# taz.de -- Tschechow am Staatstheater Darmstadt: Gefangen in Lethargie und Einsamkeit
> Im Staatstheater Darmstadt widmet sich Regisseur Philipp Preuss
> Tschechows „Kirschgarten“. Erst im zweiten Teil nimmt seine Inszenierung
> Fahrt auf.
(IMG) Bild: Diva ohne Reich: Karin Klein als Gutsbesitzerin Ranjewskaja. Im Hintergrund: Sebastian Schulze und Stefan Schuster
In seinem theatertreffengeadelten [1][„Hamlet“ verstörte Regisseur Philipp
Preuss] das Publikum, indem er einen immerwährenden Loop ans Ende setzte.
Diesmal ist es der alte Diener Firs, der in Gestalt von Jörg Zirnstein in
der Bühnenmitte stehen bleibt; auch während des Beifalls bewegt er sich
nicht vom Fleck und auch nicht, als wir den Saal verlassen. Schon bei
Tschechow vergessen ihn die Herrschaften einfach, lassen ihn zurück und
machen sich davon.
„Der Kirschgarten“ ist nicht nur das bekannteste [2][Tschechow-Stück],
sondern auch sein letztes. Es ist ein Abgesang auf eine Zeit, die niemand
herrlicher verkörpert als die überspannte Gutsbesitzerin Ranjewskaja. In
Darmstadt flattert sie aus Paris herein und macht von Anfang an einen
zerrupften Eindruck.
Karin Klein spielt sie wie einen angenagten Hollywoodstar (Kostüme: Eva
Karobath), mit zum Himmel aufragenden Händen steht sie vornehmlich an der
Rampe (Mitte!) und wendet sich schnappatmend ans Publikum. Eine Diva ohne
Reich, ihr Kirschgarten steht vor dem Verkauf und ausgerechnet Bauernsohn
und Bürschchen Lopachin wird ihn kaufen. Sebastian Schulze gibt ihn als
kühlen Rechner und Rächer, der am Ende wie ein von der Leine gelassener
junger Hund zur großen Form aufläuft.
Zu Anfang gehört er gemeinsam mit dem umwerfend präsenten Dienstmädchen von
Emily Klinge, die später auch als Gouvernante in Erscheinung tritt, sowie
dem Musiker Kornelius Heidebrecht zum unterspannten Spaßmacher-Trio. Die
drei bereiten den anreisenden Herrschaften ein Willkommen, rosa Luftballons
platzen wie die Illusionen der herrschenden Klasse, verursachen hübsche
Quietschgeräusche und aus einem fröhlichen Hallo wird unversehens die
Hölle.
## Ein Pool ersetzt den See
An der hinteren Brandmauer reiht sich eine Parade Korbstühle auf, die
wirken, als seien sie von alten Tschechow-Inszenierungen übriggeblieben.
Die restlichen Spieler:innen nehmen dort Platz. Ein Kasten aus
Leuchtröhren, mehr Gerüst als Haus, ist das zentrale Element auf der Bühne
von Sara Aubrecht. Am Grund des Kastens ein abgedeckter Pool, der hier den
See ersetzt, in dem der Sohn der Ranjewskaja ertrank.
Über dem Pool zelebriert die Inszenierung später ihren optischen Höhepunkt
als großes Fest im dritten Akt. Die Feierwütigen begeben sich auf eine
weiße Fläche, die zur Leinwand ihrer Dekadenz mutiert. Außer der Mutter
sind auch ihre Töchter Anja (Aleksandra Kienitz) und Warja (Samia
Dauenhauer) sowie der ewige Student Trofimow (Niklas Herzberg) zugegen.
Freudig manschen sie das Weiß mit rotem Zeug voll, das aussieht wie
eingelegte Kirschen. Sie übergießen sich damit und wälzen sich orgiastisch
auf dem Boden, kriechen wie Raubtiere übereinander her, schwimmen im
eigenen Saft und wirken dabei sehr abgehoben und irr. Eine Kamera nimmt sie
aus der Vogelperspektive auf, sodass man dem Treiben wie einer Zirkusnummer
beiwohnt.
Die blutige Aktion nimmt nicht nur das Kirschrot des Gartens auf, sondern
kündet von künftigen Revolutionen und Kriegen. Ein stärkeres Bild hält der
Abend nicht bereit, wie er überhaupt in zwei Teile fällt. Vor der Pause
gelingt es Preuss nämlich nicht, durchgehend Interesse für sein Personal zu
wecken, allein die schöne Supertramp-Dreamer-Verhunzung weckt einen auf.
## Leute von heute, gestern und morgen
Den zweiten Akt leitet er mit dem Hinweis „123 Jahre später“ ein. Kein
Wunder also, dass der Diener die Herrschaften mit weißen Tüchern abdeckt
wie zu schonende Möbelstücke vor einer langen Reise. Sie sehen dann aus wie
Gespenster, gefangen in Lethargie und Einsamkeit. Der Bühnenraum wird so
zum Totenreich und die Menschen darin zu bloßen Träumern. Dabei wirken sie
in Darmstadt wie Leute von heute, gestern und morgen, staunen darüber, wie
alt andere geworden sind, wollen nicht raus aus dem gewohnten Paradies und
zappeln wie Zombies in den Widersprüchen der Spaß- und
Müdigkeitsgesellschaft.
Hier ändert sich nichts, bis das Geld die Machtverhältnisse verschiebt.
Utopien tauchen keine mehr auf, und der neue Kirschgartenbesitzer klaut
seine Visionen bei anderen (Lage, Lage, Lage). Spätestens jetzt haben alle
begriffen, dass dieses Stück auch uns betrifft.
[3][Philipp Preuss] inszeniert seine Kirschgarten-Version ohne Kitsch und
Lieblichkeit. Manch Kameraeinsatz wirkt sehr überflüssig, andere Bilder
zeugen von Vergänglichkeit und Nostalgie. Vom einstigen prächtigen
Kirschgarten ist am Ende nur ein kläglicher Rest in Form einzelner
Baumscheiben übrig. Und natürlich der zittrig graue Diener Firs, der
womöglich noch immer auf der Bühne steht und darauf wartet, dass etwas
geschieht.
9 Feb 2026
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(DIR) Shirin Sojitrawalla
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