# taz.de -- Nurejew im Staatsballett Berlin: Ein Leben aus Tanz
       
       > Jahrhunderttänzer Rudolf Nurejew ist selbst Gegenstand eines Balletts. In
       > Russland darf es nicht mehr gezeigt werden. In Berlin wird es nun
       > gefeiert.
       
 (IMG) Bild: Der Weltstar, den alle wollten: Rudolf Nurejew (David Soares) nach seinem Shooting mit Richard Avedon
       
       Als würden sie an unsichtbaren Fäden gezogen, bewegen sich die Menschen
       fließend durchs Bühnenbild einer Christie’s-Auktion. Geschmeidige
       Gliedmaßen der Bieterinnen schmelzen gelegentlich in den Tanz. Assistenten
       in kalten Kitteln tragen Objekte, die wiederum auf die Wände des
       Bühnenraums projiziert werden, während ein Auktionator (Odin Lund Biron)
       seine pausenlosen Los-Beschreibungen nur durch gelegentliches Hämmern aufs
       Pult unterbricht: Ist es New York oder London?
       
       In jedem Fall ist es 1995. Der Nachlass eines Gottes wird versteigert:
       Rudolf Nurejews, des wohl bedeutendsten Tänzers des 20. Jahrhunderts. Eine
       leichte Anspannung liegt an diesem Samstag, dem Premierenabend, [1][im Saal
       über dem Publikum des Staatsballetts Berlin], das sich versammelt hat, um
       die Wiederaufnahme von „Nurejew“ zu bestaunen.
       
       Uraufgeführt wurde sie von Choreograf Jurij Possochow und Regisseur Kirill
       Serebrennikow 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater. Wie elektrisiert versuchen
       die Zuschauer, alles im Blick zu behalten. Eine Unmöglichkeit auf dieser
       gleitend wimmelnden Bühne der Deutschen Oper, so opulent, dass man bloß
       nichts verpassen will.
       
       Sie steht symbolisch für das spektakuläre Leben Nurejews, das gefüllt
       gewesen sein muss, mit all diesen Objekten. Mit männlichen Akten Alter
       Meister und eleganten Thonet-Stühlen, mit den Sofas Maria Callas’, mit
       golddurchwirkten Bühnenkostümen und einer eigenen italienischen Insel.
       
       ## Der Raum leert sich wie von Geisterhand
       
       Ein kluger Einstieg, ermöglicht er doch, Ton und Kontext zu setzen und
       zugleich durch Monologe des Auktionators, der in den folgenden zweieinhalb
       Stunden immer wieder durch den Abend führen wird, die Geschichte des
       Tänzers zu erzählen.
       
       Wie von Geisterhand leert sich langsam der Raum. Durch eine reich verzierte
       Tür fluten ihn nun Tänzer und Tänzerinnen, die Frauen in weißen Tutus, als
       seien sie geradewegs aus Edgar Degas’ Gemälden gepurzelt. Und da betritt er
       die Bühne: der junge Nurejew, hier noch vorsichtig, tastend verkörpert
       durch David Soares, dem Ersten Tänzer des Berliner Staatsballetts. Das
       Publikum entspannt sich merklich.
       
       Es ist die Waganowa-Ballettakademie in Leningrad, in der Nurejew sich hier
       versucht, er selbst zu werden. Alexander I. Puschkin bildet ihn dort aus.
       So wie Nurejews Leben nimmt der erste Akt nun Fahrt auf. Er zeigt den
       Tänzer im Begriff, den eigenen Ausdruck zu entwickeln, seinen Abschluss zu
       machen, zeigt seine ersten Versuche am Theater und seinen Drang nach
       Freiheit: zu vorgelesenen Geheimdienstakten, in denen der junge Mann als
       widerständig und renitent beschrieben wird, als jemand, der internationale
       Kontakte suche – auch mit anderen homosexuellen Männern.
       
       Doch Nurejew springt sich frei: Nach einem Gastspiel in Frankreich bleibt
       er dort, weigert sich, das Flugzeug zu betreten. Soares stellt diese Flucht
       ergreifend dar, schwerelos und wütend zugleich überspringt er die Gitter,
       lässt Vergangenheit und Schwerkraft gleichsam hinter sich.
       
       Man ist nun in Frankreich, auch Ilya Demutskys Musik schlägt nun um.
       Russische Schwere kratzt an der Leichtigkeit des französischen Chansons,
       während Nurejew seine Flügel in der Freiheit spreizt. Ein wenig hölzern,
       ja, holzschnittartig auch im Klischee folgt eine Szene mit Pariser
       Dragqueens, die das Theatrale, die Eindeutigkeit der Bedeutungsebene der
       Inszenierung unterstreicht.
       
