# taz.de -- Uraufführung in der Volksbühne Berlin: Irgendwas fehlt
> Sein neues Solo hat Fabian Hinrichs mit seiner Frau Anne Hinrichs
> konzipiert. Es ist eine direkte Kritik an der Wohlstandsgesellschaft.
(IMG) Bild: Es läuft nicht mehr zwischen Paul und Claudia. Fabian Hinrichs spielt sie beide
Einmal spricht Fabian Hinrichs ihn direkt an. Von Relativitätstheorie war
in seinem atemlosen Vortrag da gerade die Rede. Ganz egal, was Einstein
gesagt habe, konstatiert Hinrichs, er werde nicht wiederkommen. Wer mit
diesem Er gemeint ist, ist auf einem der Plakate zu sehen, mit denen eine
Häuserwand des Bühnenbilds tapeziert ist: der Regisseur René Pollesch. Er
ist stummer Zeuge dessen, was auf der Bühne vor sich geht. Und irgendwie
verweist auch alles dort auf ihn.
Der Schauspieler Fabian Hinrichs sagt seinen Satz in der Rolle des „Paul“
in dem Stück „Irgendetwas ist passiert“, mehr noch aber als er selbst.
Keine zwei Jahre ist es her, am 11. Februar 2024 feierte Hinrichs am selben
Ort, auf der Großen Bühne der Berliner Volksbühne, mit Pollesch zusammen
Premiere. „Ja nichts ist ok“ sollte die letzte einer ganzen Reihe furios
gefeierter Pollesch-Hinrichs-Produktionen werden. Zwei Wochen später
[1][starb der Berliner Regisseur, Dramatiker, Intendant unerwartet].
Jetzt steht Hinrichs da wieder, allein vor dem Publikum, muss es nun ohne
Pollesch hinkriegen. Andere Unterstützung hat er sich geholt, wieder eine
Person, die ihm auch persönlich nahesteht. Geschrieben, konzipiert und
inszeniert hat er sein neues Solo zusammen mit seiner Frau, der
Psychotherapeutin Anne Hinrichs.
Auf den ersten Blick könnte man „Irgendetwas ist passiert“ dennoch für
einen Pollesch-Abend halten. Ein Titel wie ausgeborgt aus dem Gefasel, das
man so von sich gibt. Ein neurotischer Großstädter in der Hauptrolle, der
mit sich selbst, seinem Umfeld und seinen Ansprüchen hadert und all das in
Worte packt, in denen man sich finden kann, die das ganze Drama des
modernen Menschen, wie er so vor sich hin vegetiert, konsumiert, sein
Weltbild konstruiert und seine Scheuklappen vor all dem ausklappt, was ihm
sein schönes Leben verleiden könnte, aber immer auf die Spitze treiben. Vor
allem der unnachahmliche Fabian-Hinrichs-Sound bewirkt, dass man gar nicht
anders kann, als an die Vorgängerstücke zu denken, an „Kill your darlings“
etwa, an [2][„Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“]
im Friedrichstadtpalast, an [3][„Geht es dir gut?“] oder alle anderen.
## Alles erinnert an ihn
Sogar das grandiose Bühnenbild von Nina von Mechow scheint an Pollesch
anzuschließen. Bei „Ja nichts ist okay“ stand noch ein Bungalow auf der
Drehbühne, Nina von Mechow hat für das neue Stück ein schlichtes Giebelhaus
mit Garage darauf gestellt, das man bei Bedarf aus den Angeln heben kann.
„Irgendetwas ist passiert“ erzählt die Geschichte von „Paul“ und „Claudia“.
Hinrichs spielt beide Parts, springt hin und her, lässt seinen Paul
o-beinig herumstaksen, seine Claudia gestenreich diskutieren. Er meistert
das mit Bravour, wie immer, beim Schlussapplaus bekommt er Standing
Ovations.
Paul und Claudia haben sich am 28. März 2011 kennengelernt, so erfährt man
es im Laufe des Stücks, in einer Hinterhauswohnung in Berlin-Wedding, wo
sie sich, Rücken an Rücken sitzend, zufällig berührten und wie vom Blitz
getroffen fühlten. So blau wie das Meer bei Cuxhaven kamen Paul damals
Claudias Augen vor.
Graue Beziehungsvorzeit, rosarote Anfangsphase. In der Zwischenzeit sind
sie zusammengezogen. Sie kochen gemeinsam oder schmieren sich Käsebrote,
gehen joggen, massieren sich vorm Fernseher. An guten Tagen zumindest, aber
die sind rar geworden. Es läuft nicht mehr.
## Die Welt ringt mit ihnen
Die Grundstimmung ist aggressiv, die beiden giften sich an, Claudia
verlangt ein eigenes Zimmer, Paul droht mit Suizid. Sie kriegen sich wegen
Banalitäten in die Haare, streiten über Hausschlüssel, Küchenmöbel,
Salatzutaten, ringen miteinander, aber auch mit der Welt. Oder die Welt mit
ihnen?
Denn diese Welt mit ihren Schreckensmeldungen platzt von Anfang an in die
Idylle. Als sie sich kennenlernten, ereigneten sich gerade die Störfälle
von Fukushima. Die aufregenden Länder, in denen sie einmal Urlaub machten,
sind mittlerweile Krisenherde.
Pollesch war ein Meister darin, die Abgründe unseres Daseins in
hintersinnige Pointen zu verpacken. Bei „Irgendetwas ist passiert“ kommt
die Kritik an der Wohlstandsgesellschaft nicht durch die Hintertür, sie ist
direkt vor dem Haus platziert, in Form eines Werbedisplays, auf dem Clips
von Luxusmarken laufen: Make-up, T-Shirts, Sonnenbrillen, Uhren,
Turnschuhe.
Und die Moralkeule schwingt unerbittlich. Kurz nachdem Paul und Claudia
darüber zanken, wer wie viel Burrata haben soll, hört man
Maschinengewehrsalven aus dem Off. Später werden Bilder der Zerstörung von
internationalen Kriegsschauplätzen über die Szenerie projiziert. Sie
überschatten alles, bis Claudia fragend unterbricht: „Haben wir noch
Paprika, Paul?“
Nicht nur irgendetwas, sondern ziemlich viel ist passiert. Irgendetwas
fehlt dabei aber, ein bisschen Leichtfüßigkeit in der Art und Weise, wie
der Spiegel vorgehalten wird. Jemand fehlt. Nicht irgendwer.
2 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
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