# taz.de -- Thalheimer inszeniert „Salome“ in Berlin: Man will das Blut doch sehen
       
       > Michael Thalheimer inszeniert „Salome“ von Einar Schleef nach Oscar Wilde
       > an der Berliner Schaubühne und überlässt ikonische Momente der
       > Imagination.
       
 (IMG) Bild: Kurz bevor sich der Käfig über die Prinzessin senkt. Szene aus „Salome“
       
       Salome betritt die Bühne und tanzt. Tanzt, als ginge es um ihr Leben.
       Peitschengleich zerschneiden ihre Zöpfe die Luft, in besessener Raserei
       schleudert die Prinzessin ihre Gliedmaßen von sich. Während sich ein
       hölzerner, treibender House-Beat steigert und Jim Morrisons tote geremixte
       Stimme „I tell you this. I don’t know whats gonna happen, man“ aus dem
       Hintergrund lallt, scheint Salomes linker Arm abzusterben. Sie schlägt ihn
       um ihren Körper wie ein lebloses Stück Fleisch, einen knochenlosen
       Atavismus. Die Stieftochter des Herodes ist ein Leib geworderner Boxsack:
       „Break on through to the other side“.
       
       Es ist ein fantastischer, ein manischer Eröffnungsmoment dieses Berliner
       Freitagabends, an dem Regisseur Michael Thalheimer nach knapp zehn Jahren
       mit einer Inszenierung an die Schaubühne am Lehniner Platz zurückkehrt.
       Silbrig eingefasst ist das minimale Bühnenbild, doch das oxidierte Blech
       spiegelt nicht die stumpfen Augen der Figuren, nur die matten Lichter, die
       sich im Verlauf des Abends wenig ändern werden, schimmern darin milchig.
       
       Umgebend von einem gekachelten Graben, einer modernen Kloake, werden die
       wenigen Figuren den Abend gefangen auf dieser Insel verbringen: der Balkon
       der Herodes-Festung Macherus als Schlachthauszelle, in dessen Blutrinne mal
       der Henker, mal der Prophet patrouillieren.
       
       Ebenjenen Propheten Johannes (Christoph Gawenda) begehrt die junge
       Prinzessin und lässt ihn zu sich bringen. Doch er, dieser kotbeschmierte
       Engel des Todes, eindrucksvoll vom Schlachterhaken hängend, weist das
       blasse Kind zurück. Silbrig wie [1][ihr Kleid ist alles an Salome] (Alina
       Stiegler) in jener Nacht. Und weiß wie der Mond, der in dieser Textfassung
       Einar Schleefs so oft heraufbeschworen wird.
       
       ## Der Jähzorn sitzt tief in den Protagonisten
       
       Doch ihr Temperament ist schmollend und rot. Rot wie das Blut, das noch
       fließen wird. Rot wie der Wein, den der Herrscher säuft, und rot wie die
       Lust und die Schönheit und der flammende Hass, mit dem der Prophet Johannes
       die Mutter Salomes überzieht, die den Schwager, Herodes, heiratete, der
       sich dafür zuvor durch Mord des eigenen Bruders entledigte.
       
       Und nun begehrt er die Stieftochter: sie soll für ihn tanzen. Als
       berstendes Schaubühnen-Klischee betritt Herodes (Tilman Strauß) in goldenen
       Leggins und Pelzmantel die Bühne. Wild wichsend, mal wimmernd, meist
       brüllend, mäandert der Herrscher zwischen Kriechen und Kreischen. Überhaupt
       wird viel ins Publikum geschrien in dieser Nacht. Die Interaktion der
       Figuren ist stets nach vorne gerichtet, überzogen und darin leider wenig
       abwechslungsreich.
       
       Die voll sprachlicher Sprengkraft ins Publikum abgefeuerten Satzsalven
       klingen meist, als seien sie direkt für die Werbestreichholzschächtelchen
       des Theaters geschrieben worden („Ich bin der Ungehorsam“, „Der Mond ist
       der Mond, aber hier ist die Kloake“, „Halt die Fresse“). Dass dazwischen
       auch wirklich irre, unfassbar schöne und leise Sprache stattfindet, in der
       fast beiläufig Farben und Himmelskörper oder verwünschte Gewalt beschworen
       werden, und die stellenweise eng an das [2][Hohelied Salomos] erinnert,
       geht unter.
       
       Sie wird im Verlauf des pausenlosen Abends weggeschwemmt von einem
       Doomscroll-artigen Wortgewitter, in dem, von ein paar billigen Lachern
       abgesehen, nur der eigentliche Tanz Salomes den geschundenen Hirnen und
       Ohren eine Pause verspricht.
       
       ## Schließlich tanzt die Prinzessin doch
       
       Denn nachdem Salomes Mutter Herodias (Jule Böwe) vergeblich versucht, ihr
       Kind vom Tanz für den Stiefvater abzuhalten, stimmt die Prinzessin
       schließlich zu, als Herodes ihr einen freien Wunsch verspricht. Doch
       anstatt in die erneute, süße Raserei zu verfallen, senkt sich ein
       käfiggleicher Kasten über die Prinzessin, und die Musikerin Yuebo Sun
       betritt mit einer Erhu, einer Spießgeige, die Bühne und lässt auf ihr ein
       betörendes, sinnliches Lied erklingen.
       
       Salome kann nur den Arm heben, das Gesicht im stillen Schrei erstarren
       lassen und das nun anstehende Töten mit der Geste der Kehlendurchtrennung
       ankündigen.
       
       Und nun flaut der Abend gehörig ab. Nach einigem Nein-Doch-Ich-will-Aber
       und erneutem Gebrüll kriegt Salome endlich, was sie so dringend möchte:
       [3][den Kopf von Johannes]. Während in der Bibel das Kind hier allem voran
       den Wunsch der Mutter erfüllt und dieser brav sein Haupt darbietet, ist die
       schmollende Kindprinzessin in Oscar Wildes Drama eine lüsterne, eine
       grausame Figur. Doch die ikonische Szene wird dem Publikum verwehrt.
       
       Gerade, weil zuvor am Blut nicht gerade gespart wurde, antizipiert man doch
       ein [4][Lovis-Corinth-gleiches Momentum], der auf seiner Salome-Darstellung
       mit expressivem Pinsel die tanzende Schöne das Auge des Propheten mit
       spitzen Fingern lüften ließ, während sich ihre schweren Lider und milchigen
       Brüste über den abgetrennten Schädel voll unaushaltbarer Schönheit beugen.
       Doch auf dieser Bühne sieht man: nichts.
       
       Alle stehen zwar noch kurz rum, es werden Geräusche der Tötung beschworen,
       intoniert werden sie jedoch nicht. Und so überhört man ob der Enttäuschung
       des ausbleibenden Höhepunkts fast die reuigen Worte, die in einem seltenen,
       kleinen, Schelf’schen Chormoment gesprochen werden: „Ich liebe dich, ich
       küsse dich, aber dein Gott hat dich verlassen. Ich will nicht mehr essen.
       Nur küssen. Noch zittert in dir Leben, es verlässt dich nicht so schnell,
       noch zucken die Augen, die Lider, noch ist da etwas wie Licht. Noch
       spiegeln sich die Sterne.“
       
       Dass Salome nun ob der Eifersucht des Stiefvaters selbst stirbt, in Stücke
       gehackt wie ein Vieh, ist nur noch eine schnelle Fußnote. Natürlich eine
       unsichtbare.
       
       8 Feb 2026
       
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