# taz.de -- Debatte über den Sozialstaat: Das bedingte Grundeinkommen
> Nicht nur Merz will den Sozialstaat reformieren, auch Expert:innen
> diskutieren Vorschläge. Könnten Leistungen künftig ohne Antrag überwiesen
> werden?
(IMG) Bild: Durchblick: Nicht nur dieser Fensterputzer, sondern alle Menschen könnten künfitig Sozialleistungen automatisch überwiesen bekommen
Im September 2025 hat eine von Union und SPD eingesetzte
Sozialstaatskommission ihre Arbeit aufgenommen. In den nächsten Wochen
werden deren Reformvorschläge erwartet. Vertreter:innen von Bund,
Länder, Kommunen und Fachleute sollen Ideen präsentieren, „wie sich
Verwaltungsabläufe beschleunigen, welche Leistungen sich unter Umständen
zusammenlegen und wie sich Antragsstellung und Bearbeitung digitalisieren
lassen“, heißt es vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Derweil
hat sich auch die [1][Sozialstaatsdebatte] außerhalb der
Regierungskommission weiterentwickelt.
Vor einigen Jahren sah die Debatte über den Sozialstaat noch anders aus als
heute. Nachdem der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) 2002 die
kärgliche Sozialleistung Hartz IV hatte erfinden lassen, forderten
Prominente das Gegenteil: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Zu den
Unterstützern gehörten der mittlerweile verstorbene Drogerie-Unternehmer
Götz Werner oder Thüringens damaliger CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus.
Der Staat solle allen Bürger:innen das Existenzminimum finanzieren, ohne
dass diese irgendwelche Gegenleistungen zu erbringen hätten.
Viele andere Länder führten ähnliche Debatten. 2017 gab es in Finnland
beispielsweise einen offiziellen Modellversuch mit 2.000 Teilnehmenden.
Hierzulande organisierte unter anderem das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ein [2][wissenschaftliches
Pilotprojekt mit über 100 Leuten], denen drei Jahre eine Basissicherung von
1.200 Euro monatlich bezahlt wurde. Eine tatsächliche Sozialreform folgte
darauf nicht. Das liegt unter anderem an schwer auszuräumenden
Gegenargumenten, etwa den sehr hohen Kosten eines Grundeinkommens für alle.
## Grundsicherung ohne Antrag
Durch die wirtschaftliche Stagnation der vergangenen Jahre hat mittlerweile
die gesellschaftliche Bereitschaft zu Großzügigkeit abgenommen, Forderungen
nach Kürzungen der sozialen Sicherung wurden lauter. Einige Sozialreformer
fordern heute kein bedingungsloses Grundeinkommen mehr, sondern etwas, das
sich zugespitzt als „bedingtes Grundeinkommen“ bezeichnen ließe. DIW-Ökonom
Stefan Bach, Sozialwissenschaftler Michael Opielka und der frühere grüne
Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn veröffentlichten kürzlich
ein Modell, wonach die Finanzämter die Grundsicherung an alle überweisen
sollen, die einen Anspruch darauf haben – automatisch, ohne Antrag.
Die heutige soziale Sicherung verfehle oft ihr Ziel, meinen die Experten,
weil „40 bis 70 Prozent“ der Anspruchsberechtigten gar keine Anträge
stellten. Diese befürchteten Stigmatisierung, und die Regeln seien zu
kompliziert. „Die Leistungen sollen doch aber bei den Leuten ankommen“,
sagt Strengmann-Kuhn, schließlich gehe es um die Reduzierung von Armut.
Außerdem sei das gegenwärtige System mitunter schädlich für die
Arbeitsmotivation. Wer als Arbeitsloser Grundsicherung erhalte und
zusätzlich arbeite, habe oft keinen finanziellen Vorteil, weil die
staatliche Unterstützung größtenteils mit dem Lohn verrechnet werde.
Ein „integriertes Steuer-Transfer-System“ könnte diese und andere Nachteile
beseitigen, meinen die Experten. Weil die Finanzämter dann für die
Auszahlung zuständig wären, ließen sich verschiedene Leistungen an dieser
Stelle bündeln – [3][zum Beispiel die jetzige Grundsicherung, das Wohngeld
und der Kinderzuschlag] – vorausgesetzt, dass die Berechnungen der
Leistungen vereinfacht und aufeinander abgestimmt werden.
## Mehr Anreiz zur Arbeit
Gemäß dem Vorschlag können Geringverdiener damit rechnen, dass sie im
Gegensatz zu heute immer ein Drittel ihres zusätzlich erwirtschafteten
Arbeitseinkommen behalten dürfen. Diese Art der sozialen Sicherung würde
also die Motivation, mehr zu arbeiten, nicht blockieren, argumentieren
Bach, Opielka und Strengmann-Kuhn.
All das läuft auf ein [4][Konzept der negativen Einkommensteuer] hinaus –
ebenfalls ein Argument, die Berechnung bei den Finanzämtern zu
konzentrieren. Die Logik ist diese: Wer nichts oder wenig verdient, erhält
Leistungen, die das Existenzminimum plus pauschalierte Wohnkosten decken.
Kommt mehr Arbeitseinkommen hinzu, sinkt die Sozialleistung. Ab einer
bestimmten Gehaltshöhe zahlt das Finanzamt nicht mehr an die
Arbeitnehmer:innen, sondern diese entrichten Einkommensteuer.
Allerdings lässt sich wie beim bedingungslosen Grundeinkommen auch gegen
dieses Modell mit den möglichen Kosten argumentieren. Wenn viele Leute, die
heute keine Anträge stellen, das Geld automatisch bekämen, liegt die
Vermutung nahe, dass die soziale Sicherung um Milliarden Euro teurer würde,
als sie es gegenwärtig ist. Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt aber
von der konkreten Ausgestaltung des Mechanismus ab.
## Ein realistischer Vorschlag?
Trotzdem erscheint der Vorstoß nicht völlig utopisch. Wesentliche Aspekte
finden die Zustimmung weiterer Fachleute. So analysiert etwa Andreas Peichl
vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München die Vorteile der
Integration von Kinderzuschlag und Wohngeld in die Grundsicherung. Unter
anderem geht es ihm darum, den Arbeitsanreiz zu erhöhen, in dem die
Geringverdiener mehr von ihrem selbst erwirtschafteten Einkommen behalten
dürfen.
In diese Richtung hat sich auch schon der Sachverständigenrat Wirtschaft in
seinem Jahresgutachten 2023 geäußert. Die „Bündelung von Transferleistungen
und eine geringere Transferentzugsrate“ – weniger Verrechnung mit Lohn –
„können Erwerbsanreize stärken und dadurch die Armutsgefährdung reduzieren,
ohne die öffentlichen Haushalte zu belasten“, schrieben die
Wirtschaftsweisen.
Medienberichten zufolge hat die Sozialstaatskommission der Bundesregierung
auch Teile des Konzepts von Bach, Opielka und Strengmann-Kuhn diskutiert
und berechnen lassen. Anscheinend ging es auch um die negative
Einkommensteuer und automatisierte Auszahlungen. Angesichts der
gegenwärtigen politischen Stimmung bleibt jedoch abzuwarten, welche dieser
Ideen tatsächlich Eingang in die abschließenden Vorschläge der Kommission
finden und dann auch umgesetzt werden.
19 Jan 2026
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