagsdelegierten bräuchte. Was wiederum schwierig wäre, weil viele
       AfD-Politiker von Vetternwirtschaft profitierten.
       
       In den letzten Wochen wurde damit deutlich: Die AfD scheint genau das zu
       tun, was sie anderen Parteien vorwirft: sich den Staat zur Beute zu machen.
       
       ## Laden könnte „gehörig auseinanderfliegen“
       
       Innerhalb der AfD ist man unterdessen über die mangelnde Führung bestürzt.
       Ein bei einem Abgeordneten beschäftigtes Mitglied sagte der taz: „Weidel
       handelt einfach nicht wie eine Parteichefin. Es gibt Indizien, dass der
       Laden gehörig auseinanderfliegen könnte, und sie nimmt nicht mal an der
       Bundesvorstandssitzung teil. Einziger Strohhalm sind die Umfragen, die
       bisher noch halten.“ Sollten diese Beliebtheitswerte nun zeitversetzt zum
       Skandal sinken, drohe eine Abwärtsspirale, befürchtet das Mitglied.
       
       Im Bundestag haben Abgeordnete zusätzlich zu ihrem Gehalt von 11.833 Euro
       noch ein Personalbudget in Höhe von 26.650 Euro, und auch hier beschäftigen
       AfD-Abgeordnete im Schnitt mehr Personal als die übrigen Fraktionen, wie
       eine Anfrage der taz zeigt: Die rechtsextreme Partei beschäftigt 8,9
       Mitarbeiter im Schnitt und hat insgesamt 1.347 Mitarbeiter für ihre 151
       Abgeordneten. Bei den übrigen Parteien sind es im Schnitt 7,5.
       
       Überkreuzanstellungen sind bislang wegen der Verwandtenaffäre der CSU 2013
       im bayerischen Landtag illegal, im Bundestag jedoch nicht. Noch nicht
       jedenfalls: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner fordert nun strengere
       Regeln und kündigt Gespräche über die Verschärfung des Abgeordnetengesetzes
       an. „Mitunter hat man das Gefühl, dass es Clan-Strukturen gibt, wenn es
       Überkreuzanstellungen gibt“, sagte sie am Montag stilecht bei einer
       Axel-Springer-Veranstaltung. Sie sprach von einer „Anstandsfrage“.
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-02/abgeordnete-bundestag-angehoerige-beschaeftigung-verflechtungen
 (DIR) [2] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101135280/vetternwirtschaft-in-der-afd-stefan-keuter-und-dirk-brandes-im-fokus.html
 (DIR) [3] /Rechtes-Treffen-in-Schnellroda/!6150355
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gareth Joswig
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Alice Weidel
 (DIR) Björn Höcke
 (DIR) Vetternwirtschaft
 (DIR) Sachsen-Anhalt
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt AfD
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Filz und Rechtsextremismus in der AfD: Vetternwirtschaft, Korruption, Abhitlern
       
       Im Bundestag wurde der AfD Vetternwirtschaft vorgeworfen. Alles eine
       Schmutzkampagne, so die Partei – während immer mehr Fälle bekannt werden.
       
 (DIR) Personal von AfD-Abgeordneten: Verdacht auf Scheinbeschäftigung
       
       Eine taz-Umfrage zeigt: AfD-Abgeordnete beschäftigen in Landtagen auffällig
       viel Personal – bis zu 16 Personen. Das soll mancherorts eingedämmt werden.
       
 (DIR) Vetternwirtschaft in der AfD: Landtag von Sachsen-Anhalt will Überkreuzjobs verbieten
       
       In Sachsen-Anhalt sollen wegen der AfD Überkreuzbeschäftigungen verboten
       werden. Geplant sind neue Regeln für Abgeordnete und deren Mitarbeiter.
       
 (DIR) Vetternwirtschaft bei der AfD: Der Staat als Beute
       
       AfD-Abgeordnete beschäftigen Familienangehörige und bedienen sich dafür am
       Gemeinwohl. Kritik in den eigenen Reihen dreht sich nur ums Eigene.
       
 (DIR) Gründung der AfD-Jugend in Niedersachsen: Kaderschmiede für die Remigration
       
       In Niedersachsen hat sich ein Landesverband der AfD-Jugendorganisation
       Generation Deutschland gegründet. Er ist so radikal wie seine Vorgängerin.
       
 (DIR) Politisches Theater: Ohne Dabeisein ist alles nichts
       
       Mit dem „Prozess gegen Deutschland“ spielte das Thalia Theater ein
       AfD-Verbotsverfahren durch. Es gab magische Momente – wenn man im Saal war.
       
 (DIR) Rechtsextreme gegen Zivilgesellschaft: AfD will mit Leitfaden Demokratie-Programm lahmlegen
       
       Die AfD wirbt per Leitfaden dafür, das Programm „Demokratie Leben“
       auszutrocknen oder für sich zu nutzen. Vorbild: eine Blockade in
       Bitterfeld-Wolfen.