# taz.de -- Buch zur Geschichte des Tourismus: Badespaß und Klassendünkel
       
       > In „Traum Zeit Reise“ geht der Tourismusforscher Hasso Spode zurück zu
       > den Anfängen des Massentourismus. Dessen moderne Effekte betrachtet er zu
       > mild.
       
 (IMG) Bild: Wo bitte geht’s zum Meer? Der Tourismus dringt im 21. Jahrhundert selbst in die entlegensten Gegenden vor
       
       Der Tourismus hat die Welt im Griff – weltweit ca. 1,5 Milliarden
       Gästeankünfte jährlich sprechen eine klare Sprache. Doch dem scheinbar
       grenzenlosen Wachstum stellen sich immer mehr Menschen in den Weg – von
       [1][Barcelona] über Amsterdam bis hin zu Venedig und Südtirol: „Tourists go
       home!“
       
       Der Frage, wie sich dieser Tourismus aus bescheidenen Anfängen heraus so
       weit entwickeln konnte, geht der Historiker und Soziologie Hasso Spode in
       seinem Buch „Traum Zeit Reise“ nach. Am Anfang steht die Frage, wann und
       warum die vielfältigen Formen von Unterwegssein in das Phänomen Tourismus
       übergingen. Noch im Mittelalter waren die Reisen von Pilgern nach Rom,
       Jerusalem oder Santiago de Compostela oder auch die Reisen in ein Heilbad
       primär an einen Zweck gebunden.
       
       Erstmals 1770 taucht das Wort „Tourist“ im Englischen auf, Grimms
       Wörterbuch nannte um 1830 einen Touristen jemand, der „zu seinem Vergnügen,
       ohne festes Ziel eine längere Auslandsreise unternimmt“ und sprach vom
       „Reisepöbel“, der als „schafsdämliche Herde in fremde Gefilde einfällt“.
       Der Begriff „Tourismus“ war da noch nicht gebräuchlich, man sprach bis um
       1950 von „Fremdenverkehr“.
       
       ## Schafsdämliche Herden
       
       Spodes Blick ist zunächst auf die Reisenden, die Touristen gerichtet, auf
       den Wandel in der Wahrnehmung der von ihnen bereisten Landschaften: „Die
       Geburt des Tourismus ist in dem fundamentalen Umbruch des Denkens und
       Fühlens zu suchen, der die Gebildeten im Europa des 18. Jahrhunderts
       erfasste.“ Das wird bereits am sich wandelnden Blick auf die Alpen
       deutlich: Die „entsetzlich schaurige Landschaft“ weicht dem „delightful
       horror“, und die dort lebenden Menschen werden nun zu „imaginären Bewohnern
       eines imaginären Paradieses“ verklärt, die „frei von den Fesseln der
       Zivilisation in Freiheit und Gleichheit“ lebten – arm, aber glücklich. Das
       Wunschbild der romantischen Schweiz war geboren.
       
       Parallel dazu wandelte sich der Blick auf das Meer – das Bild von einem Ort
       des Schreckens (Sturmfluten, Schiffsuntergänge) weicht auch hier zunehmend
       einer romantischen Sichtweise in Literatur und Malerei. Der „reinen
       Gebirgsluft“ und dem Bad im Meer werden nun heilende Wirkungen
       zugeschrieben. Eine neu entstehende Klimamedizin und die Thalassotherapie
       (Meeresheilkunde) begleiten die Karriere zahlreicher „klimatischer
       Höhenkurorte“ und [2][„Seebäder“ an den Küsten] im Norden und Westen
       Europas. Von den ersten „Badekarren“ des 18. Jahrhunderts bis zur
       Inbesitznahme der Meeresstrände inklusive Strandkorb und Sandburgen sollte
       es noch einmal gut hundert Jahre dauern.
       
       ## Loreley und Drachenfels
       
       Am Beispiel von vier deutschen Kernlandschaften – dem „Vater Rhein“, dem
       Harz, dem Thüringer und dem Teutoburger Wald – zeigt Spode, wie historische
       Erinnerungsorte (der Drachenfels, die Loreley, die Wartburg) zur
       Beförderung nationaler Identität genutzt wurden, indem man sie für den
       Tourismus erschloss. Der Rhein wurde so zum deutschen Strom schlechthin und
       damit zum Sehnsuchtsort eines vermeintlich unverfälschten deutschen
       Mittelalters. Auch wenn viele der Burgen, die nun am Auge der Reisenden
       vorbeizogen, erst im 19. Jahrhundert im Stil der Neogotik errichtet wurden.
       
