# taz.de -- Merz will Arbeitszeitgesetz abschaffen: Wer falsche Liberalisierung sät, wird Klassenkampf ernten
       
       > Beim IHK-Empfang in Sachsen-Anhalt sagt Kanzler Merz, dass er das
       > Arbeitszeitgesetz loswerden wolle – und beweist erneut, dass er als
       > Kanzler nicht geeignet ist.
       
 (IMG) Bild: Sven Schulze (l, CDU), Wirtschaftsminister des Landes Sachsen-Anhalt und Bundeskanzler Friedrich Merz beim Neujahrsempfang der IHK
       
       Auf eine dumme Aussage kann einem in Sachsen-Anhalt so manches raue Wort
       entgegen schwappen: „Hammse dir ins Jehirn jeschissen?“, „Haste Lack
       jesoffen?“ oder „Bei dir reechnets wohl rinn?“, zum Beispiel. Manchmal
       formuliert mit einem Augenzwinkern, bei Weitem nicht immer.
       
       Nicht unangemessen wäre eine solche Reaktion am Mittwoch in Halle gewesen,
       als Friedrich Merz dort eine Rede hielt. Beim Neujahrsempfang der
       Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau sagte er, er „würde
       wahrscheinlich das Arbeitszeitgesetz streichen“, wenn er könnte. Die
       „Betriebsparteien und Tarifvertragsparteien“ könnten Arbeitszeiten
       eigenständig miteinander regeln. Den Staat bräuchten sie dazu nicht.
       
       Über den Inhalt lässt sich streiten. Was macht seine Aussage trotzdem dumm?
       Mitunter: falscher Ort, falsche Zeit, Kontext unzureichend bedacht. So
       beweist Friedrich Merz einmal mehr, dass er [1][nicht das Format zum
       Kanzler für alle hat], sondern kaum mehr ist als ein kurzsichtiger
       Klientelpolitiker für die deutsche Wirtschaft. Die applaudierte Merz
       folgerichtig für seinen Vorstoß.
       
       Warum auch nicht? Das Arbeitszeitgesetz regelt grundsätzlich den
       8-Stunden-Tag, Pausen- und Ruhezeiten, und schreibt Zuschläge für Nacht-
       und Schichtarbeit fest. Für Unternehmer*innen verursacht das Gesetz
       somit Mehrkosten. Da kann man schon mal klatschen, wenn es einer loswerden
       will.
       
       ## In Sachsen-Anhalt die meisten Geringverdiener
       
       Nur ist dieser eine eben nicht irgendeiner. Sondern jener, dessen
       eigentliche Aufgabe es ist, gute Politik für alle zu machen. Die meisten
       davon sind Arbeitnehmer*innen. Das Arbeitszeitgesetz schützt sie vor
       übermäßiger Ausbeutung. Und es garantiert ihnen Mehrverdienst oder freie
       Tage, wenn sie mehr als üblich arbeiten müssen. Im arbeitsrechtlichen
       Streitfall können sie sich darauf berufen.
       
       Wer behauptet, Arbeitnehmer*innen könnten solche Abmachungen doch
       einfach ohne ein Arbeitszeitgesetz mit ihren Arbeitgeber*innen
       treffen, verkennt, dass beide Vertragsparteien eines nur ganz selten sind:
       auf Augenhöhe. Gerade im Niedriglohnsektor gibt die Geschäftsleitung häufig
       vor, wie lange gearbeitet wird. Ohne einen gesetzlichen Rahmen könnte sie
       Arbeitszeiten nach Belieben ausweiten.
       
       Wer sehen will, wie es einer kapitalistischen Gesellschaft ergeht, wenn
       Arbeitszeiten nicht gesetzlich reguliert sind, muss in den
       Geschichtsbüchern einige Jahrzehnte zurückblättern. 1918 erkämpften
       Arbeiter*innen den 8-Stunden-Tag, weil ihnen das Schuften
       gesundheitlich an die Substanz ging. Heute weiß man: Nach 8 Stunden
       täglicher Arbeitszeit steigt das Unfallrisiko am Arbeitsplatz exponentiell.
       
       Dass Merz seine rückwärtsgewandte Idee nun ausgerechnet in Sachsen-Anhalt
       auspackt, ist besonders daneben. In dem Land arbeiten anteilig mit die
       meisten Geringverdiener. Und die Tarifbindung ist hier – wie in fast allen
       Ostländern – besonders niedrig. Heißt: Tarifverträge, die zu einem
       Machtausgleich zwischen Angestellten und ihren Chefs führen, gibt es hier
       seltener als anderswo in der Republik.
       
       ## Was treibt diesen Kanzler?
       
       Und was Merz' Timing angeht: In Sachsen-Anhalt wird bald gewählt. Die
       rechtsextreme AfD liegt letzten Umfragen zufolge weit vorn. Unter anderem,
       weil sie die Abstiegsängste und Nach-Wende-Traumata der Menschen hier zu
       instrumentalisieren weiß. Mit seiner überheblichen und weltfremden Aussage
       liefert Kanzler Merz den Rechtsextremen Stoff im Wahlkampf. Nicht etwa,
       weil die seine Aussage wirtschaftspolitisch nicht gutheißen würden. Aber
       die Gemüter lassen sich damit erhitzen.
       
       Stellt sich einmal mehr die Frage: Was treibt diesen Kanzler? Glaubt er
       wirklich, ohne das Arbeitszeitgesetz ginge es allen besser, könne der
       Wohlstand im Land endlich wieder florieren? Oder wollte er womöglich nur
       von einer ganz anderen Debatte ablenken?
       
       Seit Tagen wird in Deutschland über die [2][Erbschaftsteuer] diskutiert.
       Für die CDU eine unangenehme Debatte, hat sie doch versprochen, mit ihr in
       der Regierung werde es keine Steuererhöhungen geben. Zu allem Übel gibt es
       auch noch gute Gründe und viel gesellschaftlichen Rückhalt für die
       Erbschaftsteuer. Ein Ausweichmanöver wäre ein klassischer Merz-Move: im
       Zweifel einfach über Deregulierung schwadronieren.
       
       Doch könnte das eben auch zum Bumerang werden. Wenn Menschen krank werden
       und sich Ausfälle in den Betrieben häufen, schadet das der Wirtschaft. Wenn
       es den Menschen irgendwann selbst reicht, wie beispielsweise im Jahr 1919,
       könnten sie sich wieder erheben und für ihre Rechte eintreten. Es gilt: Wer
       falsche Liberalisierung sät, wird Klassenkampf ernten.
       
       15 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Tobias Bachmann
       
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