# taz.de -- Autorin Teresa Bücker zu Teilzeitstreit: „40 Stunden sind zu viel“
> Das Recht auf Teilzeit abzuschaffen, wäre ein Angriff auf die
> Gleichstellung, sagt die Buchautorin. Sie fordert ein neues Verständnis
> von Vollzeit.
(IMG) Bild: „Die Care-Arbeit muss mitgedacht werden“, sagt Teresa Bücker
taz: Frau Bücker, arbeiten Sie Teilzeit?
Teresa Bücker: Ich arbeite selbstständig, deshalb kann ich das gar nicht so
genau sagen. Ich habe auch zwei Kinder, um die ich mich weitgehend alleine
kümmere – das ist also im Wochenschnitt mal mehr, mal weniger
Erwerbsarbeit.
taz: Fühlen Sie sich angesprochen von der Forderung der Mittelstandsunion,
doch jetzt bitte ein bisschen mehr ranzuklotzen, zum Wohle aller, damit die
Wirtschaft wieder brummt?
Bücker: Persönlich fühle ich mich nicht angesprochen. Als politischer
Mensch sehr wohl. Mich regt es auf, wie verzerrt in Deutschland dargestellt
wird, wer wie viel arbeitet. Da wird dieses Bild aufgemacht, die Menschen
seien faul. Das ist zum einen empirisch nicht belegt. Davon abgesehen ist
es nicht der richtige Weg, Vertrauen aufzubauen, wenn man Menschen
herabwertet, beschimpft, beleidigt. Eigentlich wäre es an der Zeit, die
Menschen zu loben, wie fleißig sie sind.
taz: Im europäischen Vergleich [1][arbeiten wir wöchentlich etwas weniger
als der Durchschnitt] und auch weniger als vor zehn Jahren. Gleichzeitig
stehen Renten- und Pflegekassen unter Druck, weil immer mehr
Anspruchsberechtigte auf immer weniger Einzahlende treffen. Ist es da nicht
sinnvoll, mehr Menschen in Vollzeit zu bringen?
Bücker: Ich würde sagen: Es ist nicht falsch, sich darüber zu unterhalten,
was Menschen davon abhält, so zu arbeiten, wie sie gerne arbeiten würden.
Tatsache ist: [2][Das Arbeitszeitvolumen in Deutschland ist konstant
gewachsen,] jedes Jahr sind wir fleißiger geworden. Die wöchentliche
Arbeitszeit wirkt nur dadurch gering, weil wir so eine hohe Teilzeit- und
Minijobquote haben.
taz: Anders gesagt: Mehr Menschen arbeiten, aber in Teilzeit. Dann bleibt
doch erst recht Handlungsbedarf?
Bücker: Wir müssen darauf schauen, wie sich diese geleistete Arbeit
verteilt, wer sie macht. Konkret: Frauen arbeiten häufiger Teilzeit, aber
warum ist das so? Vielleicht sollten wir aber zunächst auch mal kritisch
hinterfragen: Sollten 40 Stunden die Norm sein? Ist das vereinbar mit der
Arbeit, die gesellschaftlich außerdem noch geleistet werden muss?
taz: Sie meinen die Anerkennung von [3][Care-Arbeit], über die in den
letzten Jahren viel geredet wurde.
Bücker: Genau. Wir waren in der Debatte schon weiter, als es der Vorstoß
der Union vermuten lässt. Wir erleben gerade einen Angriff auf
Errungenschaften der Gleichstellungspolitik, auf Arbeitnehmerrechte. Was da
aus der Union jetzt kommt, das ist eine autoritäre Geste. Es geht um die
Einschränkung von Freiheiten, um die Rücknahme von erkämpften Rechten. Für
Familien- und Gleichstellungspolitik ist das bisher eine verlorene
Legislatur.
taz: Besonders Frauen mit kleinen Kindern unter drei Jahren arbeiten in
Teilzeit – 73 Prozent. Bei Männern sind es nur 9 Prozent. Weniger als die
Hälfte der jungen Mütter sind überhaupt erwerbstätig. Was müsste sich
ändern?
Bücker: Oft wird der Kita-Ausbau als einzige Lösung genannt, um Frauen aus
der Teilzeitfalle zu holen. Aber das reicht nicht. Die Care-Arbeit in den
Familien, die jenseits von Betreuungszeiten geleistet werden muss, die muss
mitgedacht werden. Wir bräuchten ein neues Verständnis von Vollzeit. 40
Stunden sind zu viel.
taz: Was wäre für Sie die Obergrenze?