       Spode unterscheidet vier Phasen der Entwicklung: Die Geburt des „Homo
       Touristicus“ (Zeitalter der Aufklärung und der Romantik), die
       „Ausbreitungs- und Formierungsphase“ vom frühen 19. Jahrhundert bis nach
       dem Zweiten Weltkrieg, die Entwicklung zum modernen Massentourismus nach
       dem Zweiten Weltkrieg, und zuletzt dessen weltumspannende und
       schichtenübergreifende „Normalisierung“. Zugleich arbeitet er einige
       Grundmuster heraus, die uns in jeder Phase begegnen: Zum einen wuchs stetig
       die Zahl von Menschen, die sich überhaupt eine Reise, einen Urlaub leisten
       konnten. Noch um 1800 waren dies weniger als ein Prozent der Bevölkerung.
       Hundert Jahre später hatte sich das grundlegend geändert.
       
       Voraussetzung, aber nicht Ursache dafür waren drei „touristische
       Basis-Innovationen“: Reisehandbücher und Reiseführer (Murray, Baedeker,
       Grieben und andere) erschlossen fremde Räume zunächst auf dem Papier,
       bündelten, lenkten und verstärkten Reiseströme und formten mit ihren
       Empfehlungen den touristischen Blick.
       
       ## Es lag auch an der Eisenbahn
       
       Die Transportrevolution, erst zu Wasser (Kanalbauten, Flussbegradigungen,
       Dampfschifffahrt) und dann zu Land (Eisenbahnen, Bergbahnen), schuf neue
       Kapazitäten in ungeahnten Dimensionen: Um 1840 beförderten die deutschen
       Bahnen rund 200.000 Personen, 1913 waren es 1,3 Milliarden. Die Gründung
       von Alpenvereinen für das Bürgertum, von Wander- und Radfahrervereinen für
       weitere Schichten, dazu die Anfänge einer professionell betriebenen
       Fremdenwerbung wirkten hier ebenso als Katalysatoren wie Anfänge eines
       Rechts auf Urlaub.
       
       Dem gewandelten Blick auf die Alpen folgte deren Eroberung, zunächst in
       Gestalt einer Jagd nach „Erstbesteigungen“, bei der anfänglich die
       Engländer führend waren. Als 1865 selbst das steil aufragende Matterhorn
       besiegt war, setzte sich das Spiel mit der Begehung besonders schwieriger
       Routen oder mit einem Run auf weibliche Erstbesteigungen fort. Als „virtuos
       organisiertes und vermarktetes Produkt“, als „Land der großen Natur und der
       reinen Menschheit“ fuhr man in der Schweiz nun „die Ernte ein, die einst
       eine romantische Avantgarde gesät hatte“.
       
       Doch der Begriff einer „Demokratisierung des Reisens“, der sich hier
       aufdrängt, weckt falsche Assoziationen. Zwar partizipierten immer mehr
       Schichten zunächst des Bürgertums am Tourismus, doch blieben Standes- und
       Klassenunterschiede weiter bestehen: Reisen und Urlaub blieben ein
       Statussymbol, ein Instrument der sozialen und kulturellen Distinktion.
       Schon in der Bahn gab es drei Klassen, auf den großen Schiffen sogar vier.
       
       Selbst im Nationalsozialismus, der mittels des in seinen Dimensionen häufig
       überschätzten staatlich gelenkten „KdF“-Tourismus („Kraft durch Freude“ –
       „der deutsche Arbeiter reist“) der propagierten „Volksgemeinschaft“ einen
       Schub geben wollte, kehrt dieses Bedürfnis nach Abgrenzung wieder: Die
       KdFler fielen der Verachtung der „besseren“ Reisenden anheim, und wer es
       sich leisten konnte, mied die von KdF-Touristen überlaufenen Orte – von
       „Volksgemeinschaft“ konnte keine Rede sein.
       
       Auch deshalb nicht, weil der sich seit dem 19. Jahrhundert ausbreitende
       „Bäder-Antisemitismus“ („Juden sind hier unerwünscht!“) neue Formen der
       Diskriminierung bestimmter Gästegruppen hervorbrachte, die dann im NS-Staat
       in deren völligen Ausschluss vom Fremdenverkehr mündeten.
       