       Es sind diese Eindeutigkeiten, die dazu führten, dass das Stück seit der
       Verschärfung der sogenannten Gesetze zur „Propaganda nicht-traditioneller
       sexueller Beziehungen“ 2023 in Russland nicht mehr gespielt wird. Schon die
       russische Premiere 2017 hatte zu Kontroversen geführt und auch Regisseur
       Serebrennikow hatte ihr nicht beiwohnen können: Er saß in Hausarrest.
       
       Später wurde der Regisseur wegen angeblicher Veruntreuung verurteilt. Über
       komplizierte künstlerische Wege konnte er Russland schließlich verlassen
       und lebt seit einiger Zeit in Berlin.
       
       ## Der Choreograf arbeitet noch in Moskau
       
       Zu Recht und quasi doppelt ist das restlos ausverkaufte Stück in Berlin
       also auch ein Triumph der Kunst, der Liebe und der Freiheit. Gerade deshalb
       bekommt es jedoch einen merkwürdigen Beigeschmack, wenn man feststellt:
       Choreograf Possochow, im ukrainischen Luhansk geboren und mittlerweile im
       Besitz eines US-amerikanischen Passes, geht offenbar noch immer in Russland
       ein und aus. Auch nach dem Überfall auf die Ukraine hat er an mehreren
       Stücken mitgewirkt, die sich im Programm des Bolschoi-Theaters finden.
       
       Possochow selbst möchte sich dazu nicht äußern. Christian Spuck, Intendant
       des Staatsballetts Berlin, betont in einem Statement die kritischen
       inhaltlichen Aspekte des Stückes. Auch die „Arbeit und der Verdienst von
       Jurij Possochow [… ] an der Kreation und Neueinstudierung von ‚Nurejew‘“
       sprächen für sich.
       
       „Du mochtest nicht das System, doch du liebtest dein Russland“, heißt es in
       einem Brief seines Schülers Charles Jude an Nurejew, den Odin Lund Biron
       gegen Ende des ersten Aktes verliest, während Anthony Tette ein sensibel
       melancholisches Solo auf die Bühne bringt. Soll man gehen oder bleiben?
       Auch Nurejew muss diese Frage umgetrieben haben.
       
       ## Ein Witzchen zu viel
       
       Trotz des Pomps, des Glitzers und Glimmers, trotz immer wieder
       überquellender Bilder, Klänge und Zitate aus Nurejews großen Rollen, aus
       „Schwanensee“, „Dornröschen“ und „Don Quijote“, gelingt es dem zweiten Akt
       nicht, an die Intensität des ersten anzuknüpfen. Vielleicht liegt es an der
       theatralen Überzeichnung der Kostüme aus ihren zu schimmernden Materialien,
       die in ihren Details recht konservativ daherkommen, [2][vielleicht liegt es
       an der Ermüdung der großen Erwartung]: Die ist schwer zu erfüllen.
       
       Vielleicht wird auch einfach nur ein „Fuck“ oder ein Dick-Witz zu viel dem
       großen Richard Avedon bei seiner ikonischen Aktfotografiesession mit dem
       Weltklassetänzer in den Mund gelegt, die das Stück den letzten Millimeter
       zeitlose Weltklasse nicht erreichen lassen – trotz Soares’ ohne Frage
       tänzerisch umwerfenden Nacktauftritts.
       
       Obwohl immer wieder durchzogen von beeindruckenden Solomomenten wie Polina
       Semionowas „Diva“ sind es die großen Bilder, die das Ensemble zusammen
       aufbaut, die tief ins Herz treffen. Das Ende des Lebens ist das Ende des
       Stückes und so rinnt doch die ein oder andere Träne im Saal, als die
       legendären Schatten aus „La Bayadere“, Nurejews letzter Produktion, seinen
       Tod ankündigen.
       
       Im weißen Turban dirigiert Nurejew die letzten Töne seines Lebens selbst,
       bis das Licht erlischt. Rudolf Nurejew wurde 1938 als Kind baschkirischer
       Tataren während einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn entlang des
       Baikalsees geboren. Er starb 1993 an den Folgen seiner Aidserkrankung in
       Paris.
       
       23 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.staatsballett-berlin.de/spielplan/stueck-detail/stid/nurejew/301.html#a_569
 (DIR) [2] /Tanzplattform-Deutschland-2026/!6162750
       
       ## AUTOREN
       
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