# taz.de -- „Kinder der Sonne“ im Berliner Ensemble: Klassenfragen über den Körper verhandeln
> Laura Linnenbaum inszeniert „Kinder der Sonne“ von Jakob Nolte nach Maxim
> Gorki am Berliner Ensemble. Heraus kommt eine dichte Milieustudie auf
> schwarzem Asphalt.
(IMG) Bild: Sie reden, doch meist aneinander vorbei: Marc Oliver Schulze, Jannik Mühlenweg, Lili Epply, Sebastian Zimmler (v.l.) in „Kinder der Sonne“
Der Garten der Villa am Rande der Stadt ist eine raue Wüste, deren
klebrig-glitzerndes Schwarz alles bedeckt hat. Die Welt scheint ein anderer
Planet geworden zu sein. Ist es seltene Erde oder einfach nur verbrannter
Asphalt, was dort an den dreizehn schwarzen Laternenpfählen hochkriecht,
den Boden bedeckt, die Kulisse in einen Ort verwandelt, den man eigentlich
nicht berühren möchte?
Was immer es ist, womit Daniel Roskamp die Bühne vom Neuen Haus [1][des
Berliner Ensembles] überzogen hat, es sorgt dafür, dass die Figuren nicht
bleiben können. Ständig sind sie in Bewegung, als wäre es schmerzhaft auf
dieser feindseligen Oberfläche stillzustehen. Die Gruppe gemeinsam
Einsamer, die Maxim Gorki 1905 als seine „Kinder der Sonne“ schuf, und die
[2][Autor Jakob Nolte] nun in die Gegenwart schrieb, sie retten sich auf
weiße Stühle, Liegen und Tische, metallisch-kühl und glatt. So glatt, dass
ihre Körper sofort wieder von ihnen heruntergleiten. Es gibt kein
Verharren, kein Verschnaufen in dieser, sich um sich selbst drehenden
Gegenwart, gegen die die Protagonisten des Stückes beständig anreden.
Waren es bei Gorki russische Intellektuelle, die den Bezug zum einfachen
Volk verloren haben und sich in Kunst und Literatur vertiefen, während die
Arbeiterklasse das Zarenregime stürzen will, engagieren sich Noltes
bürgerliche Figuren zwar zumindest abstrakt für drängende Zukunftsfragen,
doch haben auch sie gesellschaftlichen und monetären Einfluss schon längst
verloren und kämpfen lediglich in lakonischen Sprachtiraden [3][gegen den
eigenen Bedeutungsverlust].
Gorkis Figuren seien besessen vom Sprechen, schreibt Nolte in einem sehr
lesenswerten Begleitwort „Butter“ über das Stück: „Sie versuchen sich die
Welt zu ersprechen, ihren Sinn oder Unsinn, ihre Rollen darin. […] Erlösung
durch Versprachlichung.“ Und auch Noltes Figuren sprechen wie besessen:
miteinander, untereinander, gegeneinander, doch meistens ein bisschen
aneinander vorbei.
## Alleine gegen alle und alle gegen sich selbst
Und so beobachten die Zuschauer:innen zweieinhalb Stunden die drei im
Haus mit ständig kaputtem Gartentor lebenden Intellektuellen Prof. Paul
Fürst (Marc Oliver Schulze), Literaturwissenschaftler, Jelena Fürst
(Pauline Knof), seine Frau, und scheinbar frisch entlassener akademischer
Mittelbau, und seine Schwester Lisa Fürst (Lili Epply), traumatisierte
Dichterin und Mutter eines toten Kindes, dabei sich in ihren Beziehungen
und der Welt zu behaupten.
Umworben werden die drei von der Unternehmerin Melanija Schmitt (Bettina
Hoppe), dem Maler Nils Lund (Jannik Mühlenweg) und dem Tierarzt und
Rennradfahrer Malte Keller (Sebastian Zimmler), am Rande stehen – oft
wörtlich – die Haushälterin Antonia Markova (Maeve Metelka), der Handwerker
Roman Gauner (Maximilian Diehle) und der Vermieter Herr Block (Oliver
Kraushaar).
