# taz.de -- Tanzplattform Deutschland 2026: Ist es ok? Ist es wirklich ok? Oder nur ok-ok?
> Wo geht es hin mit dem zeitgenössischen Tanz? In Hellerau trafen dreizehn
> Inszenierungen auf ein interessiertes Fachpublikum.
(IMG) Bild: In Elsa Artmanns Inszenierung „Langes Wochenende“ verschmelzt aufs zärtlichste die Arbeit mit dem Privatleben
Festivalstimmung mag nicht so recht aufkommen auf dem doch recht verwaist
wirkenden Vorplatz im Kunstzentrum HELLERAU im gleichnamigen Dresdener
Stadtteil. Ein paar Bierbänke, ein Foodtruck und ein Kaffeewagen, um die
sich das ein oder andere Grüppchen tummelt, sind die einzigen Lebenszeichen
vor den Toren des Festspielhauses. Hier trifft sich das Fachpublikum
schnell vor oder zwischen den Veranstaltungen, bevor es entweder die
nächste Tram in Richtung Dresden Zentrum kriegen muss oder zum nächsten
Meeting der Professionals eilt.
Die Ruhe täuscht jedoch über das volle Programm hinweg, das die
[1][diesjährige Tanzplattform Deutschland] bereithält. Alle zwei Jahre
werden die bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum
von einer unabhängigen Jury ausgewählt und in einer anderen Stadt
präsentiert. 2026 war es also Dresden und damit insbesondere Hellerau,
denen diese Ehre zukam. 13 Inszenierungen wurden an fünf Tagen gezeigt,
Pitching-Sessions, Empfänge und vor allem Vernetzungstreffen abgehalten.
Viel Input also und viel zu verarbeiten für alle, denen man die Erschöpfung
am Ende des Tages doch mal mehr, mal weniger deutlich anmerken konnte.
Dem Anspruch, mit der Auswahl [2][aktuelle Entwicklungen und Strömungen der
Tanzszene] widerzuspiegeln, ist die Jury durchaus gerecht geworden. Sie
zeigt, wie weit der Tanzbegriff ausgedehnt werden kann, auch wenn sich bei
der ein oder anderen Arbeit vermutlich die Meinungen spalten. Bestes
Beispiel dafür ist Eszter Salamons Solo-Stück „Dance for Nothing
(revisited)“, das (wie der Name schon sagt) ihre eigene Performance von
2010 wieder aufgreift, in der sie sich mit [3][John Cages] Vortrag „Lecture
on Nothing“ auseinandersetzt.
Damals verband sie Cages Worte mit Bewegung, jetzt konzentriert sie sich
auf dessen klangliche Ebene und verbindet sie mit körperlichen Gesten und
deren Transformation. Was doch etwas wirr und absurd-komisch aussieht, ist
durchaus durchdacht. Über 45 Minuten redet Salamon über vermeintlich nichts
und verdeutlicht dabei jeden Satz mit einer wiederholenden Geste, die sich
mit der Zeit in eine neue Bewegung entwickelt. Auch wenn es um nichts zu
gehen scheint und es zu verstehen sowieso nichts gibt, ist diese
Performance erstaunlich unterhaltsam und präsentiert auf jeden Fall eine
Ausreizung des Tanzbegriffes und einen neuen Ansatz von Bewegung.
## Das Spektrum ist breit gefächert
Auf der anderen Seite des Spektrums wiederum liegen sowohl „Reparation
Nation“ von Jessica Nupen und „Until the Beginnings“ von MOUVOIR/Stephanie
Thiersch & École des Sables/Alesandra Seutin. Beide Arbeiten drehen sich um
Rhythmus und Groove und bringen transkulturelle Bewegungen auf die Bühne
und zeigen die verbindende Kraft des Tanzens. Ein gemeinsamer Groove als
Zuhause.
Die Verwendung von Text in Tanzperformances ist zwar inzwischen nicht mehr
ganz ungewöhnlich, gelingt aber nicht immer. Nicht ganz gelungen ist es
Charles A. Washington mit „The Children of Today“. Es soll die
Vergangenheit betrachtet werden, um eine Zukunft jenseits des Kapitalismus
zu entwerfen, wofür Kleopatra, Nijinsky und Jérôme Bel auftreten müssen,
aber auch schnell wieder verschwinden. Es werden Fragen gestellt wie „Its
okay, is it really okay, or just okay, okay? Okay is okay or just okay,
okay, but if its okay, not really okay, is it okay?“ oder so ähnlich. Das
dann mit minimalistischen Bewegung verknüpft führt zu noch mehr Verwirrung
und lässt das Publikum weder mit Utopievorstellungen noch mit neuen
Erkenntnissen zurück.
Umso besser schaffen es Elsa Artmann/SANFTE ARBEIT, Text mit Tanz bzw. mit
Berührung zu verbinden. „Langes Wochenende“ ist eins der Highlights der
diesjährigen Tanzplattform und beschäftigt sich mit der Verschmelzung von
persönlichen Beziehungen mit denen der Arbeit, wie Arbeitsbeziehungen
romantisch aufgeladen werden und persönliche Arbeitslogiken verfallen
können.
Mit ganz viel Sensibilität und Zärtlichkeit wird das Publikum eingebunden,
immer angeleitet und nach Consent gefragt. Auch miteinander gehen die
Performer*innen unglaublich sanft um, wenn sie sich heben, tragen oder
aneinander lehnen. Selbstironisch erzählen sie von ihren Erfahrungen im
Probenprozess miteinander, was oft lustig, manchmal irgendwie melancholisch
ist und immer wieder von einer Gesangseinlage eines kitschig-romantischen
Songs abgelöst wird. Sie schaffen so einen sehr intimen und gleichzeitig
sicheren Raum für sich und auch für die Zuschauenden. So darf es gerne
häufiger gemacht werden im Theater.
16 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tanzplattform2026.de/
(DIR) [2] /Tanzplattform-Deutschland/!5667057
(DIR) [3] /Tonwechsel-zu-John-Cages-Geburtstag/!5708151
## AUTOREN
(DIR) Greta Haberer
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