       ## Fortschritt als Ambivalenz
       
       Daneben zieht sich ein drittes Motiv durch Spodes Buch: die Ambivalenz des
       Fortschritts. In Aufklärung und Romantik sieht Spode „zwei Seiten derselben
       Medaille“, weil die neue „Herrschaft der Vernunft“ neben Gewinnen eben auch
       Verluste mit sich brachte. Das Tempo des Fortschritts in Wirtschaft,
       Technik und Kultur, das ungeheure Wachstum von Städten brachte in der Zeit
       der Hochindustrialisierung die Sehnsucht nach „Gegenwelten“ aus einer
       vergangenen Zeit hervor, welche die Touristen mittels der Reise in
       entlegene, vom Fortschritt noch „unberührte“ Räume zu befriedigen suchten.
       
       Diese Räume setzten im Zuge ihrer Touristifizierung alles daran, mittels
       Pflege und Vermarktung heimischen Brauchtums, durch die Anfänge von
       Denkmal-, Heimat- und Naturschutz und durch die werbliche Kreation
       regionaler Identitäten (die sächsische, die fränkische „Schweiz“, die
       „deutsche Riviera“ am Bodensee) den Seh-Süchten des Publikums zu
       entsprechen. „Der Dystopie der Stadt als Ort des Zwanghaften, Künstlichen,
       Geschichts- und Gesichtslosen schlechthin entsprach die Chronotopie des
       touristischen Fremdraums als Ort des Natürlichen, Unverwechselbaren und
       Echten schlechthin.“ Damit hatte Hasso Spode auch den Titel für sein Buch:
       „Traum Zeit Reise“.
       
       ## Kolonisierung und Industrie
       
       Ein viertes Motiv: Die Kolonisierung fremder Räume durch den Tourismus,
       gepaart mit einer wachsenden Industrialisierung des Reisens. Das Auftreten
       von Reiseveranstaltern wie Thomas Cook, von Reedern wie Albert Ballin
       (HAPAG) und anderen Schifffahrtsgesellschaften machten das Reisen zur
       käuflichen Ware und beflügelten dessen Entwicklung zu einem globalen
       Phänomen. Thomas Cook bot Schiffsreisen nach Nordamerika, ins Osmanische
       Reich und vor allem nach Ägypten an, die von den Engländern geschaffene
       koloniale Infrastruktur nutzend und zugleich mit weiter aufbauend. Das im
       Jahre 1913 größte Passagierschiff der Welt trug den passenden Namen
       „Imperator“ und fasste fast 4.300 Passagiere.
       
       Im Grunde war der moderne Tourismus in seinen wesentlichen Konturen bereits
       um 1900 ausformuliert, weshalb die Schlusskapitel über die Entwicklung in
       der Bundesrepublik und in der DDR etwas knapp ausfallen. Nach dem Ersten
       Weltkrieg folgte die stete Zunahme der reisenden Schichten (Angestellte,
       Facharbeiter) und, nach 1950, der finale Durchbruch zum Tourismus der
       breiten Masse (Camping, Auto, Flugreisen) – eine universale und offenbar
       unaufhaltsame Entwicklung.
       
       Spodes Buch könnte zu einem Standardwerk der Tourismusgeschichte werden.
       Eine erweiterte Neuauflage sollte allerdings um zwei wichtige Kapitel
       ergänzt werden: Zum einen um eine Auseinandersetzung mit den wichtigsten
       Punkten der Tourismuskritik auch für die Gegenwart. Spodes Feststellung:
       „Der Tourismus ist kein Projekt der Weltverbesserung. Er soll den einen
       Spaß, den anderen Geld bringen“, greift zu kurz. Es bleibt die Aufgabe,
       sich mit der wissenschaftlichen Literatur zu den politischen, sozialen,
       kulturellen, ökologischen und klimatischen [3][Folgen des heutigen
       Tourismus] auseinanderzusetzen und dies mit den positiven Wirkungen des
       Tourismus kritisch zu bilanzieren.
       
       Dabei müssten auch die Folgen des Klimawandels, an dem der Tourismus
       maßgeblich beteiligt ist, berücksichtigt werden. Dass in Süditalien im
       Sommer inzwischen afrikanische Temperaturen gemessen werden, im Winter
       hingegen 90 Prozent der Pisten in den italienischen Alpen künstlich
       beschneit werden müssen, zeigt, welch massive Veränderungen hier im Gange
       sind. Gerade auch, weil die Branche neben durchaus ernst zu nehmenden
       Bemühungen in ihren Leitbildern und Katalogen inzwischen allzu häufig mit
       Begriffen wie „nachhaltig“, „umweltfreundlich“ oder „klimaneutral“
       hantiert.
       
       11 Mar 2026
       
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