# taz.de -- Ex-Wirtschaftsweiser zur Konjunktur: „Die viel kritisierte Bürokratie ist nicht schuld“
> In der klassischen Industrie sind die Unternehmen gut aufgestellt, aber
> den Anschluss an die Zukunftsbranchen haben sie verpasst, sagt Ökonom
> Bofinger.
(IMG) Bild: Zurück in die Vergangenheit: Die Bundesregierung setzt auf die deutsche Autotradition
taz: Herr Bofinger, die Wirtschaft in Deutschland scheint blockiert.
Nachdem sie zwei Jahre in Folge geschrumpft ist, wird sie auch 2025
vermutlich nur um 0,1 oder 0,2 Prozent gewachsen sein. Kommt 2026 der
erhoffte Aufschwung?
Peter Bofinger: Die Wirtschaft wird allein schon wegen der staatlichen
[1][Mehrausgaben für Verteidigung und Infrastruktur] wachsen. Doch ein
wirklicher Aufschwung wird es nicht sein.
taz: Warum?
Bofinger: Deutschland hat sechs Jahre Stagnation durchgemacht. Die
Wirtschaftsleistung befindet sich auf dem Niveau des Jahres 2019. Für einen
richtigen Aufschwung mangelt es an privaten Investitionen. Die sind nicht
nur fürs Wachstum, sondern auch für die Transformation der Wirtschaft
nötig. Da reicht es nicht aus, wenn nur der Staat in die öffentliche
Infrastruktur investiert.
taz: Ihr ehemaliger Kollege bei den [2][Wirtschaftsweisen Lars Feld] warnte
jüngst, dass dem Land 15 Jahre Stagnation drohten. Hat er damit recht?
Bofinger: Diese Einschätzung ist etwas zu pessimistisch. Aber das Problem
ist, dass die deutsche Wirtschaft mit ihrem Geschäftsmodell international
nicht mehr punkten kann. Sie befindet sich in einer sogenannten
Mid-Tech-Falle. Das heißt, dass sie in der klassischen Industrie gut
aufgestellt ist, aber bei Zukunftsmärkten wie Künstliche Intelligenz,
Erneuerbare oder Elektromobilität den Anschluss verpasst hat.
taz: Bundeskanzler Friedrich Merz wollte dies ändern und versprach bei
seinem Amtsantritt die Wirtschaftswende. Was haben er und seine
schwarz-rote Regierung bisher falsch gemacht?
Bofinger: Die Bundesregierung hat keine Strategie, wie die Wirtschaft
transformiert werden soll. Das ist besonders bei
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche deutlich. Statt einen Plan zu
entwickeln, wie Zukunftstechnologien gezielt gefördert werden können, setzt
sie auf eine Renaissance von Ludwig Erhard.
taz: Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard steht wie kein anderer für
das deutsche Wirtschaftswunder. Was ist falsch an einer Wiederbelebung
seiner Ideen?
Bofinger: Erhard hatte mit der Währungsreform und dem Wiederaufbau der
Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg seine Verdienste, doch jetzt geht es
darum, neue Technologien und Geschäftsfelder zu erschließen. Das ist etwas
ganz anderes. Insofern orientiert sich Frau Reiche am falschen Vorbild. Das
sieht man auch daran, dass ihr gar nicht auffällt, dass eine
Gesamtstrategie zur Transformation der Wirtschaft notwendig ist.
taz: War Reiches Vorgänger Robert Habeck der bessere Wirtschaftsminister?
Bofinger: Habeck hat die Notwendigkeit einer gezielten Industriepolitik
erkannt, indem er etwa die grüne Stahlproduktion oder die Chipindustrie
gefördert hat. Insofern ist er die Antithese zur Ludwig-Erhard-Verehrung
[3][seiner Nachfolgerin.]
taz: Lange Zeit galt die Schuldenbremse als Haupthindernis für den
Aufschwung. Immerhin gibt es jetzt das 500 Milliarden Euro schwere
Sondervermögen für Investitionen in die öffentliche Infrastruktur sowie die
Ausnahmeregelungen für Verteidigung. Warum läuft es immer noch nicht rund?
Bofinger: Das war eine Riesenchance. Aber weil sie eben keinen Masterplan
hat, gibt die Bundesregierung das Geld an den falschen Stellen aus. Allein
für die Senkung der Netzentgelte gibt Merz 6,5 Milliarden Euro aus.
Insgesamt sind für die Reduzierung der Energiekosten im Bundeshaushalt und
im Sondervermögen rund 30 Milliarden Euro veranschlagt, während es für die
gesamte Hightech-Agenda lediglich 4,5 Milliarden Euro sind.
taz: Auch die Gewerkschaften haben mit dem [4][Industriestrompreis] für
niedrigere Energiekosten geworben. War das falsch?
Bofinger: Es kommt immer auf die Dosis an. Und der kriselnden
Automobilindustrie wäre mit einer großzügigen Kaufprämie für Elektroautos
sicherlich mehr geholfen als mit der milliardenschweren Absenkung der
Netzentgelte.
taz: Dafür hat die Bundesregierung in Brüssel erfolgreich für die
[5][Aufweichung des Verbrenner-Aus] geworben.
