# taz.de -- Klimafreundlich reisen: „Am besten wäre es, aufs Fliegen zu verzichten“
       
       > Atmosfair bietet CO₂-Kompensation für Flüge an. Ein Gespräch darüber,
       > warum das für das Klima nicht reicht und was stattdessen helfen könnte.
       
       taz: Herr Brockhagen, lassen Sie uns mit Zahlen beginnen: Wie viel
       [1][Treibhausgas erzeugt die Luftfahrtindustrie]? 
       
       Dietrich Brockhagen: Wenn wir nur den Kohlendioxidausstoß vom Kerosin
       betrachten, sind es weltweit knapp 3 Prozent aller CO₂-Emissionen. Zudem
       gibt es aber Effekte wie Kondensstreifen und Ozonaufbau in großen
       Flughöhen, die das Klima zusätzlich noch einmal etwa doppelt so stark
       erwärmen wie das reine Kohlendioxid.
       
       taz: Das ist doppelt so viel, wie ganz Afrika mit seinen 1,5 Milliarden
       Menschen produziert. Können wir uns das Fliegen noch leisten? 
       
       Brockhagen: Die Frage ist: Wer ist „wir“?
       
       taz: Wir, die Menschheit. 
       
       Brockhagen: Der überwiegende Teil der Menschen hat noch nie ein Flugzeug
       von innen gesehen, es fliegen nur ungefähr 5 Prozent der Menschheit. Das
       Modell, so wie es jetzt existiert, ist nicht zukunftsfähig. Wenn alle
       Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern so fliegen wollten wie
       wir, wäre das Klima schnell am Ende.
       
       taz: Sie haben für eine Studie Daten geliefert, die Reduktionspotenziale im
       bestehenden System auslotet. Ergebnis: Auch ohne großartige technische
       Revolutionen könnten mehr als die Hälfte aller Treibhausgase der Luftfahrt
       eingespart werden. Nötig wäre erstens, alle Uraltflieger zu verschrotten,
       beispielsweise die Boeings 747, die zum Teil 25, 30 Jahre alt sind. Geht
       das überhaupt? 
       
       Brockhagen: Die Politik könnte rechtliche Auflagen erlassen, die
       Landeentgelte an Flughäfen nach eingesetztem Flugzeugtyp staffeln: Wer mehr
       Treibhausgase produziert, zahlt mehr. Das würde den Einsatz alter Typen
       unattraktiver machen. Ein Verbot wäre dagegen wie eine Enteignung der
       Fluggesellschaften.
       
       taz: Beim Auto hat die Politik in den 80er Jahren wegen des sauren Regens
       beschlossen: Ab sofort nur noch mit Katalysator. Warum sollte so etwas
       nicht auch in der Luftfahrtindustrie funktionieren? 
       
       Brockhagen: Es würde funktionieren, aber einige Airlines würden
       bankrottgehen. Die Luftfahrt ist nicht so profitabel wie die
       Automobilindustrie. Nur Flugzeuge, die über Jahrzehnte im Einsatz sind,
       bringen den Airlines Gewinn. Damit Verbote Erfolg haben können, müssten
       viele Regierungen international gemeinsam an einem Strang ziehen –
       schwierig heutzutage.
       
       taz: Das zweite Potenzial, das die Studie untersucht: verbesserte
       Auslastung. Aktuell liegt die im Durchschnitt bei 83 Prozent. Flugzeuge
       müssen so lange am Boden bleiben, bis sie voll sind? 
       
       Brockhagen: Das Problem ist das Produkt: Das ist extrem homogen, jeder Sitz
       in einem Flugzeug ist gleich und fliegt den gleichen Kilometer. Und ein
       nicht genutzter Sitzplatz verliert seinen Wert schneller als eine Tomate im
       Großhandel. Produktdifferenzierung ist praktisch nicht möglich, weshalb die
       Fluggesellschaften mit der Schönheit ihrer Stewardessen oder mit den
       Unterschieden der Premium- und First Class werben. Ein Rezept der
       vergangenen Jahre war, die Frequenz auf einer Strecke extrem zu steigern,
       die Businesskunden an sich zu binden und alle Wettbewerber von der Strecke
       zu jagen. Das hat zu enormen Überkapazitäten geführt.
       
       taz: Wie könnten die abgebaut werden? 
       
