# taz.de -- Schostakowitsch an der Komischen Oper: Für Stalin zu unanständig
       
       > Sex und Gewalt an der Komischen Oper: Barrie Kosky inszeniert in Berlin
       > Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“.
       
 (IMG) Bild: Amber Braid in Barry Koskys „Lady Macbeth von Mzensk“
       
       Manchmal reicht die menschliche Stimme nicht aus. Wenn die betrogene
       Katerina Ismailowna ihren finalen Mord begangen hat – nicht am treulosen
       Liebhaber, sondern an der Rivalin –, öffnet sich der Mund der Sopranistin
       Ambur Braid zu einem trostlosen, langanhaltenden Schrei, der aber nicht aus
       ihr selbst kommt, sondern dessen ultimative Verzweiflung sich mit der
       geballten Klangmacht des Orchesters Bahn bricht.
       
       Es ist ein irrsinnig starker Bühnenmoment – ein prägnanter Ausdruck des
       Irrsinns, in den die Titelheldin geraten ist, und zugleich ein Bild des
       dieser Oper zugrundeliegenden Verhältnisses von Orchester und SängerInnen,
       bei dem Letztere nicht vom Instrumentalklangkörper unterstützt oder
       begleitet, sondern im Gegenteil meist von diesem getrieben werden. In „Lady
       Macbeth von Mzensk“ hat [1][Schostakowitsch] das Triebhafte der
       menschlichen Natur in Musik gegossen.
       
       Das wurde ihm einst zum Verhängnis, denn die satirische Absicht des
       Komponisten war Stalin offenbar entgangen, als er 1936 – zwei Jahre nach
       der umjubelten Uraufführung – eine Vorstellung besuchte, um danach die
       Musik als „Chaos“ und den Inhalt als unanständig zu deklarieren. Die
       Erfolgsoper verschwand auf Jahrzehnte in der Versenkung. Nach Stalins
       Ableben fertigte Schostakowitsch eine (unter anderem um eine entscheidende
       Sexszene) entschärfte Version an, aber erst nach seinem eigenen Tod wurde
       die Originalpartitur ab Ende der siebziger Jahre wieder aufgeführt – im
       westlichen Ausland.
       
       In [2][Barrie Koskys] Inszenierung liegt die Bühne bar allen augenwärmenden
       Dekors da. Nackte graue Wände korrespondieren mit der trostlosen Kälte der
       dargestellten menschlichen Beziehungen. Die Titelheldin, verheiratet mit
       einem impotenten Langweiler, leidet unter der Lieblosigkeit ihres Daseins
       und den Nachstellungen ihres um so virileren, diktatorischen
       Schwiegervaters. Hungrig nach sinnlichen Erfahrungen, verfällt sie dem
       Knecht Sergei – der in dieser Bühnenversion mehr ist als nur ein
       Schürzenjäger, sondern ein Vergewaltiger.
       
       ## Komik der Übertreibung
       
       Die allesamt schrecklichen Männerfiguren, ohnehin satirisch angelegt, dreht
       Kosky noch eine Umdrehung weiter ins Unerträgliche. Im Übertriebenen steckt
       aber immer auch komisches Potenzial. Zwischen Schrecken und Satire ist die
       Sexszene zwischen Sergei und Katerina inszeniert – als halbe
       Vergewaltigung, gruselig zunächst, aber dann doch eine Lachnummer, weil der
       eigentliche Akt unter dem Bett stattfindet, dessen Matratze dabei lustig
       auf und ab hüpft. Gäbe es nicht immer wieder diese Momente erlösender
       Komik, wäre die dargestellte menschliche Rohheit schwer auszuhalten.
       
       Herrlich drastisch auch die Szene, in der Katerinas Schwiegervater stirbt,
       vergiftet durch ein Pilzgericht, das sie ihm serviert hat. Dmitry Ulyanov
       leistet dabei ganzen Körpereinsatz, verliert auch beim Sterben rein gar
       nichts von seiner imposanten Bühnenpräsenz, fällt sogar vom Tisch, auf den
       er sich danach wieder wirft, um seinen letzten Atemzug zu tun. Und während,
       ganz im Bann dieses dramatischen Vorgangs, im Zuschauerraum noch
       gemeinschaftlich der Atem angehalten wird, kommt ein betrunkener Pope
       (Dimitry Ivashchenko) auf die Bühne und dreht das Geschehen radikal um ins
       Lächerliche.
       
       Solche Kippmomente zwischen Entsetzen und Satire ziehen sich konsequent
       durch den Abend. Diese charakteristische Ambivalenz ist in Partitur und
       Libretto angelegt; weder Regisseur noch Dirigent müssen das Rad neu
       erfinden, es gilt aber, die Vorlage mit ihren ständig wechselnden
       Stimmungen ernst zu nehmen. James Gaffigan und das Orchester der
       [3][Komischen Oper] peitschen die Menschen auf der Bühne mit zirkushaften
       Gewaltorgien vor sich her, dass es nur so eine Art hat; aber wenn ein
       vertonter Koitus an sein entspanntes Ende kommt, gelten die Publikumslacher
       auch mal der Musik.
       
       Die großartigen SängerInnen füllen die fast immer fast leere Bühne allein
       mit Gesang und beeindruckender Darstellungskunst; das gilt auch für den
       Chor der Komischen Oper, der Kollektivzustände zwischen gewalttätig, elend
       und lächerlich fulminant vorführt. Allein die überragende Hauptdarstellerin
       Ambur Braid, deren Stimme in sämtlichen Lagen mit dramatischer
       Ausdruckstiefe ausgestattet ist, darf nie komisch sein. Zu tragisch ist das
       Schicksal der Mehrfachmörderin Katerina Ismailowna.
       
       2 Feb 2026
       
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