# taz.de -- Maggie Nelson an der Berliner Schaubühne: Mittelmäßige Depression
       
       > Die Schaubühne eröffnet das FIND-Festival mit Katie Mitchells
       > Inszenierung von Maggie Nelsons „Bluets“ und enttäuscht mit viel Technik
       > und wenig Körper.
       
 (IMG) Bild: Mecklenburg ist eben nicht Upstate New York: Alina Vimbai Strähler in „Bluets“
       
       Es gibt Texte, die einem die Welt öffnen können. Bluets, Maggie Nelsons
       2009 erschienenes schmales Bändchen war für die Autorin dieser Zeilen so
       ein Text. Einer, der veränderte, wie man in sich selbst hineinsah. Und
       wieder heraus. Der einem beibrachte durch Beschreibung Gefühle anders zu
       denken. Der es ermöglichte, die Gedanken fremder und eigener Hirne
       schlussendlich als körperliche Produkte zu betrachten, sodass sich so auch
       im ganz eigenen Leben plötzlich ein kleines bisschen mehr die Lücke
       verengte, die zwischen Leiblichkeit und Geist oft so nervenaufreibend
       klafft.
       
       In ihren fragmentarischen, nummerierten Kurzessays schreibt [1][die
       US-amerikanische Ikone der Autotheorie] in enger Selbstbeobachtung über
       Schmerz und Verlust, über Begehren, Krankheit und Depression. Oberflächlich
       zusammengehalten werden die Exkurse in Theorie und Wissenschaft sowie der
       Selbstgebrauch der eigenen Abgründe durch ihre Liebe zur Farbe Blau:
       „Angenommen, ich beginne so: Ich habe mich verliebt, in eine Farbe.“
       
       Auch Margaret Perrys Theateradaption, übersetzt von Jan Wilm und Gerhild
       Steinbuch beginnt mit diesen Worten. Inszeniert hat sie Katie Mitchell an
       der Berliner Schaubühne, wo die Berliner Premiere von Bluets am Mittwoch
       das „Festival Internationale Neue Dramatik“ (FIND) eröffnete.
       
       Die britische Regisseurin verbinden jahrzehntelange Arbeitsbeziehungen zu
       Bühnen in ganz Deutschland, viermal war sie mit ihren Stücken zum
       Theatertreffen eingeladen. 2010 arbeitete sie erstmalig an der Schaubühne,
       es folgten diverse Inszenierungen am Haus, [2][„Orlando“ von 2019 läuft bis
       heute].
       
       Umso überraschender ist es, dass Mitchell, die im Künstlergespräch mit
       Offenheit und Humor über ihren anstehenden Ruhestand spricht, im Fokus der
       diesjährigen Festivalausgabe steht. Neben Bluets und Orlando steht auch
       ihre neuste Inszenierung, „Cow/Deer“, die ohne gesprochene Wörter auskommen
       soll, auf dem FIND-Spielplan. Ebenfalls überraschend für die Wahl des
       Festivaleröffnungsstückes ist es, dass Bluets schon 2019 am Deutschen
       Schauspielhaus Hamburg lief, eine Art Vorstudie, wie Mitchell betont.
       
       ## Live-Kamera-Aufnahmen dominieren
       
       Was jedoch an diesem Mittwochabend auf der Bühne entsteht, hätte ruhig noch
       weitere Vorstudien vertragen können. Wie häufig bei Mitchells Stücken
       dominieren Live-Kamera-Aufnahmen, deren Entstehung durch Arbeit der
       gesamten Bühne (Alex Eales) offengelegt wird. Die Schauspieler:innen Eva
       Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler verschwinden hinter den
       schwarzen Schemen des Technikgerümpels, das für die zweifellos kompliziert
       produzierten Bilder verantwortlich ist.
       
       Was bleibt, ist eine riesige Projektion, in der die drei abwechselnd die
       Protagonistin Maggie mimen, während sie deren Monolog ebenfalls abwechselnd
       aus dem Off in Mikrofone sprechen. Hinter ihnen erscheinen währenddessen
       Straßenaufnahmen Berlins und Interieurs aus Wohnungen, Büros, öffentlichen
       Verkehrsmitteln, Krankenhäusern, Küche und Bar, so trist, dass man sie sich
       kaum hätte vorstellen können. Sollte es das Ziel gewesen sein, die Qual der
       menschlichen Existenz durch die belanglose Mittelmäßigkeit des schlechten
       Geschmacks auf der Leinwand zu vermitteln, gelingt dies mit vollem Erfolg.
       
       Immer wieder beschwört Nelson die Ästhetik, ruft im Original durch
       listenhafte Ausführungen und dichte Querverweise unerwartete Bilder voll
       Schönheit im Kopf hervor. [3][Auf der Berliner Bühne] geschieht das genaue
       Gegenteil.
       
       Während die drei Schauspieler:innen sich ergänzende Satzfragmente mit zwar
       sehr angenehmen, doch fast übermenschlich trainierten Sprecher:innenstimmen
       traurig in die Mikrofone hauchen, illustrieren sie das Gesagte in durch vor
       der Kamera arrangierte Objekte. Da werden Lapislazuli-Ketten und
       Farbtöpfchen, Knoppersbonbons und Spreequellflaschen durchs Bild geschoben.
       Geht’s um Sex, wird ein Dildo im Gleitgel geseift, kommt der Engel, klebt
       sich Schuch schnell assistiert die weißen Flügel an.
       
       ## Absurd hoher Aufwand
       
       Sind es nicht die Objekte, die die Filmübertragung bestimmen, blicken die
       Schauspielenden selbst depressiv unbestimmt in den Saal, meist in Bewegung,
       in Transit, durch die Stadt laufend, Auto fahrend, im Bus sitzend. Der
       Aufwand, der betrieben wird, diese Bilder entstehen zu lassen, inklusive
       zugefächerter Luft für Wind im Haar oder flirrender Lichter an der Ampel,
       ist absurd hoch für die visuelle Wirkung der Bilder, bei der die
       Körperbewegung der auf der Stelle laufenden Schauspieler:innen dann leider
       oft doch nicht so richtig synchron ist, mit den sich hinter ihnen
       bewegenden Filmausschnitten.
       
       Dafür klappt die Mimik. Die vielen Schattierungen von Traurigkeit, Schmerz
       und Lust, die über die Gesichter der drei Darsteller:innen fliegen, ist
       vielschichtig und beeindruckend, es ist schade, dass man sich vor lauter
       Hintergrundgewusel kaum darauf konzentrieren kann, zu oft rutscht der Blick
       in die nicht uninteressante Hintergrundorganisation ab.
       
       Die Nuancierung der Emotionen offenzulegen ist nachvollziehbar in der
       Intention, nur erklärt sich bei einer so leiblichen Textvorlage nicht,
       warum die eigentlichen Körper hinter all dem technischen Zeug verborgen
       werden. Zumal es sich bei der Bühnendirektbildübertragung nicht mal um eine
       neue Innovation handelt, Mitchell selbst arbeitet seit Jahren mit ihr.
       
       Während Nelson stets durch radikale Selbstbespiegelung elegant scharf am
       Kitsch vorbeischreibt, wird hier in weinerlicher Uninspiriertheit die
       holzschnittartige Illustration zum Kerngeschäft des Stücks erklärt. Für die
       Fantasie bleibt bei all dem auf der Bühne schlicht kein Platz, und statt
       dem Sog der stechenden Schönheit versinkt man eher in einer nach
       Weichspüler duftenden Beklommenheit. Wenigstens dies, ein überaus
       körperliches Gefühl.
       
       17 Apr 2026
       
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