       Brockhagen: Wie bei den Mobiltelefonfrequenzen könnten Staaten
       Flugleistungen ausschreiben. Frankreich und die Bundesrepublik einigen sich
       zum Beispiel darauf, täglich nur ein paar Hin- und Rückflüge von Paris nach
       Berlin zuzulassen, und suchen Anbieter, die die Strecke übernehmen. Das
       würde Überkapazitäten reduzieren, den Wettbewerb verlagern und CO₂
       einsparen. Aber der Luftverkehr ist in Europa seit Jahrzehnten dereguliert,
       ein solches Vorgehen wäre eine Zäsur, und ich bin mir auch nicht sicher, ob
       wir wieder in die Zeit der Marktregulierung zurückwollen.
       
       taz: Dritte Untersuchung der Studie: die [2][Businessclass abschaffen]. Die
       Airlines würden sich wohl heftig dagegen wehren, denn hier machen sie den
       meisten Gewinn. Das Gute an dem Vorschlag: Die meisten Flugreisenden wären
       nicht betroffen. Wie könnte die Umsetzung trotzdem gelingen? 
       
       Brockhagen: Flugticketabgaben sind rechtlich am einfachsten umzusetzen, und
       es gibt schon viele Länder, die Abgaben haben. Auf der letzten
       UN-Klimakonferenz in Belém haben sich wieder die Länder der Arbeitsgruppe
       „Global Solidarity Levies Task Force“ um Frankreich, Spanien und Kenia
       getroffen, unterstützt von der EU-Kommission. Hier gibt es also schon eine
       Vorreiterkoalition, die Privatflüge und Flüge in Business- und
       Premiumklasse stark besteuern wollen.
       
       taz: Sie sind Geschäftsführer der gemeinnützigen Firma Atmosfair, die einen
       eigenen Lösungsansatz für die Klimaproblematik anbietet: die Kompensation.
       Wie funktioniert die? 
       
       Brockhagen: Atmosfair verfügt über eine Datenbank, in der jedes Flugzeug
       des öffentlichen Luftverkehrs weltweit enthalten ist. Verbrauch,
       Triebwerke, Flugroute, Bestuhlung und Auslastung: Wir haben detaillierte
       Daten. Damit können wir berechnen, wie viel Treibhausgas ein spezieller
       Flug und welche Klimaschuld ein Flugticket verursacht.
       
       taz: Entschuldigung, aber individualisiert der Begriff Klimaschuld die
       Verantwortung für die Klimakrise nicht auf unangemessene Weise? 
       
       Brockhagen: Das Verhältnis zwischen Passagier und Airline ist dialektisch.
       Es gibt zwar die verharmlosende Schönfärberei der Airlines in der Werbung.
       Aber man kann der Airline nicht grundsätzlich vorwerfen, dass sie Geld
       verdienen will. Der Staat muss ihr schon den Rahmen setzen, auch wenn er
       das derzeit nicht ausreichend tut. Flüge sind nicht lebensnotwendig wie
       Lebensmittel oder Mietwohnungen, da tragen die Fluggäste schon selbst den
       Großteil der Verantwortung, gerade weil etwa 80 Prozent der geflogenen
       Kilometer Privatflüge sind. Airlines besorgen sich Subventionen von den
       Regionalregierungen der Zielgebiete nach dem Motto: Wenn ihr mir pro Gast
       nicht x Euro zahlt, dann fliege ich nicht zu euch. Das heizt den
       Flugverkehr künstlich an.
       
       taz: Schauen wir mal konkret auf einen Flug von Frankfurt am Main nach Rio
       de Janeiro und zurück. Knapp 3,5 Tonnen Treibhausgase verursacht dieser.
       Atmosfair sagt: Für 105 Euro kompensieren wir das. Wodurch? 
       
       Brockhagen: Wir betreiben zum Beispiel eine eigene Fabrik in Nigeria, in
       der wir Herde produzieren, die lediglich 20 Prozent Energie im Vergleich
       zum Holzfeuer benötigen. Jeder Herd spart also 80 Prozent Treibhausgase
       ein. Aus den Produktionskosten können wir berechnen, wie viel für 3,5
       Tonnen CO₂-Einsparung nötig sind. Diesen Preis bieten wir den Kunden an.
       
       taz: Atmosfair gibt es seit 2005. Sie sagen, das Übereinkommen von Paris
       habe 2015 eine Wende gebracht. Inwiefern? 
       