Bücker: Ich würde sagen: 30 Stunden. Das ist auch das, was Eltern in
Umfragen angeben: gemeinsam 60 Wochenstunden für den Job.
taz: Wenn alle weniger arbeiten, aber den gleichen Lohn erhalten, wer soll
das finanzieren?
Bücker: Die Wirtschaft bricht nicht zusammen, wenn wir alle nur noch 30
Stunden arbeiten würden. Wir würden nicht weniger arbeiten, es wäre eine
Neuverteilung. Die Arbeitszeiten sind individuell sehr polarisiert. Viele,
die in Vollzeit arbeiten, haben eine 50-, 60-Stunden-Woche. Gerade für
Frauen wäre es wichtig, dass die, die aufstocken wollen, das auch können.
Dafür müsste in einer Partnerschaft einer reduzieren, mehr Care-Arbeit
übernehmen.
taz: Also mehr Männer in Teilzeit, statt alle mehr Vollzeit?
Bücker: Ja, ein Ziel von Gleichstellungspolitik wäre, die Teilzeitquoten
von Männern zu erhöhen. Die Union greift das diametral an: Selbst Väter,
die zum Beispiel lediglich auf 36 Stunden reduzieren wollen, die sollen
jetzt in Vollzeit gehalten werden. Das ist ein enormer Rückschritt, weil es
auf das traditionelle Familienmodell, auf traditionelle Arbeitsteilung
hinausläuft.
taz: Dann müssten Frauen aber auch genauso viel verdienen wie Männer – der
berühmte Gender Pay Gap –, damit sich die Familie den Alltag weiterhin
leisten kann.
Bücker: Ja. Wir sagen immer, Frauen müssen mehr arbeiten. Aber dann müssen
auch die Löhne in Frauenberufen steigen. Erst das macht es Familien
möglich, dass beide in Teilzeit gehen können. Wir brauchen unterschiedliche
Hebel, die wir ansetzen müssen. Aber die politische Debatte hat sich sehr
versteift auf ein simples „mehr arbeiten“. Letzten Endes führen wir hier
auch eine Demokratiedebatte: Was macht denn ein stabiles Gemeinwesen aus?
Es ist überraschend, dass gerade Parteien nicht erkennen, wie sehr unsere
Demokratie darauf aufbaut, dass Menschen Zeit haben, sich einzubringen: in
der Nachbarschaftshilfe, im Sportverein, in der politischen Arbeit gegen
rechts.
27 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/woechentliche-arbeitszeitl.html
(DIR) [2] https://www.wsi.de/de/blog-17857-arbeitsvolumen-in-deutschland-wieder-mehr-und-laenger-arbeiten-fur-wohlstand-und-wohlfahrt-68128.htm
(DIR) [3] /Care-Arbeit/!t5692935
## AUTOREN
(DIR) Anna Klöpper
## TAGS
(DIR) Arbeitszeit
(DIR) Teilzeitarbeit
(DIR) Interview
(DIR) Care-Arbeit
(DIR) Gender Pay Gap
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Rente
(DIR) Equal Pay
(DIR) CDU/CSU
(DIR) Vollzeit
(DIR) Teilzeitarbeit
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Frauen als Besserverdienerinnen: Hauptsache Lifestyle
Männer sind ein bisschen blöd. Dabei müssten sie sich nur mal locker
machen. So wie unser Autor: Der ist froh, dass seine Frau mehr verdient als
er.
(DIR) Debatte um Recht auf Teilzeit: Kontraproduktiver Steinzeitpolitikstyle
Der Wirtschaftsflügel der Union will das Recht auf Teilzeit massiv
einschränken. Dafür gibt es nicht nur von Gewerkschaften und Opposition
Gegenwind.
(DIR) Die CDU und die Lifestyle-Teilzeit: Vollzeit-Populismus
Der Wirtschaftsflügel der CDU will Teilzeit für viele Menschen abschaffen.
Diese Idee geht an der Realität von arbeitenden Menschen vorbei.
(DIR) FAQ zur Arbeitszeit: Teilzeitquote ist so hoch wie nie zuvor
Mit der Forderung nach weniger Teilzeit entfacht der Wirtschaftsflügel der
Union eine Debatte. Wie ist die Lage wirklich und wo geht die Entwicklung
hin?