# taz.de -- Zweimal „Blind“ von Lot Vekemans: Wegen Familie und so
       
       > Leonie Rebentisch inszeniert „Blind“ von Lot Vekemans in Hannover, Judith
       > Jungk in Osnabrück. Die Ambivalenz des Kammerspiels loten sie
       > unterschiedlich aus.
       
 (IMG) Bild: In Leonie Rebentischs Inszenierung in Hannover werden Vater und Tochter von Max Landgrebe und Johanna Wieking gespielt
       
       Die klassische Familie als Solidargemeinschaft sei kein funktionierendes
       Konzept mehr, davon ist Helen überzeugt. Ihre Mutter ist verstorben und die
       Beziehung zu ihrem Vater Richard ist vor allem durch eine Erfahrung
       geprägt: Er ist zu jedem Thema grundsätzlich anderer Meinung als sie. Als
       einstiger Selfmade-Karrierist hält Richard die Menschen für Egoisten, von
       denen nur die Fittesten ihr Dasein über dem Sozialhilfeniveau gestalten.
       Und das seien vor allem die Nutzer familiärer Strukturen.
       
       Der daraus resultierende Streit mit Helen hat schon rituellen Charakter
       angenommen. Schließlich kämpft sie als Anwältin für die Chancengleichheit
       sozial Benachteiligter und lehnt eine Lebensweise ab, bei der man sich in
       kleinen Wir-Grüppchen abschottet. Helen liebt die große, diverse
       Gemeinschaft – und blendet den Vater aus ihrem Leben am liebsten aus. Aus
       Be- wurde Entfremdung.
       
       Die [1][niederländische Dramatikerin Lot Vekemans] verhandelt in „Blind“
       dieses gesellschaftliche Problem der Ab- und Ausgrenzung von Menschen, die
       anders denken, leben, fühlen oder aussehen. Sie tut dies auf dem privaten
       Feld einer dysfunktionalen Vater-Tochter-Geschichte als
       Generationskonflikt: Zukunft gestalten auf der einen Seite, Vergangenheit
       bewahren auf der anderen. Es gilt zu erkunden, ob die Barrieren der mit
       Selbstgerechtigkeit betonierten Überzeugungen und Ansprüche zu schleifen
       sind.
       
       ## Die Tochter wird zwangsverpflichtet
       
       „Blind“ ist ein perfekt gebauter, arg zugespitzter und erbittert zu
       führender Kammerspieldialog, der in der Reduktion auf eine
       psychologisch-realistische Spielweise am Schauspiel Hannover und am Theater
       Osnabrück herauskam.
       
       Unter der [2][Regie von Leonie Rebentisch] verströmt die Bühne in Hannover
       den weißkalten Charme des Reichtums, während das textile Design Richard
       (Max Landgrebe) als modebewussten Egozentriker auszeichnet. Das passt. Er
       ist ein reicher Pensionär, der aus Angst vor dem Weltgeschehen in eine
       schwer bewachte Gated Community gezogen ist. Dieses luxuriöse Gefängnis
       verkauft Isolation als Sicherheit und ermöglicht den Rückzug in eine
       winzige Wirklichkeitsblase, die wie ein Glaskasten designt ist.
       
       Darin sollte natürlich niemand mit Vorwürfen wie mit Steinen um sich
       schmeißen, ohne vorher darüber reflektiert zu haben, ob er oder sie nicht
       selbst für die anderen vorgehaltenen Fehler oder Schwächen zu kritisieren
       ist. Die milchglasigen Scheiben, durch die nur verschwommene Umrisse
       erkennbar sind, verweisen auf den Tumor im Kopf des Vaters, der ihm das
       Augenlicht nimmt – und bald das Leben.
       
       Passend zu Richards wachsender Blindheit gegenüber der Wirklichkeit vor der
       Haustür und Helens (Johanna Wieking) linkem Idealismus erblindet er also
       auch physisch. Darum will er die Tochter zwangsverpflichten, ihn zu
       pflegen. Wegen Familie und so. Was sie mit Empörung ablehnt. Helen
       übernimmt zwar ökologisch und sozial überall gern Verantwortung, nicht aber
       für ihren Vater.
       