Regisseurin Laura Linnenbaum inszeniert diese Gruppe Erwachsener als
getriebene Individuen, abgestumpft in ihrer einsamen Ich-Bezogenheit, deren
überzogene, theatralische Darstellung zu so manchem Kalauer führt. Hätte
das nicht auch subtiler sein können?, fragt sofort der eigene Snobismus.
## Es muss sich verhalten werden
„Ein Roman ist nicht einfach eine Geschichte, er ist eine erzählte
Geschichte. Ich muss mich zum Erzählten verhalten“, heißt es im Text von
Literaturwissenschaftler Paul. Wenn am Ende des Stückes die
Bühnenscheinwerfer das Publikum selbst in „Kinder der Sonne“ verwandelt,
ist der sich für kulturell-versiert haltende Betrachter schon lange tief im
Versuch verstrickt, sich irgendwo zwischen diesen rutschigen Figuren zu
verorten.
Dabei ist niemand sympathisch, alle sind Antihelden. Beeindruckend ist
dabei die dicht studierte Körperlichkeit der Charaktere, die insbesondere
von den eher randständigeren Figuren des Vermieters und des Handwerkers mit
geringem Redeanteil, dafür umso präsenterem Habitus auf die Bühne gebracht
werden.
Die Klassenfrage, sie wird hier zu Recht auch über den Körper verhandelt.
Sich ganz in dieses Stück sinken zu lassen, fällt ob der doppelten
Unerträglichkeit der gespielten und der realen Realität zunächst schwer.
Gelingt es dann irgendwann doch, rinnt die Zeit plötzlich schneller. Was
bleibt ist eine ausgesprochen kluge Charakterstudie der bürgerlichen
Gesellschaft ohne didaktische Lösungsvorschläge.
Zwischen verzweifelten erotischen Avancen, Ego-Trips, nahen Waldbränden und
der nagenden Frage, ob der Handwerker Gauner denn nun ein Nazi sei, wird
den verlorenen Bürgerskindern der Mietvertrag gekündigt. Nachdem die
Schwester beim Brunch die „Geschichte des Landes, in dem die Sonne nicht
mehr aufging“ erzählt, kommt es, wie es kommen muss: Die seit Generationen
bewohnte Villa muss verlassen werden. Es gibt noch ein bisschen
hedonistischen Exzess, eine Neusortierung des sozialen Gefüges. Die
Menschen kaufen Aktien, bauen Beziehungen auf, trennen sich und die Sonne
bleibt verschwunden – nur eben alles ein bisschen anderes als gedacht.
25 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gewalt-in-lesbischen-Beziehungen/!6148367
(DIR) [2] /Neuer-Krimi-von-Jakob-Nolte/!6017243
(DIR) [3] /Krise-der-Kritik/!6144557
## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
## TAGS
(DIR) Theater
(DIR) Berliner Ensemble
(DIR) Maxim Gorki
(DIR) deutsche Literatur
(DIR) Bürgertum
(DIR) Akademiker
(DIR) Klassengesellschaft
(DIR) Milieu
(DIR) Theater Berlin
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Theater
(DIR) Theater
(DIR) Feuilleton
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) VR-Theater in München: Willkommen in der Realität
Ist das noch Theater? Das Münchener Residenztheater versucht sich erstmals
in einer immersiven Inszenierung, die Schauspiel und Virtual Reality
zusammenbringt.
(DIR) Bühnenfassung von „Auf allen vieren“: Die Frau an der Klippe
Ein vierköpfiges Frauenkollektiv hat Miranda Julys Roman „Auf allen vieren“
in den Sophiensaelen in Berlin uraufgeführt. In den Hauptrollen: Fritzi
Haberlandt und Meike Droste.
(DIR) Krise der Kritik: Lesen und lesen lassen
Kann man mit elaborierten Kulturtexten in Zeiten von Social Media denn gar
keine Aufmerksamkeit mehr erhaschen? Ein Hilferuf aus den Content-Minen.
(DIR) Thalheimer inszeniert „Salome“ in Berlin: Man will das Blut doch sehen
Michael Thalheimer inszeniert „Salome“ von Einar Schleef nach Oscar Wilde
an der Berliner Schaubühne und überlässt ikonische Momente der Imagination.