Bofinger: In zehn Jahren werden wir darüber lachen. Es zeigt aber auch, wie
rückständig wir in Deutschland sind. Die technologische Entwicklung im
Bereich der Elektromobilität ist so rasant, dass Verbrennermotoren bald
nicht mehr konkurrenzfähig sind. Deswegen braucht es in der Transformation
nicht allein Hilfen für die bestehende Industrie, sondern auch die
Förderung neuer. Statt über das Verbrenner-Aus hätte die Bundesregierung
lieber diskutieren sollen, wie sie die Kompetenzen bei der Künstlichen
Intelligenz bündelt.
taz: Da geht es sicherlich auch ums Geld. Wo sind die größten Baustellen
beim Budget?
Bofinger: Die Bundesregierung muss erst einmal transparent machen, wofür
sie wie viel Geld ausgibt. Es ist zum Beispiel nirgends öffentlich
aufgelistet, wofür die Milliarden aus dem Klimatransformationsfonds
ausgegeben werden. Will man das wissen, muss man sich mühsam durch den 3400
Seiten langen Bundeshaushalt arbeiten. Dabei ist der Fonds das wichtigste
Instrument zur klimaneutralen Transformation.
taz: Auch die Wirtschaft ist unzufrieden. BDI-Chef Peter Leibinger sprach
jüngst von einer „aggressiven Stimmung“ der Unternehmen gegenüber der
Bundesregierung.
Bofinger: Die Unternehmen sollten vor allem mit sich selbst unzufrieden
sein. Die Krise der Industrie ist hausgemacht. Die Unternehmen haben
jahrelang fantastische Gewinne gemacht, ohne zu merken, dass sich der Wind
langsam dreht. Nun haben die chinesischen Konzerne die hiesigen Autobauer
in Sachen Elektromobilität überholt. Beim Thema Digitalkompetenz ist es
genau so. Und die viel kritisierte Bürokratie ist nicht daran schuld.
taz: Die Unternehmen beklagen nicht nur zu viel Bürokratie und
Energiekosten. Auch die Arbeitskosten sind angeblich zu hoch. Die Menschen
sollen länger arbeiten, in der Diskussion ist auch die Streichung von
Feiertagen. Würde das helfen?
Bofinger: Das Problem ist nicht, dass die Menschen zu wenig arbeiten. Die
Anzahl der Erwerbstätigen und die von ihnen geleisteten Arbeitsstunden sind
auf einem historischen Höchststand. Wenn Politik und Wirtschaft nichts
unternehmen, dann werden in zwei, drei Jahren nicht fehlende Arbeitskräfte,
sondern fehlende Arbeitsplätze das Problem sein.
3 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schuldenbremse-und-Sondervermoegen/!6072532
(DIR) [2] /Neue-Berater-der-Wirtschaftsministerin/!6108075
(DIR) [3] /Umstrittenes-Gutachten-zur-Energiewende/!6141505
(DIR) [4] /Stromsteuerdebatte/!6128488
(DIR) [5] /Aus-vom-Verbrenner-Aus/!6136108
## AUTOREN
(DIR) Simon Poelchau
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Schuldenbremse
(DIR) Wirtschaft
(DIR) Infrastruktur
(DIR) Wirtschaftswachstum
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Katherina Reiche
(DIR) Erneuerbare Energien
(DIR) Industrie
(DIR) Schuldenbremse
(DIR) Kolumne Die eine Frage
(DIR) Kanzler Merz
(DIR) Dieselskandal
(DIR) Wirtschaftsweisen
(DIR) Sachverständigenrat
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Wirtschaftlicher Lichtblick: Mehr zu tun für die Industrie
Die Industrie konnte im November einen überraschend starken Zuwachs an
Aufträgen verzeichnen. Grund sind vor allem staatliche Großaufträge.
(DIR) Reform der Schuldenbremse: Keine Ausnahme für Kriegskredite
Der Staat belebt mit kreditfinanzierten Investitionen die Konjunktur.
Schuldenbremsen-Ausnahmen fürs Militär bergen laut einer Studie aber
Risiken.
(DIR) Mit Zuversicht ins neue Jahr: Was machen wir aus unserer Mehrheit?
2026 stehen politische Weichenstellungen in einigen Bundesländern an. Keine
Panik! Es gibt eine Mehrheit für ein liberaldemokratisches Deutschland.
(DIR) Neujahrsansprache des Bundeskanzlers: Kein Wort über die wirtschaftlichen Sorgen der Bürger
Bundeskanzler Friedrich Merz redet in seiner Neujahrsansprache viel über
Wirtschaft. Er kündigt „grundlegende Reformen“ an. Das ist eine Drohung.
(DIR) Aus vom Verbrenner-Aus: Der lange Arm der deutschen Autolobby erschlafft in Brüssel
Die Abkehr vom Verbrenner-Aus ist schlecht fürs Klima. Aber der Kompromiss
zeigt: Die deutsche Autolobby hat nicht mehr viel Macht in Brüssel.
(DIR) Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen: Regierung verkleckert Sondervermögen
Die Ökonom:innen kritisieren, dass zu wenig Geld aus dem
Infrastrukturfonds in zusätzliche Investitionen fließt. Das schade der
Konjunktur.
(DIR) Die Wirtschaftsweisen: Keiner hält sich mehr ans Gelübde
Eigentlich befinden sich die Wirtschaftsweisen in der Schweigeperiode.
Doch insbesondere Veronika Grimm ist sehr mitteilsam.