# taz.de -- „Die kleine Meerjungfrau“ am Thalia: Von Schwänzen und Verwandlungen
       
       > Der Regisseur Bastian Kraft inszeniert „Die kleine Meerjungfrau – a Fluid
       > Fairy fantasy“ nach Hans Christian Andersen am Thalia Theater Hamburg mit
       > Dragqueens.
       
 (IMG) Bild: In „Die kleine Meerjungfrau. A Fluid Fairy Fantasy“ erzählen Dragqueens das Märchen von Hans Christian Andersens Märchen anders
       
       Absolut unwiderstehlich sind sie, diese sieben „leichten Musen“, wie sich
       selbst bezeichnen. Unwiderstehlich, charmant und schonungslos offen. Sie
       spielen Meerjungfrauen, aber – wenn es sein muss – auch mal deren Eltern,
       Schwestern oder gar den Märchenprinzen. Sie sind Dragqueens oder
       Schauspieler:innen, die solche spielen.
       
       Doch unter ihren hochtoupierten Perücken, ihren exakten Lidstrichen und
       falschen Wimpern sind sie einfach Menschen voller Sehnsüchte und
       Verletzungen. Sie sind queer und auch nicht, sind aus Hamburg, Berlin, Tel
       Aviv und aus dem Iran. Einen Abend lang erzählen sie von ihren Träumen und
       Zweifeln, ihren Sorgen und Transformationen und von den schmerzhaften
       Grenzen, auf die sie dabei gestoßen sind.
       
       Der Regisseur Bastian Kraft hat sie – nach der Zürcher Premiere des Abends
       vor ziemlich genau einem Jahr – nun am Thalia Theater neu versammelt,
       einige Ensemblemitglieder des Thalia Theaters und Stars aus der Hamburger
       und Berliner Drag-Szene, um mit ihnen „Die kleine Meerjungfrau“ zu
       inszenieren. In dem Märchen erzählt [1][Hans Christian Andersen] von einer
       Nixe, die sich in einen Menschenprinzen verliebt, für diesen ihren
       Fischschwanz und ihre Stimme aufgibt und, weil ihre Liebe an Land unerfüllt
       bleibt, sich schließlich in Meeresschaum verwandelt.
       
       Von Schwänzen und Verwandlungen wissen die Darsteller:innen auf der
       Thalia-Bühne auch einiges zu erzählen. Und so entpuppt sich diese
       Inszenierung als ein assoziativer, klug und kritisch durchwobener und
       berührend ehrlicher Abend über Wünsche, unerfüllte Sehnsüchte und auch voll
       grausamer Berichte über Homosexuellenhass.
       
       ## Glamourös schillernd, selbstironisch oder erschütternd
       
       Vor sieben Schminktischen (Bühne: Peter Baur) machen sich die
       Darsteller:innen – Elias Arens, Olympia Bukkakis, Julian Greis,
       [2][Judy Ladivina], Leona London, Moné Sharifi und Victoria Trauttmansdorff
       – nach und nach zurecht. Sie ziehen Augenbrauen und Lippen nach, setzen
       Perücken auf, legen Glitzer und Federboas an und berichten abwechselnd aus
       ihren eigenen Leben und von ihrem Blick auf die kleine Meerjungfrau.
       
       Die Grenzen sind fließend, die Szenen mal glamourös schillernd, mal
       selbstironisch, mal zutiefst erschütternd. Da wird herzergreifend – und im
       großartigen Video von Jonas Link medial vervielfacht – „I Need a Hero“
       gesungen, da wird im funkelnden Pailletten-Outfit (Kostüme: Sophie Reble)
       performt. Da schwimmt eine:r – seilgesichert – als Meerjungfrau über den
       schilfigen Bühnenhorizont, ein:e andere:r tanzt sich als einsamer Matrose
       die Seele aus dem Leib, während ein:e dritte:r aus der Hamburger
       Drag-Szene erzählt, und damit von Clubnächten zwischen Faszination und
       Überforderung.
       
       Genauso aber erzählen sie auch von homophoben Anfeindungen, von Übergriffen
       mit Kieferbruch und gescheiterten Outings. Bastian Kraft gibt all diesen
       grandiosen Darsteller:innen Raum, lässt sie hemmungslos strahlen in
       seiner fluid fairy fantasy, die nur manchmal ein wenig zu didaktisch gerät.
       
       Weit spannt Kraft an diesem mitreißenden Abend den Bogen von Show- über
       Musicalanleihen bis hin zu leisen Lebensbeichten, erzählt anhand einer
       Meerjungfrau von Diversität und Queerness, appelliert an Toleranz und
       Solidarität, feiert den Rausch und damit das Leben. Dieser Abend funkelt
       und schillert. Wenn man genauer hinschaut, so – wie es einmal heißt –
       ähnlich wie „der Schaum, aus dem die Tränen sind, und jede Blase glitzert
       bis sie platzt“.
       
       1 Mar 2026
       
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