       ## Pingpong gegensätzlicher Einstellungen
       
       [3][In Osnabrück] lebt Richard (Thomas Kienast) an der Grenze zur
       Verwahrlosung in schäbigen Versatzstücken einer Wohnküche. Er knabbert eine
       trostlose Scheibe Brot, kümmert sich um ein paar jämmerliche Pflanzen und
       vertreibt sich die Zeit mit Kreuzworträtseln. Damit illustriert Regisseurin
       Judith Jungk zwar seine Einsamkeit, widerspricht aber dem Realismus der
       Vorlage und der gesamten sozialen Konstruktion.
       
       Das Pingpong gegensätzlicher Einstellungen explodiert an beiden Spielorten
       beim Thema Ehe. In Hannover ist Helen mit einem Schwarzen Schriftsteller
       verheiratet. Richard kann mit seiner klaren Ablehnung kaum an sich halten.
       
       Ihre Kollegin in Osnabrück hat eine Schriftstellerin geheiratet. Die
       Ablehnung der lesbischen Beziehung ist ebenso deutlich, weswegen die
       Tochter ihren Vater zu Recht als „rassistisches, homophobes,
       selbstgefälliges Arschloch“ bezeichnet. Sie selbst aber weist auch jede
       Äußerung zurück, die nicht ihrer Wokeness entspricht.
       
       ## Ausweichen unmöglich
       
       Gibt es trotzdem ein Interesse daran, sich gegenseitig wahrzunehmen,
       einander zuzuhören, Gegensätze gelten zu lassen und sich anzunähern?
       Vekemans lässt dazu die Rollläden von Papas Wohnung auf unbestimmte Zeit
       schließen. Ein Ausweichen ist nicht mehr möglich. Richard schwankt in
       Hannover weiterhin zwischen Miesepetergesicht und Besserwissergrinsen. Nur
       bei Erzählungen von früher huscht ein Strahlen über sein Antlitz.
       
       Er bölkt auch mal: „Krieg ich keinen Kuss?“, bleibt aber vorsichtig in
       seiner Bosheit. Manchmal ist er geradezu unterwürfig und bemüht sich um
       einen Hauch Freundlichkeit, während Helen mit ihrem gehetzt-dauergenervten
       Auftreten die Herrscherin des hitzigen Duells ist. Sie kommentiert mit
       Grimassen, wie befremdlich bis peinlich sie ihren Vater findet.
       
       In Osnabrück ist die Hierarchie eine andere. Richard kommt mit
       sonor-kraftstrotzender Stimme, den stolzen Posen und der herrischen
       Souveränität eines Bühnenkönigs daher, während Helen (Lua Mariell Barros
       Heckmanns) zwar feindlich, aber unsicher auftritt und durch die Kränkungen
       ihres Vaters verletzt wirkt. Sie lebt die Wut enttäuschter Hoffnungen und
       wirkt auch von Schuldgefühlen irritiert. Richard spricht unbeirrt von oben
       herab zu ihr, hat jede Situation im Griff – nur nicht das Finale des
       Machtspiels.
       
       Die Jalousien öffnen sich wieder und Hoffnungslicht strömt herein. Was es
       bedeute, dass sie seine Tochter sei, fragt Richard. „Dass es mich ohne dich
       nicht gegeben hätte“, lautet die für ihn enttäuschende Antwort. „Der Rest
       ist das, was wir daraus machen“, sagt Helen.
       
       In Hannover duldet sie keinen Widerspruch, lächelt und steckt Richard mit
       ihrem plötzlich erwachten Optimismus an. Sie ist überzeugt, dass da noch
       was gehen kann mit ihnen beiden zusammen.
       
       In Osnabrück wird mit demselben Dialog lediglich die Unmöglichkeit
       formuliert, noch einmal ganz neu miteinander anzufangen. Es spricht für die
       Vorlage, dass sie beide Möglichkeiten hergibt. Und es spricht für die
       Theater, dass sie die Ambivalenzen unterschiedlich ausgelotet haben. Gerade
       der Vergleich weckt Neugier auf Perspektivwechsel – nicht nur im Theater.
       
       10 Feb 2026
       
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