       Brockhagen: Unter dem zuvor geltenden Kyoto-Protokoll gehörten die
       Emissionsreduktionen den Investoren, die in Entwicklungsländern in
       Cleantech investierten. Wer in Indien eine Solaranlage aufbaute, bekam so
       viele Emissionszertifikate, wie sie fossilen Strom ersetzte. Seit dem
       Pariser Klimaabkommen ist das anders: Jetzt gehören die CO₂-Minderungen
       Indien, der Investor geht erst einmal leer aus.
       
       taz: Sie bekommen aus Ihrem Projekt in Nigeria also auch keine Zertifikate
       mehr? 
       
       Brockhagen: Doch. Wir haben mit den Regierungen in Nigeria, aber auch in
       Ruanda, Nepal und anderen Ländern bilaterale Abkommen nach den Regeln des
       Übereinkommens von Paris abgeschlossen. Darin setzen wir genau die Projekte
       um, die die Länder selbst nicht übernehmen können oder wollen und die ihren
       nationalen Prioritäten entsprechen. Im Gegenzug bekommen wir die
       CO₂-Zertifkate für die Kompensation, nicht die Projektländer, denn sonst
       hätten wir Doppelzählungen. Das Land würde sich die Minderungen anrechnen,
       und wir würden sie noch einmal verkaufen.
       
       taz: Airlines wie die Lufthansa bieten Kunden ebenfalls einen
       „Klimabeitrag“. Was halten Sie von der Konkurrenz? 
       
       Brockhagen: Erstens berechnet keine Airline die volle Klimabelastung ihrer
       Flüge, sondern reduziert sie künstlich um zwei Drittel auf die reinen
       CO₂-Emissionen. Und zweitens kenne ich keine Airline, bei der die
       CO₂-Zertifikate keine Doppelzählungen wären. Das ist also kein
       CO₂-Ausgleich, obwohl die Lufthansa es so bewirbt.
       
       taz: Atmosfair selbst bezeichnet sein Geschäftsmodell lediglich als
       zweitbeste Lösung. Was wäre die erstbeste? 
       
       Brockhagen: Auf das Fliegen zu verzichten.
       
       taz: Die Antwort überrascht mich. Was ist mit den Vorschlägen aus der
       Studie oder einem jährlichen Flugbudget?
       
       Brockhagen: Seit über 40 Jahren haben die Zuwächse im Luftverkehr die
       enormen Effizienzgewinne etwa durch sparsamere Flugzeuge zunichtegemacht,
       die Emissionen sind insgesamt gestiegen. Die Hebel sind: weniger fliegen,
       Effizienzsteigerung und für die verbleibenden Flüge synthetisches
       E-Kerosin.
       
       taz: Die Branche hat sich verpflichtet, [3][bis 2050 klimaneutral] zu
       werden. Schafft sie das? 
       
       Brockhagen: Das glaube ich nicht. Der Plan der International Air Transport
       Association besteht aus drei Säulen. Erstens sollen Effizienzgewinne
       gehoben werden, zweitens sollen „ökonomische Instrumente“ greifen, drittens
       soll klimaverträgliches Kerosin kommen. Die Fluglinien wollen dies aber
       nicht selbst entwickeln, und Firmen wie Shell drücken sich.
       
       taz: Atmosfair gibt es jetzt seit 20 Jahren, Ihre gemeinnützige GmbH hatte
       jüngst 30 Millionen Euro Umsatz. Wie hat sich das Geschäft entwickelt? 
       
       Brockhagen: Es lief schon mal besser. Vor einigen Jahren deckten
       Journalisten und Wissenschaftler zum Glück auf, dass es etliche
       Kompensationsprojekte nur auf dem Papier gab, die also dem Klima gar nichts
       brachten. Das hat großen Schaden verursacht, nach dem Motto: Wenn’s eh
       nichts bringt, können wir’s auch lassen.
       
       taz: Atmosfair war von diesem Skandal nicht betroffen? 
       
       Brockhagen: Es ging im Wesentlichen um Aufforstungsprojekte, die wir aber
       nie gemacht haben. Außerdem unterwerfen wir unsere Projekte freiwillig den
       Prüfungen für den Paris-Standard, daher waren unsere Projekte nie
       betroffen. Trotzdem waren diese Meldungen nicht gut für uns, denn für
       Kunden ist das alles nur schwer auseinanderzuhalten, auch wenn wir bei
       Stiftung Warentest immer Testsieger mit Bestnoten waren. Dazu kommen die
       globalen Autokraten wie Trump oder Putin: Klimaschutz ist heute kaum noch
       Frühstücksgespräch am Familientisch, wo die Tochter den Papa fragt, warum
       er noch mit dem Auto zur Arbeit fährt oder warum die Familie jedes Jahr in
       den Urlaub fliegt.
       
       29 Jan 2026
       
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