# taz.de -- Lars Eidinger an der Schaubühne: Ein Ekel sondergleichen
       
       > Über zehn Jahre nach „Richard III“ inszeniert Thomas Ostermeier ein neues
       > Stück mit Lars Eidinger in der Hauptrolle: Molières „Der Geizige“.
       
 (IMG) Bild: Lars Eidinger als Harpagon in „Der Geizige“ an der Schaubühne Berlin. Im Hintergrund Cathlen Gawlich als Frosine
       
       Solche Autohäuser – gibt es die eigentlich noch? Die so aussehen, als
       befinde man sich irgendwo in der Provinz im Jahr 2003 oder sogar 1997? Wo
       abgestandener Kaffee aus beigefarbenen Pumpkannen serviert wird, wo ein
       paar Luftballons und Wimpelketten das triste Ambiente aufwerten sollen und
       wo schmierige Sprücheklopfer einem irgendwas aufschwatzen wollen?
       
       Ein solches Autohaus – in Berlin-Reinickendorf soll es liegen – ist das
       Setting, in das die Schaubühnen-Bühnenbildnerin Magda Willi die Handlung
       des „Geizigen“ nach Molière unter der Regie von [1][Thomas Ostermeier]
       versetzt hat. Es ist das Reich des Familienunternehmers Heiko Harpagon. Ein
       Ekel sondergleichen, gespielt von einem, der solche mit Vorliebe
       verkörpert: [2][Lars Eidinger.]
       
       Verkleidet ist er wie jener, der dort eben hinpasst (Kostüm: Vanessa
       Sampaio Borgmann): Mit wuchtigem Schnauzer ähnelt er Horst Schlämmer, nur
       mit Gummiglatze statt des Vokuhilas und ohne falsches Gebiss. Über
       schwammiger Plautze spannt ein rosa Hemd, dazu eine labbrige Krawatte, eine
       ausgeblichene Cap. Die schlecht sitzende Hose immer wieder onkelig nach
       oben ziehend.
       
       Man hat viel Zeit, ihn anzuschauen. Zu Beginn befindet er sich in einer der
       trostlosen Büroboxen und singt [3][Daniel Johnstons] „Desperate Man Blues“.
       Ausgerechnet. Kommt dann die Treppe runter wie ein abgehalfterter
       Showmaster aus den 1960er Jahren, setzt sich und futtert ein Happy Meal,
       ziemlich traurige Pommes und einen Burger so klein, dass er ganz in den
       Mund passen würde.
       
       ## Einsamkeit und kalte Gier
       
       Soll man Mitleid haben mit dem einsamen alten Mann? Dass das nicht
       geschieht, dafür sorgt er schon selbst. Von kalter Gier zerfressen ist
       Harpagon. Wie bei Molière eben. Sein Geld, eine Million in
       200-Euro-Scheinen, vergräbt er im Garten, um ja nichts davon abgeben zu
       müssen, erst recht nicht seinen beiden erwachsenen Kindern Elise und
       Cléante. Die wiederum will er per Heirat verschachern und selbst die junge
       Marianne zur Frau nehmen, in die aber auch Cléante verliebt ist.
       
       So weit zur Handlung, die Ostermeier und Dramaturgin Maja Zade von Molières
       Text weitgehend lösen und auch sprachlich im Hier und Jetzt verorten.
       Gewildert wird da im Jargon der Gen Z bis zum „6-7“-Brainrot und in Volten
       vieles angetippt von dem, was gerade so schiefläuft, all die Höllen, die
       sich zwischen Menschen auftun und oft mit Geld zu tun haben oder mit
       Abstiegsängsten, der Rechtsdrall der Mittelschicht, toxische Männlichkeit
       in all ihren Schattierungen.
       
       Beim Hinschauen gilt es auf die Details zu achten, fast jede Geste verweist
       auf etwas. Auf den Anschlag auf Trump etwa. Eidinger imitiert Trump, wie er
       sich ans Ohr fasst. Scharf beobachtet wirkt auch anderes, wie Cléante an
       seiner Kapuze herumnestelt, oben auf der Lehne der Bank herumlungernd, wie
       er sich bewegt, als sei er ein Gangsta-Rapper und keine arme Wurst, die es
       nicht schafft, sich vom Vater zu emanzipieren.
       
       Nebenher entzündet sich ein Gag-Feuerwerk. Nur eine Szene stimmt leisere
       Töne an: Vater und Sohn nebeneinander im Auto und der Vater erzählt von
       Kindheitstraumata, vom Rücksitz im Familienauto auf dem Weg in den Urlaub.
       Von seiner Kotzschüssel. Weich erscheint der Kotzbrocken da, aber am Ende
       nur sich selbst gegenüber. Der Sohn bleibt Zaungast. Harpagon übergibt sich
       noch einmal in die Schüssel, es ist aber nur Konfetti. Alles nur Show.
       
       ## Ein Stück, das auf Eidinger zugeschnitten ist
       
       Viel will Ostermeier, will auch Eidinger. Das Stück ist auf ihn
       zugeschnitten, auf die Rampensau Eidinger. Seine Fans werden es lieben.
       Allen die es nicht sind, sei versichert, dass es keine One-Man-Show
       geworden ist. Stark ist Eidinger zusammen mit Damir Avdić als Sohn Cléante,
       einem gealterten Partyboy mit Glitzer unterm schütteren Haar, mit Falk
       Rockstroh, der als Jacques während der Premiere am Donnerstag einen
       Zwischenapplaus bekommt, mit Cathlen Gawlich als geschäftstüchtige
       Kupplerin.
       
       Die letzte Eidinger-Ostermeier-Produktion an der Schaubühne hatte 2015
       Premiere. [4][„Richard III“] war das, auch der gemeinsame „Hamlet“ ist nach
       wie vor ein Publikumsmagnet. Dass auch das neue Stück ein Erfolg wird – eh
       klar. Alle Termine für April und Mai sind bereits ausverkauft. Am Tag der
       Premiere warteten die ersten bereits um 14 Uhr auf Restkarten.
       
       Kommt so eine Komödie in diesen Tagen und Wochen, wo so viel über Verrohung
       und über Männlichkeit diskutiert wird, genau richtig oder eher zur Unzeit?
       So lustig ist das ja schließlich alles gar nicht. Diese Typenparade. Im
       Hals bleibt einem das Lachen über sie mitunter stecken. Vor allem zum Ende
       hin werden sie etwas viel, die Kalauer, Slapstickeinlagen, die albernen
       Tänzchen.
       
       Und dann? Siegt die Liebe über das Geld? Bei Molière ist das so.
       Ostermeier, immerhin, lässt das Happy End ausfallen.
       
       6 Apr 2026
       
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