# taz.de -- Neues Freihandelsabkommen: Die EU setzt auf Indien
> Beim Indien-EU-Gipfel sollen ein Handelsabkommen und eine neue
> Sicherheitspartnerschaft auf den Weg gebracht werden. Auch wenn
> Differenzen bleiben.
(IMG) Bild: Kanzler Merz war dieses Jahr schon in Indien, nun reist Parteikollegin und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nach Delhi
Soldat:innen probten in den vergangenen Tagen den Marsch. Am Montag soll
bei der Parade zum 77. Tag der Republik in der indischen Hauptstadt Delhi
alles reibungslos ablaufen. Die diesjährigen Ehrengäste wurden ebenso mit
Bedacht gewählt: EU-Ratspräsident António Costa und
[1][EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen] reisen an.
Die Stimmung ist auf Einigkeit gepolt: von der Leyen erklärte vor ihrem
Abflug auf X, dass „die Mutter aller Handelsabkommen“ zwischen Indien und
der EU bevorstehe. Sie nutzte einen Begriff vom indischen Handelsministers
Piyush Goyal, der von einem „großartigen Deal“ für Indiens Exportsektor
spricht.
Bereits bei ihrem Besuch im Frühjahr 2025 zeigte sich die EU-Präsidentin
optimistisch. Damals rechnete man in Brüssel, Berlin und Delhi wohl mit
Spannungen im Verhältnis zu den USA. Das Ausmaß überrascht jedoch. Umso
mehr scheint die Zeit gekommen, andere Partnerschaften zu vertiefen.
Seit dem Jahr 2007 verhandeln Indien und die EU über ein umfassendes
Freihandelsabkommen. Nach dem [2][verzögerten Mercosur-Abkommen] soll am
Dienstag beim 16. Indien-EU-Gipfel mit Premierminister Narendra Modi von
der hindunationalistischen Volkspartei BJP ein Durchbruch verzeichnet
werden. Neben dem Abkommen stehen eine Sicherheits- und
Verteidigungspartnerschaft sowie rund 100 weitere Projekte auf der Agenda,
heißt es aus Brüssel.
## Indien hat strategische Bedeutung für EU
Längst hat Indien für Europa an Bedeutung gewonnen, was sich auch an der
Dichte hochrangiger Besuche zeigt. EU-Vertreter betonen die strategische
Bedeutung: „Es ist ein zentraler Baustein, um Lieferketten zu
diversifizieren und Abhängigkeiten zu verringern“, sagte ein hochrangiger
EU-Vertreter aus Brüssel gegenüber Medienschaffenden. „Das Abkommen öffnet
neue Märkte, stärkt unsere wirtschaftliche Resilienz und bildet ein
strategisches Fundament für die Zukunft.“
Für die EU geht es nicht nur um besseren Zugang zum indischen Markt, der
1,4 Milliarden Menschen und eine wachsende Wirtschaft umfasst. Die
Botschaft lautet, sich in Zeiten wachsenden Protektionismus nicht allein
auf die USA zu verlassen und zugleich die Abhängigkeit von China zu
reduzieren. Bundeskanzler Friedrich Merz unterstrich diese Linie bei seinem
jüngsten Antrittsbesuch in Indien.
Heikle Themen bleiben. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine wird
dabei ausgeklammert. In Brüssel akzeptiert man, dass Indien den Krieg
anders bewertet. Langfristig kann Moskau nicht mit der Attraktivität
Europas konkurrieren. Beim Handel dürften Landwirtschaft und Milchprodukte
ausgeschlossen oder nur begrenzt einbezogen werden. Auch der
CO₂-Grenzausgleich (CBAM), Zölle und Kontingente für Autos, Stahl oder Wein
aus der EU stehen zur Debatte. Indien hofft auf besseren Zugang für Exporte
wie Erdölprodukte, Textilien, Elektronik, Edelsteine und Schmuck.
Angesichts der seit Mitte 2025 geltenden 50-prozentigen Zölle der USA
treibt Delhi zügig das neunte Abkommen in vier Jahren voran. Deutsche
Experten verweisen darauf, dass jüngere Abkommen etwa mit Australien oder
Großbritannien weniger tiefgreifend seien als die EU-Abkommen mit
Neuseeland oder Indonesien, doch die Zeit drängt. Unterdessen erreichte
Indiens bilateraler Warenhandel mit der EU ein Volumen von 136,53
Milliarden US-Dollar – mit einem leichten Handelsüberschuss zugunsten der
EU von rund 15 Milliarden US-Dollar.
## Chancen zur Diversifizierung
Der Gipfel bietet die Chance, Europas Diversifizierungsstrategie
voranzubringen. Nicht nur um Zollsenkungen voranzubringen, sondern um
breitere Lieferketten und industrielle Kooperationen, etwa in der
Wasserstoffwirtschaft, der Solarindustrie, dem Maschinenbau oder bei
pharmazeutischen Vorprodukten zu etablieren.
Auch [3][Fachkräfte] stehen auf der Agenda, über Quoten entscheiden jedoch
die EU-Staaten. In Delhi werden ebenfalls die Vorteile gesehen, darauf
verweist [4][Garima Mohan], indischstämmige Wissenschaftlerin beim German
Marshall Fund: „In einer Welt zerbrochener Allianzen und Partnerschaften
brauchen Europa und Indien einander wie nie zuvor.“
25 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Undurchsichtige-Ruestungsauftraege-der-EU/!6143786
(DIR) [2] /Mercosur-Abstimmung-im-EU-Parlament/!6147721
(DIR) [3] /Antrittsbesuch-des-Aussenministers/!6107973
(DIR) [4] https://www.gmfus.org/news/long-time-coming
## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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