# taz.de -- Reiseforscher im Gespräch: Wie geht nachhaltiger Tourismus?
> Schon mit kleinen Änderungen kann man Reisen umweltfreundlicher und
> besser für die lokale Bevölkerung gestalten, sagt Tourismusforscher Dirk
> Reiser.
(IMG) Bild: In Amsterdam wurde AirbnB verboten
taz: Herr Reiser, was bedeutet [1][nachhaltiges Reisen]?
Dirk Reiser: Beim nachhaltigen Reisen geht es um die optimale Nutzung von
Ressourcen und nicht um die maximale Nutzung im kapitalistischen Sinne.
Dabei gilt es, vier Dimensionen in den Blick zu nehmen: ökologische,
soziale, ökonomische und politische Aspekte. Das erzeugt ein
Spannungsverhältnis: Was positiv für die Nachhaltigkeit eines Unternehmens
ist, kann auf anderer Ebene negative Folgen haben. Da muss der Staat
regulierend eingreifen. Es kann aber auch bedeuten, dass man auf
individueller Ebene auf manche Dinge verzichten muss.
taz: Indem man nicht mehr fliegt oder keine Kurztrips bucht? Was sollte man
bleiben lassen?
Reiser: Da gibt es viele Dinge auf der sogenannten Kundenreise, die man
beachten kann. Bevor ich losfahre, kann ich mir Gedanken darüber machen,
was ich buche. Haben etwa die Unterkünfte bestimmte Zertifizierungen? Viele
werden vom Globalen Rat für nachhaltigen Tourismus (GSTC) unterstützt. Das
wird dann auch entsprechend gekennzeichnet. Wenn ich unbedingt fliegen
muss, kann ich auf die Anzahl der Zwischenstopps achten. Start und Landung
sind besonders energieaufwendig. Atmosfair gibt zum Beispiel an, wie
energieeffizient verschiedene Fluggesellschaften sind. Bei Kurz- oder
Mittelstrecken könnte man auch auf andere Fortbewegungsmittel umsteigen.
taz: Es gibt viele [2][Zertifi]kate. Wie kann man sicherstellen, dass diese
auch halten, was sie versprechen?
Reiser: Eine Vielzahl der Zertifizierungen basiert auf den Kriterien des
GTSC. Das ist ein guter Indikator. In Deutschland gibt es außerdem die
CSR-Siegel, zum Beispiel vom Forum Anders Reisen. Die bieten kleine,
nachhaltige Reisen an.
## Stellschrauben auf individueller Ebene
taz: Kommen wir noch mal zurück zur Datenlage: Wie viele Menschen in
Deutschland machen nachhaltig Urlaub?
Reiser: Das ist schwer zu sagen, denn dafür bräuchte es ein gemeinsames
Verständnis davon, was Nachhaltigkeit bedeutet. Aber es gibt den
T[3][ourismuspolitischen Bericht der Bundesregierung], der sich auch mit
dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Da geht es darum, Lebensgrundlagen in den
Reiseländern langfristig zu sichern und eine sozial verträgliche
Entwicklung vor Ort zu fördern.
taz: Gibt es andere Ansätze über die Kundenreise hinaus?
Reiser: Man sollte sich fragen, ob es wirklich jedes Jahr die große Reise
sein muss. Es gibt etwa die Idee eines Dreijahresrhythmus. In einem Jahr
darf man international verreisen, im anderen national und im dritten gar
nicht.
taz: Wie sieht es bei der [4][Freizeitgestaltung] vor Ort aus?
Reiser: Da gibt es auch einige Stellschrauben. Setze ich mich zum Essen in
ein lokales Restaurant, das die Menschen vor Ort unterstützt? Oder besuche
ich eine globale Kette wie L’Osteria?
taz: Warum bleiben wir nicht einfach zu Hause? Das wäre doch nachhaltiger.
Reiser: Also zuallererst einmal will ich betonen, dass das Reisen etwas
Großartiges ist. Ich mag das negative Bild, das oft – auch vom
Massentourismus – vermittelt wird, nicht. Reisen können zum Beispiel die
eigene kulturelle Kompetenz fördern. Teilweise profitiert auch die lokale
Bevölkerung vom Tourismus. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass man es auf
individueller Ebene oder vonseiten der Industrie oder Politik nicht besser
machen könnte.
## Umverteilung mit CO2-Karten?
taz: In Städten geht Tourismus oft mit [5][Belastungen der lokalen
Bevölkerung durch immense Mietsteigerungen] einher. Wie kann man damit
umgehen?
Reiser: Grundsätzlich denke ich, dass man nicht an gesetzlichen Regelungen
vorbeikommt. Die kapitalistische Theorie der unsichtbaren, alles
regulierenden Hand ist überholt. In Deutschland gibt es den Hebel des
sozialen Wohnungsbaus. Ich glaube, dass da auch die Tourismusindustrie
Druck ausüben kann. In Städten wie [6][Amsterdam wurde Airbnb verboten].
Das ist eine drastische Maßnahme, aber wahrscheinlich gibt es an manchen
Orten keine Alternative.
taz: Der Nachfragemonitor Nachhaltigkeit bei Urlaubsreisen hat gezeigt,
dass nachhaltige Reisen durchschnittlich oft günstiger sind. Trotzdem
buchen die Reisenden häufig weniger nachhaltige Alternativen. Vermutlich
ist der Flug auf eine Mittelmeerinsel billiger als der Zug ins Nachbarland.
Wie ließe sich nachhaltiges Reisen attraktiver für Menschen gestalten,
deren Geldbeutel nicht so voll sind?
Reiser: Da gibt es Ideen der Umverteilung über [7][Kreditkarten und
CO2-Emissionen]. Beim Bezahlen muss man nicht nur die Kreditkarte, sondern
auch eine CO2-Karte in eine Maschine stecken. Jede Person hat da das
gleiche Budget. Und wenn das eigene CO2-Budget verbraucht ist, kann man
sich zusätzliches kaufen: von einer Person, die ihres nicht genutzt hat.
Das sind in der Regel Menschen mit geringerem Einkommen. Und die können
dann wiederum das Geld nutzen, um selbst zu verreisen.
taz: Nachhaltigkeit ist auch ein Ziel der Vereinten Nationen. Wie kann man
gewährleisten, dass die Maßnahmen wirklich Umwelt und Menschen
zugutekommen?
Reiser: Politisch geht es hierbei um Anreize und Vorgaben durch Gesetze.
Schauen wir noch einmal auf die Wohnsituation: Die Tourist*innen selbst
haben da kaum Möglichkeiten, etwas zu bewirken. Da muss es staatliche
Initiativen geben.
29 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Reisen-in-der-Klimakrise/!6001807
(DIR) [2] /Umweltzertifikate-als-Ablassbrief/!5995947
(DIR) [3] https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Tourismus/tourismuspolitischer-bericht.html
(DIR) [4] /Nachhaltigkeit-im-Alltag/!5243854
(DIR) [5] /Auswandern-nach-Spanien/!6111248
(DIR) [6] /Tourismus-Experte-ueber-Amsterdam/!5467418
(DIR) [7] https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/emissionshandel-co2-card-fuer-alle-30186784.html
## AUTOREN
(DIR) Elias Batz
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